Das verkaufte Land
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Wer zuletzt lacht... (Bild: Fotolia)

Thomas Brändle Das verkaufte Land

7 min Lesezeit 31.08.2015, 14:58 Uhr

Für gewöhnlich sind die Memoiren von Politikern etwas langweilig und selbstgefällig. Aber es gibt erfreulich selbstkritische Ausnahmen.

Thomas Brändle – Für gewöhnlich sind die Memoiren von Politikern etwas langweilig und selbstgefällig. Aber es gibt erfreulich selbstkritische Ausnahmen:

Das verkaufte Land

Noch vor nicht allzu langer Zeit lebte die Mehrheit unserer Bevölkerung von der Landwirtschaft. Es gab auch viele gewerbliche Betriebe wie Schreinereien, Bäckereien oder Metzgereien, die die Bedürfnisse der Mitmenschen befriedigten, und einige Fabriken, die innovative, den Menschen nützliche Produkte herstellten, die sie sogar in andere Volkswirtschaften verkaufen konnten. Im Gegenzug kauften wir von diesen Güter, Dienstleistungen und Rohstoffe, welche sie aufgrund anderer Voraussetzungen besser herstellen konnten. Wir hatten so viel zu tun, dass auch Menschen aus den angrenzenden Regionen bei uns arbeiten konnten, ohne dass dadurch die Löhne der Einheimischen sanken. Nach der Arbeit sass man oft zusammen, erzählte einander Neuigkeiten aus der Familie oder aus dem Freundeskreis. Man kannte und vertraute einander. Jeder wusste, wenn es einem mal nicht so gut ging, würden die anderen Anteil nehmen, sich kümmern und sogar für einen bürgen.

Der Wettbewerb ökonomischer Glaubenslehren führte bald zur Gründung einer eigenen Hochschule für Wirtschaft. Unser kleines, überschaubares und politisch neutrales Land war schnell beliebt bei renommierten Professoren und Lehrern aus der ganzen Welt. Innert weniger Jahrzehnte wuchs der materielle Lebensstandard unseres Volkes um ein Mehrfaches. Immer mehr Menschen konnten die produktive Landwirtschaft, das Werte schöpfende Gewerbe und die produzierende Industrie für andere Tätigkeiten freistellen. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger mussten bald nicht mehr ihr Land bearbeiten, auf Baustellen schwere Arbeiten verrichten oder in Fabriken Maschinen oder Kleider herstellen, ohne Angst vor Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg oder gar Hunger haben zu müssen.

Bald öffneten wir unsere Grenzen vollständig für Kapital, Arbeitssuchende, Güter und Dienstleistungen. Wir senkten die Unternehmens- und Vermögenssteuern, um Firmen und Rentner aus dem Ausland bei uns anzusiedeln, und wurden stolze Betreiber von Yachtclubs, hoch bezahlte Rechtsanwälte, motivierte Banker, gut dotierte Verwaltungsbeamte, findige Steuerberater und erfolgreiche Geschäftsleute. Bald bezahlten wir für die Lebensmittel aus immer weiter entfernten Ländern nur noch einen Bruchteil unserer Einkommen, denn die eigene Landwirtschaft war längst zu teuer, zu unrentabel geworden. Häuser und Strassen wurden zunehmend preisgünstig von Menschen gebaut, deren Sprache und Mentalität wir kaum mehr verstanden. In trendigen Restaurants und Landbeizen wurden wir von Personal aus aller Herren Länder bedient, mit dem wir kaum privaten Kontakt pflegten. Aus Arbeitern wurden Beschäftigte, aus Kunden wurden Verbraucher und aus Bürgern Steuerzahler.

Nur unser Dorfbäcker verpasste seine Chance einen höher qualifizierten Beruf zu ergreifen.

Wir verkauften unsere schönsten Landstücke an reiche Steuerzahler, unabhängig davon, wie diese zu ihren exorbitanten Vermögen gekommen waren. Die stinkenden, viel Platz benötigenden Fabriken wurden abgerissen. Dort entstanden stattdessen schicke Einkaufsstrassen und grosszügige Flaniermeilen. Neue Kernkraftwerke mussten wir nicht bauen, weil wir billigen Strom vom Nachbarstaat kaufen konnten.

Nur unser Dorfbäcker verpasste seine Chance einen höher qualifizierten Beruf zu ergreifen. Statt zum Beispiel auf Vermögensverwaltung, Finanzdienstleistung oder Unternehmensberatung umzuschulen, wollte er weiterhin nur sein Brot und seine Torten backen. Bald aber musste er seinen Laden schliessen, weil die Kunden seine Preise nicht mehr bezahlen wollten, die die steigenden Mieten, Krankenkassenprämien und Lebenshaltungskosten seiner Familie und Angestellten erforderten. An die Stelle der Dorfbäckerei kam eine Tankstelle mit Supermarkt, Postschalter und Geldautomaten – rund um die Uhr geöffnet. Die Brote und Torten wurden wie bald alle Lebensmittel täglich mit grossen Lastwagen aus Regionen angeliefert, die wir nur aus dem Fernsehen kannten.

Wir privatisierten unsere Strassen, verkauften unsere staatliche Telekommunikationsgesellschaft, die Energieversorgung und auch die Post an Unternehmen aus anderen Regionen der Welt, wodurch die Gebühren und Preise zunächst massiv gesenkt werden konnten. Wir schwammen im Geld. Unsere Regionalbanken wurden dafür schnell zu klein und konnten durch Fusionen mit international operierenden Grossbanken gerettet werden, was uns den Zugang zu internationalen Märkten erleichterte. Auch unsere Landeswährung hatten wir aufgegeben. Es wurde zu aufwändig, eigene Münzen und Banknoten herzustellen. Wir schlossen uns der Zentralbank des Kontinents an, die bald komplett auf den elektronischen Zahlungsverkehr setzte und so das Kaufen und Verkaufen massiv vereinfachte. Selbst die Zeitung am Kiosk konnte man mit Plastikgeld bezahlen.

Mit dem vielen Geld konnten wir uns an Fabriken und Unternehmen im preisgünstigen Ausland beteiligen. Wir profitierten vom Wachstum in China und Indien. Unser Land und Teile unseres Volkes wurden sehr reich. Die Zahlen auf unseren Bankcomputern wuchsen Monat für Monat ganz automatisch. Keiner aus unserer Bevölkerung musste noch richtig arbeiten – eben Werte schöpfen – wie der Bäcker, Gärtner oder Landwirt. Man beschäftigte sich mit Golfen, in klimatisierten Büros, an Empfängen und war oft auf Geschäftsreise in ferne Länder, zu fremden Kulturen, zu den Kolonien unseres Kapitals. Man vergnügte sich im Spielcasino, beim Töpferseminar, auf der Segeljacht oder sass beim Therapeuten, um sich vermehrt mit der eigenartigerweise wachsenden Unzufriedenheit zu beschäftigen. Dennoch fühlten wir uns frei und konnten uns durch die wachsenden Zahlen auf den Computerkonten die Welt zusammenkaufen: Autos aus China, Lebensmittel aus Lateinamerika oder Kleider aus Bangladesch. Wir lebten in Saus und Braus. Selbst das Regierungsgebäude verkauften wir im Übermut an einen börsenkotierten Konzern, der sich fortan um den aufwändigen Erhalt des alten Gemäuers kümmerte. Wir brauchten nur noch das Leasing zu bezahlen, was uns leicht fiel.

Als ich an jenem unvergesslichen Morgen meinen Computer aufstartete, um wie immer als Erstes den Stand der Konti nachzusehen, starrte ich in einen schwarzen Bildschirm. Auch der meiner Sekretärin zeigte keine Zahlen. Ihr Bildschirm war ebenfalls tot. Immer mehr Anrufe aufgeregter Menschen wurden in mein Ministerium durchgestellt. Im ganzen Land blieben die Computer schwarz. Es war der schwarze Freitag im Jahr 2020. Noch am Nachmittag versammelten wir Volksvertreter uns im Parlament. Der Vorplatz war zugeparkt mit protzigen Offroadern und roten Sportwagen. Schon in den nächsten Stunden wurden die Geschäfte nicht mehr beliefert, der Strom wurde abgestellt und die privatisierten Strassen konnten von uns nicht mehr benutzt werden, weil unsere Kreditkarten nicht mal mehr das Plastik wert waren, aus dem sie hergestellt waren. An den Schaltern der Banken begegnete man uns mit einem mitleidigen Kopfschütteln.

Es gab nichts mehr zu verteidigen, weil mittlerweile alles von anonymem Kapital aufgekauft worden war.

Der Chef der Armee löste das Heer auf. Es gab nichts mehr zu verteidigen, weil mittlerweile alles von anonymem Kapital aufgekauft worden war. Der Polizeiapparat, nötig geworden durch die extremen Einkommensunterschiede und die dadurch zunehmenden sozialen Spannungen im Land, löste sich ebenso in Luft auf. Auch die restlichen Staatsdiener konnten nicht mehr bezahlt werden. Wir hatten unsere Heimat, unser Volk und unsere Herzen gegen ein virtuelles Zahlungsversprechen – denn nichts anderes ist das elektronische Buchgeld – eingetauscht. Das viele Geld, die grossen Zahlen auf unseren Computern hatten unsere Sinne vernebelt. Wir hatten vergessen, was Heimat und echte Werte sind. Wir hatten vergessen, welches Privileg die direkte Demokratie war, in der wir nicht nur unsere politischen Vertreter wählten, sondern auch aktiv die Verteilung des gemeinsam produzierten Wohlstands mitbestimmen konnten. Wir hatten die Verteilung dieses Wohlstands einem diffusen Markt überlassen, der die direkte Demokratie, die Wurzel auch unseres seelischen Wohlstands, schliesslich wie ein schwarzes Loch in sich einsog.

Das fehlende Wirtschaftswachstum verführte uns Politiker zu immer grösseren Schuldenabenteuern. Als die Refinanzierung als Folge der Verlagerung auf kreditgestütztes Vermögenswachstum verunmöglicht war, folgte die eigentumsrechtliche Übernahme durch die Eigentümer der Kredite. Der privatisierten Infrastruktur folgten die komplette Annektierung unseres Staatsterritoriums und eine neue feudalistische Abhängigkeit. Da keine Abgaben mehr geleistet werden konnten, verarmten die breiten Massen. Die volkswirtschaftliche Ruine konnte nur noch ein paar Hunderttausend Menschen ernähren. Der Rest der uns anvertrauten Bürgerinnen und Bürger musste auswandern.

Goethe hatte uns im zweiten Teil seines Fausts gewarnt. Der Dichterfürst sah Faust als den ersten modernen, global denkenden Unternehmer, der sich mit dem Alchemisten Mephistopheles auf eine Wette einliess, die er nicht gewinnen konnte. Auch der letzte Rest einer nicht dem Geld untergeordneten Subsistenz- und Versorgungswirtschaft, wie er durch Philemon und Baucis verkörpert wird, durfte da nicht bestehen bleiben, da er immerhin die Möglichkeit einer anderen Wirtschaftsweise aufzeigt und damit die Entschlossenheit schwächt, um den Fortschritt der Wirtschaft mit Hilfe des Geldes zu sichern.

Die Ansichtskarte des nach Neuseeland ausgewanderten Bäckers hängt heute noch als Erinnerung an diese verrückte Zeit über dem Brotkasten in meiner Küche.

Aus dem Buch «Erinnerungen eines Volkswirtschaftsministers»,
Februar 2030

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