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Das ABC der Schweiz
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Beliebt, kaum bekannt und oft verwechselt – die Schweiz. (Bild: Copyright by AURA )

Thomas Brändle Das ABC der Schweiz

10 min Lesezeit 19.07.2015, 11:31 Uhr

Thomas Brändle – Die Schweiz ist beliebt, bewundert, beneidet, aber (im Ausland) eigentlich unbekannt. Anlässlich des bevorstehenden Nationalfeiertags nun ein (weiterer) Versuch, dies zu ändern.

Die Schweiz ist beliebt, bewundert, beneidet, aber (im Ausland) eigentlich unbekannt. Anlässlich des bevorstehenden Nationalfeiertags nun ein (weiterer) Versuch, dies zu ändern.

Arbeitnehmer – In der Schweiz wird schweizerdeutsch gesprochen und hochdeutsch geschrieben. Hochdeutsch ist für uns Schweizer eine unpräzise Sprache, deshalb sprechen wir sie auch so ungern. Als Gigant im globalen Uhrengeschäft können wir uns Ungenauigkeiten nämlich nicht leisten. Zum Beispiel heissen „Büezer“ im Hochdeutschen Arbeitnehmer, obwohl sie ihre Arbeit geben. Und „Chefs“ heissen Arbeitgeber, obwohl sie die Arbeit genau genommen organisieren, also auch nehmen. Arbeitgeber sind also die Kunden, obwohl die keine Beiträge in die Sozialversicherungen einzahlen. Die heissen nämlich Büezer- und Chefbeiträge, obwohl sie vom Kunden bezahlt werden. Hm? Eigentlich ist das Schweizerdeutsch auch ungenau, aber das würden wir erst zugeben, wenn diesbezüglich der Druck aus dem Ausland zu gross würde. Die Schweizer Uhren laufen trotzdem sehr präzise. Alles klar?

Bundeshaus – Das Bundeshaus in Bern ist die bekannteste Volksbühne der Schweiz. Hoch bezahlte Laienschauspieler unterhalten das Volk mit Kalauern, absehbaren Handlungen, kuriosen Verwicklungen, fantastischen Schwindeleien und viel zu kurzen Pausen. Rechts, links und gegenüber dem Bundeshaus befinden sich die Banken. Dort arbeiten die Regisseure und Drehbuchautoren.

Cheib, blöde – Vollidioten bezeichnen wir traditionsgemäss als „blöde Cheib“, wobei abwechslungshalber auch „dumme Siech“ breite Akzeptanz findet. Da die Schweiz seit jeher auf aristokratische Titel verzichtet, gelten diese Bezeichnungen nicht nur als böswillige Beschimpfungen, sondern finden auch als allgemein gebräuchliche Auszeichnung Verwendung. Beim Jassen (Kartenspielen) beispielsweise kann „blöde Cheib“ als Anerkennung der gegnerischen Überlegenheit dienen, da der Schweizer mit direktem Lob in der Regel sehr zurückhaltend ist, weil damit die Befürchtung einhergeht, dass es dann gleich wieder mehr kosten könnte.

Direkte Demokratie – Die direkte Demokratie ist besser als die indirekte Demokratie. Trotzdem wollen die indirekten Demokratien die direkten Demokratien nicht kopieren, weil die Laienschauspieler in den indirekten Demokratien Angst haben, dass ihnen die Zuschauer in die Handlung dreinreden. Auch die Regisseure und Drehbuchautoren in den indirekten Demokratien bevorzugen es, wenn die Zuschauer nur alle vier Jahre klatschen, da sonst der Spielfluss zu oft unterbrochen würde. Wirkliche Kunst braucht eben kein zustimmendes Publikum, keine Mehrheiten. Sie muss unverständlich, der eigenen Zeit voraus sein.

Emil – Emil Steinberger ist der berühmteste Schweizer-Darsteller. Er bringt uns damit alle zum Lachen, weil wir uns etwas anderes nicht leisten können. Würden wir nicht über ihn lachen, wäre das das Eingeständnis, dass wir so sind, wie er uns darstellt. Emil Steinbergers Verdienst um den Schweizer Humor ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Lachen war bis anhin keine ausgeprägt schweizerische Eigenschaft, da Lachen und Humor keinen seriösen Eindruck vermitteln, was wir uns eigentlich auch nicht leisten können. Emil wäre besser Postbeamter geblieben.

Apropos E: Die Schweiz ist eine Eidgenossenschaft (Sie wissen schon, Rütlischwur und so). Nun soll sie eine Eidaktiengesellschaft werden, damit sich das Volk als Aktionäre endlich am Profit der Firma Suisse SA (Societé anonyme) beteiligen kann. Was lange braucht, wird endlich gut.

Franken – Wir leisten uns eine eigene Währung, weil sie sich bewährt hat. Fremde Währungen lassen wir selbstverständlich gerne in unser Land, die dazugehörigen Besitzer weniger. Dafür haben wir in der kleinen Schweiz einfach zu wenig Platz. Bankschliessfächer sind auch bei liebevoll eingerichteter Möblierung ungastlich, haben sich somit nicht bewährt.

Garten – Die meisten Schweizer leben in Mietwohnungen, weil wir zu wenig verdienen, um eigene Häuser zu haben. Ausserdem brauchen die reichen Ausländer viel Platz für ihre Steueroptimierungsvillen. Trotzdem brauchen wir für das eigene Glück eigene Gärten, seit wir im Zweiten Weltkrieg die grosse Anbauschlacht geführt haben, in der jeder Quadratmeter Fussballplatz zu einem Kartoffelacker umfunktioniert werden musste. Der eigene Garten vermittelt uns das Gefühl von Unabhängigkeit und Gesundheitsbewusstsein. „Bei euch sind sogar die Armenviertel schöner als bei uns“, meinte Pablo aus Rio de Janeiro, als wir an einer Schrebergartenhaussiedlung vorbeifuhren. Richtiges Wohneigentum können wie uns nicht leisten, weil die Pensionskassen aus ihnen unsere Altersvorsorgen erwirtschaften müssen, damit wir im Alter nicht arm sind.

High Society – Die High Society heisst bei uns Cervelat-Prominenz. Der Cervelat ist neben der Kalbsbratwurst die beliebteste Schweizer Darmfüllung. Dazu gehören Schlagersänger, Ex-Missen, Fernsehmoderatoren, manchmal auch Sportler oder Alt-Bundesräte, vielleicht noch Wirtschaftsbosse und Schwingerkönige. Königliche Hoheiten, exzentrische Leinwandstars oder charismatische Rockmusiker fehlen aber gänzlich, dafür konsumieren wir umso mehr Zeitschriften und Magazine, die über ausländische VIPs berichten, um etwas mehr Glanz und Glamour abzubekommen. Wenn aber welche von den „Very Important Persons“ zu uns in die Schweiz kommen, reagieren wir diskret und werfen nur einen kurzen Blick auf sie.

Isebahn – Die Eisenbahn nennen wir liebevoll „Isebahn“ oder „Zügli“. Die Schweiz hat eines der am besten ausgebauten Eisenbahnnetze der Welt und die Züge sind so pünktlich, dass die Uhren nach ihnen gestellt werden. Kommt ein Zug erst um 19.55 Uhr am Bahnhof an, statt um 19.52 Uhr, wird ein 15-köpfiger, paritätisch zusammengesetzter Ausschuss mit der Suche nach den Ursachen beauftragt. Kommt solches mehrmals vor, herrscht Staatskrise. Wird eine Strecke überhaupt nicht mehr bedient, wird unverzüglich die Regierung ausgewechselt.

Jodel – Der Jodel oder das Jodeln ist nicht, wie man vorschnell vermuten könnte, die helvetische Version des Kamasutra, sondern ursprünglich ein textfreier, identitätsstiftender Freudenschrei oder auch Juchzer. Vor Erfindung der modernen Kommunikationsmittel haben unsere Bankbeamten so die Daten und Tagesumsätze der Filialen verschlüsselt über Berg und Tal in die Zentrale übermittelt. Später entwickelte sich daraus eine das Heimatgefühl entzündende Musikrichtung, die von Einzelnen oder lieber im Chor vorgetragen wird. Heute treten wir damit vorwiegend auf Kreuzfahrten, bei Staatsempfängen und im Mutantenstadl auf.

Käse – Käse ist das Schweizer Nationalgericht. Käse gibt es als Suppe (Fondue), Hauptgericht (Raclette), Beilage (mit Brot und Aufschnitt), Dessert (mit Früchten und Rotwein) und Fernsehprogramm (mit Wiederholung). Menschen, die regelmässig im Schweizer Fernsehen gezeigt werden, gehören quasi zur Familie, weil wir sie eben täglich zu sehen bekommen. Sie wachsen uns ans Herz, wir nehmen Anteil an ihrem Privatleben und schreiben ihnen Briefe, wenn sie Liebeskummer, schlechtes Wetter angekündigt oder etwas gesagt haben, was uns nicht gefallen hat. Zum Beispiel, das sie keinen Käse mögen.

Leutnant – Die Schweiz hat eine Milizarmee. Jeder Schweizer ist wehrpflichtig, muss Militärdienst leisten. Zum Wohl des Landes werden die Dienstpflichtigen entsprechend ihrer beruflichen Ausbildung und den persönlichen Talenten in die passenden Einheiten und Positionen beordert. Mein Leutnant war Kinderpsychologe, der Kompaniekoch Briefträger und der Feldweibel Tierarzt auf dem zweiten Bildungsweg. Und ich Pazifist bei den Grenadieren.

Minister – In der Schweiz haben wir keinen Präsidenten, sondern nur sieben Minister. Jedes Jahr wird einer von ihnen für ein Jahr zum Chef bestimmt, damit die Regierungschefs der anderen Länder wissen, wem sie beim Staatsbesuch die Hand schütteln müssen. Es spielt auch keine Rolle, wer gerade Minister ist, denn die Macht hat in der Schweiz der Souverän, also das Volk. Die Minister und das Parlament haben alle Hände voll zu tun, dass sich das Volk nicht daran erinnert.

Neuwagen – Da die Schweiz über keine eigene Automobilindustrie, aber eine kaufkräftige, autoverrückte Käuferschaft verfügt, gilt sie als neutraler und interessanter Testmarkt der weltweiten Kraftfahrzeughersteller. Ausserdem ist die Schweiz reich an Berg- und Hügellandschaften, hat ein sehr schlecht ausgebautes Strassennetz und ein nur schwer zugängliches Dschungelgebiet.  Deshalb erfreuen sich zu geländegängigen Offroadern ausgebaute Zwei-Zimmer-Wohnungen grosser Beliebtheit in der mobilen Bevölkerung. In den schwungvoll designten „Sport Utility Vehicles“ werden mit Vorliebe an der Zürcher Bahnhofstrasse erlegte Pelze spazieren oder behütete Kinder zur nahe gelegenen Schule gefahren.

Olma – Die Olma ist eine der bekanntesten Schweizer Messen für Landwirtschaft und Ernährung. Im Rahmen der Ausstellung gibt es immer auch ein Schwingfest. Schwingen ist die eidgenössische Form des Ringens. Dieser zur Hebung des Nationalbewusstseins geförderte Sport findet auf Sägespänen in Jutesäcke gekleidet statt und erfordert ein ordentliches Mass an Körperkraft. Deshalb gibt es unter Schwingerkönigen relativ wenig Floristen, Buchhalter oder Schaufensterdekorateure, sondern vermehrt Metzger und Käser.

Polizei – In der Schweiz gibt es einige uniformierte Polizisten und ein Vielfaches an Geheimpolizisten in Zivil, die sich unter die Bevölkerung gemischt haben. Sie kontrollieren, wer das Treppenhaus verunreinigt hat, wer wie viel Männerbesuch bekommt, womit der Nachbar das neue Auto bezahlt hat und wer zu oft einen über den Durst kippt. Wer vor dem Jahr 1989 Postkarten aus dem Osten erhalten oder welche da hingeschickt hat, kam umgehend in den Verdacht, an kommunistischen Umtrieben beteiligt zu sein, und war ein Landesverräter, den man zusammen mit den Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Über praktisch jeden Schweizer wurde eine so genannte Fiche angelegt. Wer keine solche Fiche hatte, wurde nach dem Jahr 1989 als „Bünzli“ verspottet.

Quittung – Quittungen von Käufen, Verkäufen und Steuerbetrug müssen während 200 Jahren aufbewahrt werden, ansonsten macht man sich strafbar. Schweizer Steuerprüfer sind unbestechlich, können aber möglicherweise gegen Quittung gekauft werden.

Ruhestörung – Wir Schweizer haben es gerne ruhig. Und zwar morgens bis sieben Uhr, mittags von 12 bis 14 Uhr und abends ab spätestens 22 Uhr, samstags ab 20 Uhr und sonntags ganztags, an Feiertagen sowieso. Sprechen Sie generell leise, wenn Sie unbedingt etwas zu sagen haben, und halten Sie sich kurz. Bei Skiweltmeisterschaften, eventuell an der Fasnacht und möglicherweise beim Grümpelturnier lässt der Schweizer schon mal die Sau raus, will heissen, ist er etwas lauter.

Schweizer Garde – Seit 1506 wird der Pontifex der römisch-katholischen Kirche im Vatikanstaat von Schweizer Gardisten bewacht. Schweizer Soldaten dürfen nur zu friedensfördernden Massnahmen ins Ausland geschickt werden. Wir sind zuversichtlich, dass es bald so weit ist.

Troubadour – Der Berner Chansonnier Mani Matter gilt als der politische Liedermacher der Schweiz, obwohl er bereits 1972 bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Seine Lieder waren tiefgründig, eingängig und beeinflussten viele andere Schweizer Musiker. Die Politiker leider nicht. Zu tiefgründig.

Unterägeri – Die Gemeinde am Ägerisee (an dessen Gestaden auch das Morgarten-Denkmal steht) im Kanton Zug ist traumhaft schön, man muss sie wie Capri einfach einmal gesehen haben. Wenn die Zeit nicht reicht, verzichten sie besser auf Capri. Im zarten Alter von zwei Jahren bin ich da hingezogen. Etwas später konnte ich auch meine damaligen Eltern für die pittoreske Landschaft begeistern. Zunächst wohnten sie bei mir zur Untermiete. Schliesslich haben sie sich mit einer Café-Konditorei-Bäckerei selbstständig gemacht. Mein Bruder führt das Unternehmen heute weiter. Ich musste Schriftsteller werden.

Vereine – Der Schweizer ist ein Vereinsmeier. Der durchschnittliche Schweizer ist in mindestens vier Vereinsvorständen, drei Vereinsausschüssen, zwei Vereinskommissionen und einem Verein, wo er als einfaches Mitglied die Vorstände, Ausschüsse und Kommissionen bestätigt und den Mitgliederbeitrag entrichtet.

Wohnung – Die Wohnung des Schweizers ist sein Reduit. Hier ziehen wir uns zurück, wenn der alltägliche Krieg uns zu nahe kommt. Wer eine Schweizer Wohnung betreten möchte, muss einen Termin haben. Der Termin muss frühzeitig ausgesprochen oder beantragt und bestätigt werden. Wird er innerhalb der letzten 24 Stunden vor Antritt abgesagt, wird er in Rechnung gestellt. Diese Rechnung kann jahrelang offen bleiben, auch wenn sie beglichen wurde. Wir Schweizer geben ungern Termine, die in unserer Wohnung stattfinden, mögen es aber noch weniger, wenn sie abgesagt werden, nachdem wir uns schon dazu durchgerungen haben. Nur bei den französischen Westschweizern muss man unangemeldet vorbeigehen, um die Möglichkeit zu potenzieren, jemanden anzutreffen.

Xylofon – Wäre Wilhelm Tell musikalisch gewesen, hätte er Xylofon gespielt, sagt die Sage. Seine Talente waren eher sportlicher Natur. Snowboardfahren, Tennis und Armbrustschiessen waren seine bevorzugten Sportarten, weshalb die Schweizer in diesen Disziplinen traditionsgemäss nach wie vor zu den Weltbesten gehören. Wilhelm Tell verkrachte sich aufgrund unterschiedlicher Ansichten im persönlichen Umgang mit dem obersten Funktionär des Schweizerischen Sportverbandes Sepp Gessler-Blatter, was seine Karriere leider vorzeitig beendete. Seinem Sohn Walter hinterliess er ein Apfelmostimperium im Thurgau.

Yves Saint Laurent – Der Modeschöpfer war wie viele andere kein Schweizer.

Zürcher – In den meisten anderen Ländern gelten die Hauptstädter als hochnäsig, arrogant und seltsam. Bei uns ist das nicht so. Im Gegenteil. Die Berner sind die beliebtesten Schweizer. Und die Zürcher sind die unbeliebtesten, obwohl sie nicht in der Hauptstadt leben, aber so tun als ob. Beides ist unfair. Das also Zürich nicht die Hauptstadt ist und sie trotzdem so tut, als wäre sie es. Jetzt ziehen viele Zürcher nach Bern. Damit Bern unbeliebt wird. Oder Zürich Hauptstadt.

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