Auf den Tag genau: Mein Leben im Tagebuch
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Ein Spiegel von der Gegenwart in die Vergangenheit: alte Tagebücher. (Bild: fgr)

Vergangenes Ich, festgehalten in täglichen Einträgen Auf den Tag genau: Mein Leben im Tagebuch

7 min Lesezeit 16.01.2021, 10:57 Uhr

Die Schriftstellerin Franziska Greising hat den Lockdown dazu genutzt, ihre Tagebücher zu ordnen. Natürlich nicht, ohne einen Blick in das eine oder andere zu werfen und in Erinnerungen zu lesen.

In den vergangenen Wochen, seit der Lockdown alle meine Aktivitäten lähmt, habe ich endlich begonnen, meine Tagebücher nach Datum zu ordnen. In der alten Wohnung hatten sie zwei Tablare gefüllt. Sie wegzuwerfen, kam nicht in Frage.

Ich packte sie daher in eine grosse schwarze Kiste mit Deckel und verschloss ihn mit einem breiten Klebeband. Zwar waren sie ohne ersichtlichen Wert, sollten aber weder im Herbstlaub der Strasse noch im Zügelwagen unter den vielen Sachen verloren gehen.

Ich wusste aus Erfahrung, dass nach Wohnungswechseln immer etwas vermisst wird. Von beschädigtem Geschirr, geborstenen Spiegeln will ich gar nicht reden, doch fiel mir in der Tat nachträglich auf, dass bei diesem ganzen Umzugsmanöver meine grosse Leiter abhandengekommen war. Eine Leiter! Wie kann die einfach verloren gehen!? Aber es passiert.

Ich klebte also einen Streifen Klebeband um die Kiste und schrieb «Tagebücher» darauf. Und für die Zügelmänner eine Nummer, die ich auch an der Tür meines neuen Arbeitszimmers befestigte.

Die wunderbare Gabe des Worts

Zwei Jahre sind seither vergangen und die Kiste schlummerte bis vor Kurzem unberührt im Keller. Bald hätte ich schon vergessen, was drin ist, wäre es nicht deutlich darauf zu lesen. Aber erst, als ich sie in die richtige Lage geschoben hatte. Jedoch auch dann blieb sie ungeöffnet, für das Ordnen fehlte die Zeit. Bis heute.

Es muss einer dieser unerklärlichen Zufälle sein, dass just an dem Tag, da dieser Blog erscheint, der erste Eintrag geschrieben wurde. Und zwar im Jahre 1956 in ein braunes, fast quadratisches Heft, die vielen Seiten habe ich nie gezählt. Der Einband aus Plastik, das Innere blau liniert, die Ränder je Seite hatte ich in wechselnden Farben markiert.

Ich hatte die wunderbare Gabe des Worts entdeckt, die geheimsten, bewegendsten, auch verwegensten Gedanken festzuhalten, um im Kopf Klarheit zu schaffen und das Herz zu erleichtern. Das Tagebuch nahm alles auf, ohne je zu widersprechen. 

Der erste Eintrag

Jener erste Eintrag handelte davon, dass der Vater einer Mitschülerin gestorben war. Diese Tatsache kreiste und kreiste in meinem Gehirn, liess mir keine Ruhe. Ständig versuchte ich, mir vorzustellen, wie es dem Mädchen zumute sein musste. Am Vortag noch so fröhlich und nach ein paar Stunden diese Nachricht! Martha, so hiess das Mädchen, erschien ein paar Tage nicht in der Klasse. Und da niemand zugegen war, um sich meine Fassungslosigkeit anzuhören, kaufte ich mir dieses braune, hässliche Buch und füllte die erste Seite.    

In der Mitte, auf der fünfzigsten Seite ungefähr, nachdem ich dies und das über meine Familie, Ferien und Schule, auch meine Selbstzweifel und guten Vorsätze geschrieben hatte, denn ich war ein jähzorniges Kind, geht es unvermittelt um die Liebe. Und erst noch um deren dunkle Seite.

Mein Schulschatz war von einem Tag auf den andern mit seiner Familie von Luzern fortgezogen. Mit einem Besen in der Hand, den er als Letztes im Zügelwagen verstauen musste, und einem Lächeln sehe ich ihn noch vor mir. Ein Lächeln zum Abschied. Wir waren dreizehn und ich befand mich auf dem Heimweg von der Schule.

Von Berufswünschen und Frauenwitzen

Der letzte Eintrag in jenes Buch, acht Jahre später, dreht sich erneut um einen Liebeskummer. Er war verheiratet, ich katholisch, eine gemeinsame Zukunft schien im Vornherein verbarrikadiert. Dazwischen eine Menge anderer Geschichten, dann nach und nach Berufspläne. Schwankend zwischen Airhostess und Schauspielerin. Aber mein grösster Traum war es, Schriftstellerin zu werden.

Nur hatte mein Vater mir diese Pläne ausgeredet. Er meinte, um Bücher zu schreiben, müsse man reich sein. Ich begrub den Traum und füllte anstelle der Wachshefte, in die ich meine kindlichen Romane geschrieben hatte, nur noch mein Tagebuch.

Ich hatte nie darauf geachtet, in was für Kladden ich schrieb. In der schwarzen Kiste herrscht ein buntes Durcheinander verschiedener Formate, dicke oder dünne, einfarbige und bunte Bücher, auch Hefte mit Reiseaufzeichnungen, und sogar eine hellblaue Agenda ist dabei, mit einer Seite für jeden Tag. Und ich entdecke darin unzählige sexistische Witzezeichnungen wieder, die ich damals einfach hingenommen hatte, aus lauter Gewohnheit.

Wir stiessen noch nach Mitte des letzten Jahrhunderts oft und überall auf derartige Darstellungen. Ich hatte die Agenda von einem jungen Mann bekommen, der sehr gebildet schien, doch selbst er machte sich diesbezüglich keine Gedanken. Sexismus war kein Thema, das Wort den meisten unbekannt. Man hatte damals noch nicht entdeckt, wie gross der Anteil der Sprache war an der Unterdrückung der Frauen.

Der Tanzkurs

Anhand der verschiedenen Tagebücher sehe ich mich, begleitet von schwankenden Gemütszuständen, langsam erwachsen werden. Mit der Pubertät, die mehr und mehr meinen Alltag prägte, nahmen Sehnsüchte und Schwärmereien zu. Einerseits betrat ein Schauspieler des Stadttheaters die Szene, anderseits ein schöner Seminarist mit herrlichen Rehaugen. Aber ach: Nach ihm verzehrten sich sämtliche Mädchen des ganzen Schulhauses.

Die Eltern arrangierten nun im Wunsch, die Kontrolle nicht zu verlieren, ihrerseits einen Tanzkurs mit Jungs aus ihrem Bekanntenkreis, und nun wurde es mit der Liebe konkret, denn wie halte ich mir den Halbwüchsigen auf Distanz, der mein Freund werden möchte, wie sage ich Nein? Und wie überlebe ich den Abschlussball des Tanzkurses, bei dem der rehäugige Joe mit seiner Band auftritt? Ereignisse, die ich ohne Aufzeichnungen längst vergessen hätte. Doch jetzt, Jahrzehnte später, helfen sie mir, wieder ein wenig mehr über mich und meinen Weg zu lernen.

Wut, Angst und Auflehnung

Wut prägte damals öfter die Einträge. Wut über die Eltern, die ich doch eigentlich liebte, und deren Regeln aus ihrer eigenen uralten Zeit, mich ärgerten, über die Lehrerschaft, die älteren Schwestern. Überhaupt die Ungerechtigkeit insgesamt. In der Welt und zuhause. Ich wollte weg, fühlte mich unverstanden, ungeliebt und völlig machtlos… Weg, nur weg. Und die Erwachsenen schienen borniert, so blind…

Ich begegne ausserdem wieder der Angst, die wir alle vor einem neuen Krieg, der Atombombe und dem Kommunismus hatten. Die waren täglich am Radio, in der Zeitung und im Fernsehen, nicht leicht, sich gegenüber so mächtigen Bedrohungen zu behaupten. Sie verlangten Hingabe an die bestehende Ordnung mit ihren sinnlosen Verboten (Rasen nicht betreten) und Vorschriften (Mädchen tragen eine Schürze in der Schule) und wem das nicht gefiel, der sollte doch lieber gleich nach Moskau auswandern.

Auflehnung und Trotz spiegelten sich auch in meiner stets veränderten Schrift. Erst schön schräg von links nach rechts. Plötzlich winzig, dann senkrecht und krakelig, später rückwärts von rechts nach links fallend, dann rund und grosszügig, aber immer noch nach hinten kippend. Immer auf der Suche nach Halt.

Schriftstellerin, nun doch

Im Wunsch, in der Kiste ein wenig Ordnung zu schaffen, baue ich kleine Büchertürme auf dem Esstisch, um sie nach Datum zu ordnen. Dabei kommen mir Bücher mit Aufzeichnungen zur Mittelschule in die Hände, Bücher aus der Zeit des Studiums in Zürich, Aufzeichnungen über den Berufsalltag und die damit verbundenen Glücksmomente, neue Erfahrungen in der Liebe.

Und dann war ich wieder einmal wild entflammt, so heiss und heftig, dass es zur Heirat kam, es folgten die Geburten der Kinder, glückliche Jahre. Beim Beruf war ich geblieben, doch selten griff ich noch zum Tagebuch. Als die Kinder grösser wurden, stellte sich das Nachdenken über ein erfülltes Leben ein. In einem roten abgegriffenen Buch lese ich vom Entschluss, nun eben doch Schriftstellerin zu werden.

Suche nach der eigenen Sprache

Zunächst machte ich mich auf Spurensuche nach einer weiblichen Sprache, der Sprache als Frau und an die Auseinandersetzung mit dem Frauenrecht, ein damals noch kaum betretenes Terrain. Später beschrieb ich, wie mein erster Roman zu einem Verlag kam, und vom Glück, das dies für mich bedeutete.

Von den vielen Stationen mit ihren unterschiedlichen Emotionen hatte ich manches vergessen, und das ist das Positive am Aufschreiben und Festhalten: Liest man später das alles wieder, lernt man sich noch besser kennen, es ist ein Spiegel aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Und zurück. Bald darauf leider das traurige Ende der Ehe, die furchtbaren Jahre der Alpträume und nach und nach das Aufatmen.

Und einmal kam der Tag, an dem die Kinder die gemeinsame Wohnung verliessen, in einem Auto, das sie vollgepackt hatten mit ihren Sachen, um die Hausecke verschwindend. Lachend und sorglos. Jede Mutter weiss, dass dieser Tag kommt. Wenn die Zeit reif ist, dass sie gehen, soll man sie ziehen lassen. Ich hatte mir vorgenommen, sie in Ruhe ziehen zu lassen. Ich litt dennoch, liess die Tage tapfer vorübergehen ohne einen Anruf, dachte: Es ist jetzt ihr Leben.

Und nochmals eine wunderbare Liebe und wieder das Scheitern. Zweimal noch, dann wusste ich, ich muss allein sein, nur so kann ich mich sein.

Was immer ich in dieser schwarzen Kiste finde, es sind Lebenszeichen, gelebte und geträumte. Bei Tage gelingt es mir nicht, die Träume zu deuten, aber es heisst, auch sie täten ihre Wirkung. Eine ähnliche Wirkung hat auch der Lockdown, der auf Deutsch Ausgangssperre bedeutet, anderswo aber Schleusen öffnet.

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