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An Pfingsten ins Tessin – ausgerechnet!
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(Bild: Pixabay)

Stau oder kein Stau, das war hier die Frage! An Pfingsten ins Tessin – ausgerechnet!

8 min Lesezeit 27.05.2018, 11:00 Uhr

Am Samstag war es endlich soweit – der Stau ist auf ein vernünftige Länge angewachsen, und wir mit der notwendigen Geduld und Neugierde ausgerüstet. Am Tag zuvor meinte eine Freundin ganz entsetzt: «Musst du denn mit dem Auto ins Tessin fahren? Ausgerechnet an Pfingsten?» Muss ich. Wir sind bei unseren Freunden aus dem Bleniotal eingeladen, ausserdem sind wir am Sonntag selber Gastgeber in unserem Haus in der Riviera.

Nicht etwa die italienische Riviera, sondern die Tessiner Riviera. So bezeichnet man den mittleren Abschnitt der Leventina, da, wo der kanalisierte Ticino vor der Moesa, die vom Bernardino durchs Misox runterrauscht, in die Knie geht.

Mein Liebster setzt sich ans Steuer und ich drehe das Radio auf. Eine aufgeregte Frau schreit, als ob es im Auto keine Lautsprechern gäbe: 22 Kilometer Stau vor dem Nordportal! Die erste Versuchung, sich in den Stau einzureihen macht die Schwyzer Polizei zunichte. Die Autobahneinfahrt bei Oberarth ist verbarrikadiert, wir tuckern einsam dem Lauerzersee entlang und da schreit sie schon wieder, die Frau, die keinen Lautsprecher benötigt: 24 Kilometer Stau. Ab Buochs!

Muss für die nördlichen Nachbarn, die sich von dieser Nachricht betroffen fühlen, enorm gefährlich klingen und dementsprechend geniesst die Lautschreierin die beiden aufeinanderfolgenden Vokale: Bu-ochs. Stau ab Buochs. Jetzt lauert der bedrohliche Buochs an der Autobahn und stürzt sich auf stehende Automobilisten! Zudem ist durch einen Unfall ein weiterer Stau in Goldau entstanden, deshalb also die Barrikaden in Oberarth.

Den Flecken Schwyz lassen wir links im Talkessel liegen und gleiten elegant in den nächsten Kreisel – nur vermeintlich, des Kantons Strassen sind verschlungen und diskret. Wir müssen wenden und kurz darauf passieren wir Brunnens «little italy», ein kurzes Stück dem See entlang auf die Axenstrasse. Kein Auto folgt uns und ich frage mich, ob die Polizei auch alle Ausfahrten der Autobahn verbarrikadiert hat. Die Kantonsstrasse ist nämlich verwaist. Spätestens jetzt muss uns doch das Verkehrschaos erreichen. Endlose Blechschlangen werden die Fahrt dem Urnersee entlang zu einem  qualvollen Stop -and Go –Erlebnis machen.

Konsterniert über die Abwesenheit anderer Autos sind wir erleichtert, als wir nach wenigen hundert Metern zu leichtem Abbremsen gezwungen werden. Ein kleines Staufeeling stellt sich ein, denn zwei Autos befinden sich vor uns. An der Spitze ein Urner SUV mit Anhänger, der stets 5 km/h unter dem Limit fährt und bei den wenigen Stellen, and denen man überholen könnte, geschickt beschleunigt. An seinem Heck klebt ein schwarzes Cabriolet mit Stoffdach und deutschen Kennzeichen, ein untrügliches Zeichen, dass wir uns auf der richtigen Spur befinden.

Kann man schon bei drei Autos von einer Kolonne sprechen? Der Gedanke ist noch nicht zu Ende gedacht, als uns der SUV in Flüelen verlässt und der Schwarzfahrer Richtung Autobahn abbiegt. Links grüssen der Tell und der Walterli und eine Menge von ihren Nachfahren sitzen hier hinter dem Steuer und quälen sich durch die enge Hauptgasse auf der Suche nach einem Gessler, dem sie eins auswischen könnten.

Schaurig ist’s, an einem Samstag Morgen durch Altdorf zu fahren, wenn es unheimlich pulsiert in den Gassen und Leute mit vollen Einkaufstaschen aus den Läden quellen. Ein Vorlesebuch – ich brauch ja noch ein Vorlesebuch. In Zug hab ich mir eines gekauft, meinem Chauffeur daraus vorgelesen, vorauf dieser meinte:

«Warum hast du nicht den gekauft?»

«Wen den?»

«Na den! Der, den wir am Freitag in Solothurn gehört haben. Den von den drei Kin….»

«Ach, du meinst den Jens Steiner!»

Den würde ich mir sofort kaufen, der gefällt mir, optisch schon! Wobei, der lässt sich kaum kaufen. Aber sein Kinderbuch! «Die Bratwurstzipfeldiebe» – daraus könnte ich doch der Schulklasse am Mittwoch Morgen vorlesen. Denn an diesem Tag ist der nationale Vorlesetag. Der Krimi handelt in Zürich – viel nationaler geht’s gar nicht mehr.

«Da vorne muss eine Buchhandlung sein! Ich spring rasch raus und in fünf Minuten bin ich wieder da.»

Schneller gesagt als getan! Der Jens Steiner hat es noch nicht bis in die Urschweiz geschafft. Man kann ihn bestellen. Um nicht umsonst den Weg in die Buchhadlung gemacht zu haben, kaufe ich mir den Ulrich Noethen im Sonderangebot, ein von ihm gelesener Roman auf Hör CDs in MP3 Format, auf jedem neueren Gerät abspielbar. Schon renne ich zurück an die Stelle, wo ich das Auto vermute und muss noch in einer Bäckerei eine kleine Zwischenverpflegung kaufen. Man kann ja nie wissen, wenn man im Stau stecken bleibt und Hunger hat. Eine gefüllte Trinkflasche ist schon im Gepäck.

Kein Auto wartet auf mich, kein entnervter Chauffeur in Sicht. Das heisst, entnervt ist er schon, aber in Sicht noch lange nicht, denn er muss die halbe Kantonshauptstadt umfahren, bis er wieder am Ausgangspunkt ist. Auch die Urner gehören zur modernen fortschrittlichen Zivilisation und können stolz auf ein Verkehrsproblem hinweisen, lokal und temporär zwar, aber prozentual nicht weniger gewichtig. Wie wohl die Spange Altdorf aussehen wird? Über den Klausenpass?

Mein literarische Ausflug hat uns eine halbe Stunde Zeit gekostet. Wenigstens wird uns der Ulrich Noethen den befürchteten Stau in der Schöllenen durch seine Erzählkunst verschönern. Unser Radio will nichts wissen von MP3-Technik und frustriert lege ich die CD zurück und verbanne den Noethen in die Dunkelheit der Kartonhülle, wo er ungehört seine Sprechübungen absolviert.

Wir schlängeln uns gegen den Berg. Wieder in Dreierkomposition. Endlich haben wir in der oberen Reussebene freien Blick auf die Autobahn. Tatsächlich, da stehen sie brav in Zweier-Reihe. Auf der rechten Spur vorwiegend tonnenschwere Laster, mindestens einen Reifen pro 500 Kilos und weitere adipöse Gefährte, auf der Überholspur der Genfer Autosalon von Tesla, Lexus, Cayenne bis zum Anfänger-VW alles vorhanden.

Jetzt sind wir sehr verunsichert! Machen wir das Richtige? Dürfen wir so frei und zügig gegen Süden fahren, wo doch der Stau schon mehr als 26 km beträgt, wie uns in die Ohren geschrien wird. Bestimmt hat die Urner Polizei eine Falle aufgestellt! Bestimmt kann unsere freie Fahrt nicht mehr lange dauern! In Amsteg verschwindet das voderste Auto an der Spitze im Maderanertal und das vorausfahrende Vehikel demonstriert seine Potenz und am Berg und hat uns bereits nach der zweiten Kurve abgehängt. In der Schöllenen braust uns eine Ambulanz mit optischen und akustischen Warnsignalen entgegen und lässt mich erschauern.

Unwillkürlich denke ich an den Tod auf Rädern, ans Leben und Sterben, an die Übergänge. Darf wenigstens meine Seele noch rüber auf die Südseite des Gotthards, wenn mich auf der Nordseite der plötzliche Unfalltod ereilen sollte? Darf ich trotzdem in den Süden, wo es mir viel wohler und wärmer wäre ums Herz? Darf man sich zu Tode trinken, wenn man einsam ist? Trinken, bis die Ambulanz kommt?

Auf der Teufelsbrücke ist der Gehörnte nicht zu sehen. Offensichtlich erschreckt er vor dem Nordportal die Automobilisten. Erfolgreich – sie bleiben stehen. Stundenlang. Der Andermatter Kreisel wirkt wie eine Drehscheibe. Zwei entgegenkommende Reisecars verweisen auf den touristischen Reiz der Region. Man fragt sich sogleich, ob sie vom Urner Tourismusverein gesponsert wurden und alle darinsitzenden Touristen gefaked sind, damit sie wirkliche Touristen anziehen würden. Durchschnittlicher Temperaturmittelwert über das ganze Jahr in Andermatt: 7 Grad Celcius! Wenigstens plus.

Am Mittag die Passsfahrt über den Oberalp, manchmal Seite an Seite mit der rot-weissen Bahn. In Sedrun verpflegen wir uns immer noch staulos mit einem Urner Käsekuchen.

Ein Uhr mittags – Nachrichten. Ein Schrei: Rekord! Rekord! 28 Kilometer Stau! Sollen wir im Kloster Disentis im Gebet der vielen Menschen gedenken, die stundenlang im Stau stehen? Sollen wir in der Stille Szenen erahnen, die sich zwischen Wassen und dem Tunnel-Nordportal abspielen?

«Wow! Sieht toll aus! Haben Sie den selber hochgelegt?»

«Ja. Hab ich an den Wochenenden gemacht! 120 Arbeitsstunden!»

«Und wie viel verbraucht der?»

«Och! Gar nicht so viel! Also, wenn du natürlich voll auf die Tube drückst, voll aufdrehst, dann musst du halt schon was rechnen für’s Benzin- aber so im Stau bleibe ich unter 20 Litern!»

«Von einem solchen Schlitten hab ich auch immer davon geträumt. Aber als Familienkutsche halt nicht so geeignet. Meine Kids haben zum Glück genügend DVDs dabei. Und Kopfhörer. Da wirst du sonst noch wahnsinnig, sag ich dir!»

«Deiner sieht aber auch nicht schlecht aus mit diesen Felgen!»

«Wir müssen wieder! Da vorne rollen sie schon!»

«Tschüs!»

«Bis bald!»

«Papi, ich muss mal!»

«Verklemm es!»

«Mami, ich muss mal!»

«Schatz, er muss mal. Da vorne ist eine Ausfahrt!»

«Spinnst du?!?! Wenn wir da rausfahren, verlieren wir 200 Meter!!!!»

«Wenn du da nicht rausfährst, musst du dich nicht wundern, wenn unser Filius den Kindersitz verpisst.!»

«Das kommt vom blöden Fläschli!!! Ständig nuckelt er an diesem blöden Fläschli!»

«Schau mal nach links! Jetzt kommt dann ein Auto! Vom Feinsten, sage ich dir!»

«Was? Dieser gelbe flachgedrückte Wagen? Das ist doch eher was für die Rennbahn!»

Das ist ein Ferrari. Spezialmodell. Mindestens 220’000 Franken wert.»

«Wenn der abgezahlt ist, fresse ich einen Besen!»

«Der ist doch nicht ein Idiot, der Fahrer! Der hat ihn doch sicher nicht abbezahlt! Nur Idioten bezahlen ihre Autos ab!»

«Kann man denn auch Ferraris leasen?»

Im Rückspiegel sieht man das Kloster, ohne sich im Auto verrenken zu müssen, denn die Strasse verzweigt sich. Nach rechts führt sie zum Oberalp, nach links am Kloster vorbei nach Flims.

Und da, auf dem Weg zum Lukmanier – endlich-endlich: ein kleiner Stau. Dieser besteht zwar nur aus uns, unser Auto muss stehen – vor einem Rotlicht. Eine Baustelle. Niemand da, es ist Samstag, aber die Strasse wird einspurig geführt. Das Trassee auf der Gegenseite abgetragen, kleine Traktoren mit Walzen stehen schon bereit. Wahrscheinlich wird bald wieder asphaltiert. Vier Baustellen bis zur Passhöhe auf 1915 Meter Höhe. An einem Rotlicht müssen wir gar zwei Minuten warten!

Ein Stausee auf der Bündner Seite fängt die zahlreichen Flüsslein in seinem Becken auf und entlässt das gesammelte Wasser wieder – das ist der Geburtsort des Medelser Rheins. Auf der andern Seite der Brenno, der bei Biasca in den Ticino münden wird, sich kurz im Lago Maggiore ausbreitet und in Sesto Calende immer noch als Ticino seinen Weg durch Oberitalien in den Po sucht, der sich in tausend Armen ins Mittelmeer erstreckt.

Arvenwälder, ein mäandrierender Brenno – bald darauf rechts das ProNatura-Zentrum – eine zauberhafte Landschaft, die winters von Langläuferinnen und Langläufern frequentiert wird und sonst dem sanften Tourismus und ihren Wanderern gehört.

Ich atme die frische Luft und rieche den würzigen Süden.

Bald haben wirs geschafft.

Um 13.40 Uhr trinken wir Kaffee im Bleniotal.

Unsere Fahrt hatte 3 Stunden 40 Minuten gedauert. Vorbei an 28 Kilometern Stau, mit einem zwischen Karton gepressten Ulrich Noethen, der uns hoffentlich bald den Roman vorlesen wird: «Drei auf Reisen».

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