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Babuschka
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Meine Grossmutter mit der märchenhaften Sprache Babuschka

10 min Lesezeit 08.12.2018, 11:00 Uhr

Man kann kaum eine Zeitung lesen, ohne auf einen Artikel zu stossen, der sich mit dem Thema Immigration befasst – für die Betroffenen heisst das: Auswanderung. Die Welt war immer schon in Bewegung und wird es auch immer bleiben, denn niemand will den absoluten Stillstand.

Viele haben in ihrer Familiengeschichte Ahnen, die ausgewandert sind, Wurzeln, die mit fernen Ländern verwachsen sind. So auch ich, ist doch mein Vater in Italien zur Welt gekommen und meine Mutter in der Ukraine. Meine Mutter erzählte uns Kindern nie von ihrer Vergangenheit, aber so wie in der folgenden Geschichte hätte es sein können.

Meine Vorfahren wanderten vom Hunger begleitet durch die russischen Ebenen. Verfolgt von Arbeitslosigkeit, von einer diffusen Hoffnung getrieben, dass es im Ausland besser sein würde. Ein moderner Zug würde sie zu einem warmen Stall bringen. Das Kind war einfach schon da und machte die ganze Reise leise wimmernd mit. Es war ja auch zu dumm. Ein gänzlich unpassendes Kind.

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Meine Babuschka hatte ihren Mann noch nie nackt gesehen, wahrscheinlich hatte sie nicht einmal gewusst, wie Kinder entstehen. Zusammen geschlafen hatten sie mehr aus Neugierde als aus Lust, und die war nach dem einen Mal gestillt. «Heirate nie einen Mann, um mit ihm zu schlafen. Es lohnt sich nicht!», sollte meine Babuschka nach vielen Jahren zu mir sagen, ihrer einzigen Enkelin – waren doch die andern drei Grosskinder Buben. «Augen zu, Kopf zu, es kommt schneller, als dass du etwas spüren könntest. Und von diesem bisschen wirst du schwanger!», redete sie in meine Richtung. «Das ist es nicht wert, mein Mädchen.»

Ich verstand nichts. Ich wusste nur, dass ich jetzt nicht lachen durfte. «Armes Mädchen!», seufzte sie, und ich wusste nicht, ob sie mit diesem Mädchen mich meinte oder zu sich selber sprach. In meinem Kopf erstand eine geheimnisvolle Welt in der fernen Ukraine. Babuschka führte ihre Unterredung mit mir auf Russisch weiter und entführte mich mit melodiöser Stimme in ihre sagenumwobene Vergangenheit. «Ausgerechnet jetzt, wo Nikolai seine Arbeit verloren hat. Und mein Lohn als Lehrerin reicht nicht mal für mich alleine. Stell dir vor, mein liebes Enkelkind, das Gott mir auf meine alten Tage hin geschenkt hat, stell dir vor, wie hart mein Leben war!»

Babuschka versank in ihrer Erinnerung

Getrunken haben alle. Vor allem die Männer. Die hatten nur ein Alkoholproblem, wenn sie keinen hatten. Geteilte Probleme sind halbe Probleme. Und geschlagene Probleme fliegen weg. Wenn man genug trinkt, trifft man nicht mehr so genau. Verliert das Gleichgewicht, wenn man den Stuhl über dem Kopf schwingt.  «Ich bring dich um, Maria. Jetzt gleich! Und den verdammten Balg noch dazu!», brüllt mein Grossvater Nikolaj.

«Die ganze Nacht schreit das blöde Kind – als ob Säuglinge schon Gefühle haben könnten.» Meine Mutter liegt unbeachtet und zitternd in ihren Windeln. Die schwache Frühlingssonne vermag der nächtlichen Kälte nichts anhaben. Die Holzvorräte sind verbraucht und es ist bitterkalt in der ungeheizten Wohnung.

«Um Himmels Willen, Maria, fass es nicht an!» Nikolaj hat sich vom Holztisch erhoben. Wutentbrannt will er auf meine Grossmutter los. Seine Knie zittern, alles schwankt, und schwer stützt er sich auf die Tischplatte, um nach einem Moment grösster Anstrengung auf den Stuhl zurückzufallen. Seine Wut erlischt, so schnell wie sie entbrannte.

«Fass es nicht an, Maria!», fleht er nun. «Tröste lieber mich, deinen lieben Mann. Ich jammere nicht, und wenn ich mal laut werde, lasse ich mich mit einem rechten Glas Wodka immer besänftigen.» Er kippt das Glas Wodka, das ihm Maria einschenkte, und murmelt:

«Zu blöd, dass wir nicht einmal das Geld für eine Abtreibung hatten. Und um es gleich selber umzubringen – da hätten wir dem Kind von Anfang an nie in die Augen schauen dürfen.» Maria setzt sich zu ihm an den Tisch. «Soll es sich doch in den Tod weinen. Ist ja schliesslich selber Schuld, dass es überhaupt lebt. Niemand hat es darum gebeten», lallt er. «Niemand hat es darum gebeten!», wiederholt meine Grossmutter seinen letzten Satz, und Verzweiflung legt sich über das Wohnzimmer. Mein Grossvater lässt den Kopf auf seine Arme sinken und schluchzt. Als er wieder aufblickt, schreit er: «Maria! Sauf nicht von meinem Wodka!»

Im Jahr 1932 hatte eine von Stalin provozierte Hungersnot die Menschen in der Ukraine ausgezehrt und Millionen von Opfern gefordert. Aus politischen Motiven fällte der Diktator ein fürchterliches Verdikt: Die Kornkammer Europas – das war die Ukraine zu jener Zeit – musste alles Getreide ins Ausland exportieren. Stalin und seine Schergen bereicherten sich daran, und abertausende Menschen verhungerten. Die erneut einsetzende Judenverfolgung machte die Situation der ukrainischen Bevölkerung noch schlimmer. Auch meine Grosseltern waren davon betroffen.

Keine Gegenwart ohne Vergangenheit

Auch Schweizer hatten einmal Gras gekaut! Vor 200 Jahren, als Europa von Missernten geplagt wurde, trieb man im Bündnerland die Kinder sommers auf die Weide! Dem Elend entflohen damals etliche Schweizer; viele Zuckerbäcker und Steinmetze versuchten ihr Glück in den angrenzenden Ländern oder in Übersee – einige wurden wohlhabend und berühmt. Im Jahr 1823 suchte auch ein Scartazzini aus Bondo im Bergell im Ausland sein Glück und liess sich in Odessa nieder.

Eines seiner Kinder wanderte flussaufwärts dem Dnjepr entlang und siedelte in Dnipropetrowsk. Geheiratet wurde unter Flüchtlingen oft mit anderen Flüchtlingen; so kommen auch Juden mit deutschen Namen in meinem Stammbaum vor. Nikolaj, mein Grossvater, sprach kein Schweizerdeutsch mehr. Aber zum Glück meldete seine Familie sich über Generationen bei der Schweizer Botschaft und besass einen Heimatschein aus Bondo.

Meine Grossmutter, eine sehr gebildete Frau, sprach hochdeutsch und arbeitete als Lehrerin. «Wohin? Wohin sollen wir gehen?» Niedergeschlagen sitzen meine Grosseltern am Holztisch. «Nach Sibirien!», antwortet Nikolaj. «Nach Sibirien, da ziehen auch unsre Nachbarn hin. Und wenn man weit genug östlich wandert, gelangt man nach China! China ist auch gut!»

«Was sollen wir dort?! Willst du unsere Tochter an die Chinesen verlieren?», klagt Maria. «Der Weg in Richtung Südwesten wird eher vom Schnee und Eis befreit sein. Wir haben doch einen Schweizer Heimatschein!»

«Ich spreche kein Deutsch. Und Schweizerdeutsch schon gar nicht. Nicht einmal Italienisch, oder welche Sprachen man auch immer in diesem kleinen Land spricht! Ich will nicht als Versager in mein Ursprungsland zurückreisen!», meinte Nikolaj.

«Du-du-du! Es geht hier nicht nur um dich!», ereifert sich meine Grossmutter. «Die kleine Genia soll eine sorgenfreie Zukunft haben. Und ich spreche Deutsch, Nikolaj. Was du wissen musst, das kann ich dir übersetzen!» An einem warmen Augusttag brachen sie um drei Uhr in der Früh auf. Am Vortag haben sie heimlich gepackt und die Holzkarren, die sie mitschleppen, mit wochenlang zusammengesparten Lebensmitteln beladen.

Sie schleichen sich im Morgengrauen aus der Stadt. Die Neugeborenen und die Kleinen werden auf die Leiterwagen gebunden. Auch die gebrechlichen Alten setzen sich ab und zu auf einen Karren, um auszuruhen. Es waren ihrer vielleicht gegen hundert Leute, die sich auf den Marsch Richtung Polen aufmachten.

So kam meine Mutter irgendwie in die Schweiz. Wie viele aus der Gruppe die Schweizer Grenze nach diesem wochenlangen Fussmarsch erreicht hatten, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich will mir die Dramen, die sich auf dieser Reise abgespielt hatten, lieber nicht vorstellen. Ein paar Goldstücke hatte Babuschka in die Windeln ihrer Tochter eingenäht. An der Grenze wurden die Flüchtlinge kontrolliert und Wertsachen beschlagnahmt. Kein Zöllner hatte Lust, dreckige Windeln zu untersuchen. Meine Grosseltern kamen mit ihrer Tochter in ein Auffanglager nach Chur. Schliesslich wurde Schaffhausen ihr neues Zuhause, und meine Babuschka fand Arbeit in der dortigen Wollfabrik, der «Kammgarn».

«Armes Mädchen!»

Ich war alleine mit meiner Babuschka im Schlafzimmer meiner Eltern. Wieder einmal hatte sich meine Mutter mit Babuschka gestritten. Ständig stritten die beiden auf Russisch, das keines der Kinder von klein auf lernte. Vielleicht aus dem Grund, damit sich meine Mutter ungeniert mit Babuschka streiten und niemand deren Partei ergreifen konnte.

«Armes Mädchen! Du hast gaaaanz schreckliche Mutter!», meinte sie bedauernd zu mir. «Aber dein Vaterrr! Vieeeel schlimmerrrr!» Ich liebte meine Grossmutter. «Ich war mit meiner Mutter ganz alleine und musste mit ihr russisch sprechen, da sie sonst niemanden hatte, der mit ihr Russisch sprach», meinte meine Mutter.

«Und wo war dein Vater?», fragte ich. «Dein russischer Grossvater starb schon früh. Ich war kaum zehn Jahre alt», erzählte meine Mutter. «Er war schon viel älter als seine Frau und kränklich.» «Glaub nicht alles, was Genia dir erzählt!», sagte Babuschka zu mir. Aber sie sprach auf Russisch und das verstand ich nicht. «Nikolaj hat es hier nicht lange ausgehalten. Hat sich zu Tode gesoffen und zu Tode geraucht, bevor er hätte Deutsch lernen können. Er starb in Chur, im Auffanglager. Er war nie in Schaffhausen, wie deine Mutter es dir weismachen will!»

«Babuschka, Babuschka, sprich deutsch zu mir!», sagte ich lachend, denn den Inhalt dieses russischen Sprechgesangs konnte ich nur erahnen. Das tönte einfach zu märchenhaft in meinen Ohren. «Weisst du, ich hatte nur deine Mutter Genia. Nur Genia. In der Fabrik redete niemand russisch. Und ich verstand ja Deutsch», sprach Babuschka, und schon beim folgenden Satz wechselte sie in den mir unverständlichen Singsang. Meine Phantasie übersetzte ihre Erzählung.

«Genia war ganz kleines Mädchen. Und manchmal böse zu mir, denn sie wollte nicht immer bei mir sein. Zum Glück war sie dünn und ass nicht viel. Weisst du, Leben warr in dieserr Zeit harrt! Viel Hungerr. Sehr kalt. Wir sind dreimal umgezogen in Altstadt von Schaffhausen. Und andere Frauen in Fabrik seeehrr böse zu mirr, denn ich war für sie Kommunist. Ich Kommunist!! Ich bin geflohen, aber für Frauen in Fabrik war ich Feind!»

Du musst stark sein!

Ihre Stimme lullte mich ein, und sie erzählte weiter. «Erziehen ist nicht schwer, nur eine Sache der körperlichen Überlegenheit. Du musst stark sein! Eine Frau ist stärker als der Mann. Russische Mann nur viel Wort! Viel Reden! Russische Frau viel Tun! Viel Arbeit!! Deine Mutter immer schämen, da wir arm. Aber wir haben nie gebettelt, nie!

Einmal in der Woche gingen wir ins Badehaus. Das durfte niemand wissen. Dabei war normal! Viele Wohnungen damals ohne Badezimmer. Kein warmes Wasser in ganze Haus.» Das wusste ich. Das hat sogar meine Mutter mal am Stubentisch erzählt, aber erst, nachdem ein Gast von seiner Kindheit in Armut erzählte. Vielleicht half der Wein dabei, die Geschichten aus der eigenen Kindheit so zu erzählen, als wären sie ein tolles Abenteuer gewesen.

«Auch wir waren mausarm. Doch unser Volk konnte die grössten Feste feiern. Unsere Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Obwohl wir selber wenig hatten zum Leben, gaben wir Bettlern immer ein Almosen.» Als ich am Stubentisch solchen Unterhaltungen lauschte, kam mir ein Spruch in den Sinn. «On a toujours besoin d’un plus petit que soi.»

Es war bitter, bettelarm zu sein. Das wollten sie nicht sein. Und die Geschichte vom öffentlichen Badehaus gab meine Mutter erst nach dem Tod von Babuschka preis. Meine Grossmutter ist als einsame Frau in Zürich gestorben. Eines Mittags kam ich von der Schule heim. Wir waren alle um den Tisch versammelt, als meine Mutter sagte: «Babuschka ist heute Morgen im Altersheim gestorben. Ich wünsche keine Tränen. En Guete!»

Es war nicht das erste Mal, dass ich keinen Bissen in mir behalten konnte. Meine Mutter verbat es mir, um sie zu weinen. Sie sah es nicht gern, wenn man weinte. Unnötige Energieverschwendung. Etwas für Schwächlinge. Tränen nützen sowieso nichts – es gibt keinen Trost. Alles nur Lüge. So versteckte ich meine Augen von klein auf.

Als Kind hatte ich ein Miniaturkino. Da konnte man eine runde Scheibe einstecken. In acht Bildern war ein Märchen aufgezeichnet. Die Bildchen schoben sich vor das Guckloch und wurden per Linse vergrössert. Eine Art Diaprojektor. Der Text zu den Bildern war auf Russisch. Ich habe ihn nicht lesen können. Die kyrillische Schrift verzauberte mich: so geheimnisvoll, so rätselhaft. Da mussten ganz andere Dinge draufstehen!

Die Bilder waren wunderschön. Ein Wolf ohne Schwanz, ein Mann vor seiner bescheidenen Hütte beim Holzhacken, eine dicke Frau mit Kopftuch, tiefverschneite, einsame Landschaften. So unheimlich schön, so tiefmelancholisch, so unerreichbar fremd. Ich hatte verschiedene Scheiben. Ich habe die Bilder stundenlang angeschaut. Dem Wolf ist der Schwanz festgeklebt, als er ihn zum Fischen in ein Loch im Eis steckte und es zufror. So konnte er vom Holzhacker leicht totgeschlagen werden. Armer Wolf, alle waren froh über sein Unglück, nur ich nicht. Als meine Vorfahren über die russische Ebene wanderten, war ich im Keim schon entstanden. Meine Mutter weint und die Goldstücke werden schmutzig.

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