Danke Mark, dass du mir geschrieben hast
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Eine E-Mail verspricht das grosse Geld Danke Mark, dass du mir geschrieben hast

5 min Lesezeit 22.04.2018, 10:10 Uhr

«Verpassen Sie Ihre Krypto-Chance?», macht mich ein gewisser Mark in einem E-Mail aufmerksam. Danke Mark, dass du mir geschrieben hast. Das finde ich sehr, sehr nett. Du musst nämlich wissen, dass ich im Kanton Zug Wohnsitz und somit wie die meisten Kantonsbewohner dasselbe Problem habe – ich weiss nicht, wohin mit meinem Geld!

Ausgeben ist sehr schwierig, denn nicht einmal beim Reisen mit dem Flugzeug wird man sein Geld los. Ich will es ja nicht gerade mit vollen Händen ausgeben, verschenken schon gar nicht, wo käme man da hin!!! Also mache ich mich jeweils schlau, wo die besten Schnäppchen zu machen sind und lasse mein Double im Aldi einkaufen.

Wenn Besuch kommt, kratze ich natürlich vorher die Etikette ab – es muss ja nicht jeder wissen, dass ich ein Räpplifreak bin. Wobei: Wer den Rappen nicht ehrt, ist den Franken nicht wert. Oder: Bei den Reichen lernt man sparen! Am zweiten arbeite ich noch – ich bin eine zugewanderte Zugerin aus der arbeitenden Klasse.

Sparen tut man am besten im Internet, denn da bleibt man anonym. Da suchte ich letzthin nach einem Billigflug, und was entdeckte ich? Da gibt’s doch tatsächlich einen Flug mit der Ryanair von Porto nach Köln für nur fünf Euro!!! Man stelle sich das vor: fünf Euro! Auch bei einem sehr schlechten Wechselkurs bleibe ich unter sechs Franken. Wenn das kein Schnäppchen ist! Schade, dass ich nicht in Porto wohne und auch nicht in Köln Ferien machen will, aber da soll noch jemand jammern, dass er sich keine Ferien leisten kann!

Was sind Kryptowährungen eigentlich?

Und als ich gerade so beim Surfen im digitalen Meer bin, schreibt mir der liebe Mark. «Während ein paar Leute reich werden von Kryptos, kratzen sich alle anderen ungläubig am Kopf… Die meisten von uns verstehen immer noch nicht wirklich, was Kryptowährung ist.» Recht hat er, der liebe Mark. Wer versteht das schon so genau? Ich habe kürzlich einen Artikel im Magazin gelesen. Im Internet ist am meisten los. Da hat der Staat noch nicht alles reguliert und reglementiert, da kämpfen die jungen Linken vereint mit den Jungfreisinnigen gegen die ausländischen Casinos. Die Jungen entgegengesetzter politischer Ausrichtung vereint gegen das Establishment!

Das ist ja wie beim Ausverkauf – arm und reich wühlen im Angebot auf der Suche nach Schnäppchen. Bestimmt finde ich im Netz eine Nische, um leicht zu Geld zu kommen – die Erste ist die Schnellste, oder? Was soll ich warten, bis andere das grosse Geld machen! Bundesrat Ueli Maurer und Bundesrat Johann Schneider-Ammann erteilen Zug die Absolution und segnen deren Weg zum Crypto Valley. Als Zugerin ist es geradezu meine Pflicht, auch einen Teil zum Geldsegen beizusteuern. Wobei «Steuern» in Zug an einem kleinen Ort sind.

Lieber Mark, was hast du mir noch zu sagen?

«Was ist, wenn ich Ihnen sagte, dass Sie keine Erfahrung mit Kryptowährung benötigen, um zu profitieren? Ernsthaft: Sie müssen nicht einmal wissen, wie Kryptowährung funktioniert, um von dem Boom zu profitieren… linklinklink. Ich muss zugeben, ich weiss immer noch nicht viel über Kryptowährung, aber das hat mich nicht davon abgehalten, 318 mit nur EINEM Handel zu verdienen. So mache ich es: linklinklink.»

Richtig, auch ich verstehe nicht viel von dieser Währung. Sie ist mir sogar ein bisschen unheimlich, ein bisschen suspekt, weil sie gar nicht mehr kontrollierbar ist. Was passiert mit meinem Geld bei einem weltweiten Stromausfall? Ist es dann einfach futsch? Neue Zeiten bringen neue Errungenschaften. Briefe werden nicht mehr mit der Postkutsche transportiert, ein jeder hat eine Uhr am Handgelenk und Plastikgeld ist überall. Lieber Mark, hast du deine Mail auch gut verschlüsselt? Bin ich jetzt dem Stadtrat einen Klick voraus? Sicher hast du eine Adressliste vor dir und da stehe ich an oberster Stelle – danke, dass du mich täglich anschreibst.

Ich habe immer gedacht, unsere Banken seien wie Schweizer Schokolade: eine Garantie für höchste Qualität und Genuss – alle bekommen einen Riegel. Nun muss ich jeden Tag davon lesen, wie böse und gemein unsere Banken sind. Da kann es mit Bitcoins nur noch besser werden. Da stehen keine Banken im Hintergrund, da stehen…hmm… da stehen…Ja, was eigentlich??? Wer ist da im Hintergrund? Irgendwer muss das ganze Geld ja verwalten! Oder bin ich da völlig altmodisch in meinen Überlegungen?

Meine Gedanken schweifen ab

Ich wollte den Lehrplan 21 studieren, wollte wissen, was man nach vierzig Jahren Seminar alles anders macht, besser macht. So befasse ich mich schon geraume Zeit mit Kompetenzen und Marginalien – trotz Fremdwortkenntnissen eher mühsam. Wenn Latein definitiv von den Lehrplänen gestrichen wird, können unsere Planer schreiben, was sie wollen, es versteht ja sowieso keiner.

Ich will rausfinden, wie das Fach Mathematik in Zukunft aussieht und stosse auf der Website zum neuen Lehrplan 21 auf folgenden Abschnitt, der auf die Kritik antwortet, dass in der Mathematik ein Bildungsabbau stattfände. Hier die Antwort der Planer: Auch mit dem Lehrplan 21 lernen die Schülerinnen und Schüler in der Primarschule alle Grundrechenarten. Im ersten Zyklus (bis Ende 2. Primarklasse) müssen alle Schülerinnen und Schüler im Zahlenraum bis 20 addieren und subtrahieren können (MA.1.A.3.a). Addieren und subtrahieren mit Zehnerübergang im Zahlenraum bis 100 müssen alle Schülerinnen und Schüler in der 3. und 4. Klasse sicher beherrschen (MA.1.A.3.d).

Sie müssen zudem das gesamte kleine Einmaleins auswendig können (MA.1.A.3.d); was das heisst, ist in den didaktischen Hinweisen zum Fachbereich Mathematik unter der Marginalie «Automatisieren» beschrieben. Die Abfolge entspricht den heutigen Lehrplänen. In der zweiten Klasse nur bis 20 rechnen? Habe ich das richtig verstanden? Als ich MA.1.A.3.a in der Suchmaske eingebe, werde ich auf eine neue Seite verwiesen, da das alte Dokument bereits überarbeitet wurde.

Anstatt «digital native» viel eher «digital idiot»!

Die Welt ändert sich und man merkt, dass man älter wird, wenn man plötzlich Jüngere um Hilfe bitten muss. Hat «digital native», die Bezeichnung der Online-Jugend, noch einen wilden Beigeschmack von einem nackten Urwaldbewohner, der sich gekonnt durch den Dschungel von Algorithmen schwingen kann, so trifft für mich nur eines zu: digital idiot!

Ich hab zwar 1991 in Bachenbülach für 5’800 Franken einen MacIntosh erstanden, frisch importiert aus Kalifornien, und mir selber HTML beigebracht, indem ich ein Kompendium aus dem Netz lud, stundenlang auf einem Schwarz-/Weisscomputer sechsstellige Farbzahlen eingegeben, um dann bei Gelegenheit auf einem Farbbildschirm anzuschauen, wie die tatsächliche Farbe des gewählten Codes aussieht, aber irgendwann hat mich die digitale Intelligenz überholt und ich blieb stehen.

So komme ich mir auch als Lehrperson vor. Ich verstehe es einfach nicht mehr, was da neu ist. Mit der Zeit wird man nicht mehr erfahrener, sondern nur noch überfahrener. Halt! Gerade jetzt ist wieder eine Mail gekommen! Leyda, ein einsames Mädchen aus der Ukraine, sucht dringend Hilfe. Vielleicht ist auch sie im digitalen Datenmeer ertrunken.

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