Corona und die neuen Wörter
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Aufgrund der Corona-Krise gelangen englische Wörter in unseren Wortschatz. (Bild: Pixabay)

Wer Englisch Pointen setzt, ist cool Corona und die neuen Wörter

5 min Lesezeit 06.06.2020, 10:55 Uhr

Wissenschaftler und Politiker streiten darüber, woher Covid-19 gekommen ist. Fledermaus, Gürteltier? Und längst hat in diversen Labors ein Konkurrenzkampf begonnen, als Erster die wirksamste Impfung auf den Markt zu bringen; wer wie viel daran verdient; wessen Name der Impfstoff dann bekommen darf. Der Streit ist ausgebrochen, bevor ein Gegenmittel überhaupt gefunden, erprobt, getestet und erhältlich ist.

Mich dünkt, es geht auch hier, schon wieder, um Geschäft und Profit. Und es wird ein gutes Geschäft, wenn ich bedenke, welche Aufregung Covid-19 verursachen konnte. Aber nicht allein dieses Wetteifern ist angebrochen, auch das Gezerre darum, wer das Gegenmittel zuerst bekommt. Der Staat, der am meisten bezahlen kann, oder derjenige, der es am nötigsten hat, jedoch nicht das Geld dafür? Haben wir nicht gedacht, gehofft und auch gelesen, dass nach der Pandemie und dank der neuen Erfahrungen, welche die ganze Welt mit ihr gemacht hat, alles besser wird?

Oder etwas bescheidener: Dass nach dem Lockdown einiges besser wird? Zum Beispiel das Gefälle zwischen Arm und Reich.

Die Literaturtage – geschlossen, abgeriegelt

Wir haben erlebt, dass beinah Unvorstellbares Realität werden kann. Ich denke an die Literaturtage von Solothurn, ein gesamtschweizerischer Anlass, der seit seinen Anfängen volle Säle brachte, Tausende Zuhörerinnen an die Aare lockte, damit sie live die internationalen Schreiber erlebten, am eilenden Wasser deren Lesungen lauschten, sich mit ihnen zum Plaudern an der Sonne trafen, im Seminarraum Probleme besprachen und danach die übervollen Tage unterm Sternenhimmel bei Wein und sommerlichen Lüften ausklingen liessen. Doch dann: Nix da, die Säulenhalle, die Kneipen, die ganzen Treffpunkte geschlossen, abgeriegelt. Allein die Aare floss und floss still und verlässlich dem Rhein entgegen.

Das war der «Lock-down», das war der Runterschluss. Der «Shut-down», der Abschluss oder die Stilllegung. In Solothurn wärs sogar beinah zu einem «Shut-up», Halts Maul! gekommen.

Aber nein: Das Komitee zeigte sich erfinderisch und gestaltete das Büro zum Aufnahmeraum um, bat einzelne Gäste vor die Kamera, damit sie zu dritt an einem runden Tischchen sassen, zur Linken ein Bildschirm, an dem aus der Ferne mitgeredet werden konnte über Bücher und die Leidenschaft des Schreibens.

Denn inzwischen hatten wir neben dem neuen Virus auch neue Wörter und ein neues Zusammenleben erworben. Das kleine Abenteuer des «Social-distancing» hatte begonnen.

Dieses neue Wort hielt nämlich, anfänglichen Befürchtungen zum Trotz, niemanden davon ab, den Gesprächen zu Hause im Lehnstuhl oder beim Kartoffeln rüsten beizuwohnen. Die andern, die auf ihren Balkonen sassen und grillierten, was das Zeug hielt, verpassten indessen Simone Lapperts entzückenden Augenaufschlag und ihren «Sturz» vom Dach. Verpassten sämtliche Erkenntnisse und Einblicke, sämtliche Geräusche und Gerüche, die sich der Selbstmörderin ihres Romans während des geschilderten Falls enthüllen. Und es entging ihnen Lukas Bärfuss‘ kluge Argumentation, warum er für die «political correctness» eine Lanze zu brechen bereit sei, wie er sagte. Und vieles mehr entging ihnen, das unwiederbringlich war.

Ja, sogar Herr Berset, Gesundheitsminister und welscher Bundesrat, der die ganze Geschichte der Schliessungen, der leeren Bahnhöfe und eingesperrten Alten zu verantworten hat und nach anfänglichem Zögern den «Lock-down» gewandt vertrat, sagte kurz vor jenem Wochenende der Literatur, wir könnten wieder «cooler werden». Weil die Kurve am Sinken sei, könne der «Shut-down» demnächst in eine neue Phase treten. Ich habe noch nie erlebt, dass fremde Wörter und Wendungen sich innert so kurzer Zeit weltweit in die jeweilige Landessprache einnisten. Und dass ein unsichtbarer Winzling wie dieses Virus die Macht zu so einschneidenden Veränderungen besitzt.

Und rund um den Globus unser Verhalten bestimmt. Uns Menschen auf der ganzen Welt dazu bringt, in einer einzigen Sprache darüber zu kommunizieren, was gerade mit uns passiert. Wir uns nicht mehr umarmen, nicht mehr die Hände schütteln und nur in unnatürlichem Abstand miteinander plaudern sollen. Dass die Schule schliessen, alle zu Hause bleiben müssen.

D‘ Spuräsuech-ab

Und schon hat auch die «Tracing-App» Einzug in unsern Alltag gehalten und jeder Schweizer, jeder Chinese, jede Kongolesin versteht, was das sein soll.

Ich habe wieder und wieder darüber gegrübelt, warum sich gerade Englisch so leicht in all unsere Sprachen fügen lässt.  

Wir Deutschsprachigen adaptieren diese Sprache locker, sie ist ja mit unserer nah verwandt, sie sind Cousin und Cousine. Aber wie leicht oder wie schwer tun sich die Leute in andern Regionen und Kulturen damit, denen das Englische vielleicht ebenso fern ist wie mir ihre Idiome? Angenommen ich müsste für den Begriff «Tracing-App» einen chinesischen Ersatz in meine Gespräche integrieren, es würde mich Tage beschäftigen, ihn mir einzuprägen und ihn korrekt auszusprechen, nicht zu reden vom typischen singenden Klang.

Doch vermutlich steht es damit wie im Deutschen: Sie haben noch kein Wort für diese «Tracing-App» erfunden. Bei uns hier würde es vielleicht «Verabredung zur Spurensuche» heissen. Oder «Spuräsuechabmachig». Oder einfach «Spuräsuech-ab». Ginge ja. Warum nicht? Doch auf Schweizerdeutsch klingt’s halt schon etwas holprig und unmodern. Germano-Dialekt ist nicht annähernd so elegant wie Englisch.

Interessant finde ich, wie wir gerade wieder Zeugen des ewigen Wandels der Sprache geworden sind. Wie jedem neuen Ding, sei es eine Nähmaschine, ein Medikament, eine Sportart, eine gut schweizerische Firma mit einem gut schweizerischen Produkt, ein englischer Name aufgepfropft wird. Und nicht nur seit Corona.

Die Sprache, eine Baustelle

Die Sprache scheint eine faszinierende Baustelle zu sein, in ständiger Umformung begriffen, die nichts und niemand aufhalten kann. Wer heute «in» sein will, legt sich seine Wörter auf  Englisch zurecht. Doch genau besehen ist eigentlich das Amerikanische gemeint, «ain’t it»? Kam nicht bis vor wenigen Jahren von dort alles Gute? Von Amerika lernten wir als Kinder einst den Inbegriff der Lockerheit kennen. Vom Kaugummi bis zum Western im Kino.

Dabei war im 19. Jahrhundert die Moderne noch ganz anderswo zu finden. Französisch galt als die Sprache des Fortschritts. Derzeit müssen wir jedoch fürchten, dass die Schule sie abschafft. Wir schlendern dennoch bis heute über das Trottoir zum Coiffeur, wir rennen auf die Toilette, die Männer ans Pissoir, wir essen Pommes oder Patisserie und diskutieren dabei eventuell die Kalorien von Crèmeschnitte und Japonais. Wir glauben, Deutsch zu sprechen, doch eigentlich sprechen wir Französisch. Aber: Echt «cool», echt «in», glauben nicht wenige, ist doch einzig Amerikanisch.

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