Max Huwyler
Abort – Eine kulturgeschichtliche Betrachtung

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Nicht überall war die Toilette tatsächlich ein abgeschlossenes stilles Örtchen (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Auf s’Hüüsli, WC, Abort oder auf die Toilette? Blogger Max Huwyler macht sich Gedanken zum stillen Örtchen, das jeder hin und wieder aufsuchen muss. Und was es mit dem Weltall-Klo und dem griechischen Gemeinschafts-Örtchen auf sich hat.

Eine Tafel neben der alten SAC Hütte zeigte mir, wo’s lang geht, eine Tafel mit einem Pfeil drauf und dem Zielwort «Abort». In der Not ist dem Notdürftigen gleich, wie der Ort angeschrieben ist.

Vom Nasepudern zum Latrinenbau

WC für «Water Closet» wäre geläufiger, doch hier sinnwidrig. Das französische «Toilette» versteckt das Geschäft hinter dem Ordnen der Kleider. Die Engländer bedienten sich bei den Franzosen mit «toilet». Ladies in besseren Kreisen entschuldigen sich für den kleinen Abgang mit dem enigmatischen Hinweis «Excuse me for a moment. I have to go to powder the nose». In einem alten Eisenbahnwagen der MOB hiess der Hinweis auf den Ort der Erleichterung «commodité».

Das klangschöne italienische «latrina» geriet in die Militärsprache: «Drei Mann abkommandiert zum Latrinenbau.» Der Abkommandierungsbefehl bedeutet: Eine Grube graben, Stützen einschlagen, vor die Grube quer den Donnerbalken legen. Zeltplachen drum herum hängen. Zurückmelden.

s’Hüüsli im Haus

Der Abort ist ein Ort ausserhalb. Das Örtli war ein kleines Häuschen nebenaus im Garten, doch keineswegs ein Gartenhäuschen, einfach s’Hüüsli. Als die Häuser dann grösser wurden, Stockwerk über Stockwerk, nahmen die Architekten die Hüüsli ins Haus, auf jedem Zwischenboden des Treppenhauses ein Hüüsli, Plumpsclo mit Holzdeckel. Holzkennel zur Grube darunter.

Erst mit dem Syphon des Water-Closets kam das Hüüsli in die Wohnung. Nun kann man vom Esstisch direkt ufs Hüüsli, das kein Ab-Ort mehr ist. Doch «ufs Hüüsli goo» ist im Sprachschatz gebliiben. Und der Abort wandelte sich ins kindersprachliche «Aabee».

«Hier sassen die Männer zum Gespräch, wohl wissend, dass der Prozess des Abführens oft zu kreativen Einfällen führt.»

Das Klo als Ort der Begegnung

Das Clo – das Closett – ist im Wortsinn ein abschliessbarer Raum, da geht der Benutzer alleine hin. In Ephesus, der antiken türkischen Stadt an der Ägäis, Grosstadt der Griechen, dann der Römer. Hier sah ich den grössten Ort: kein stiller, abgeschlossener Ort, es war ein Ort der Begegnung. Die Sitzstellen in einem grossen Halbrund nebeneinander, hinter jedem Sitzort das Auffangloch, dahinter entlang der Abschlussmauer der Wasserkanal für die Abfuhr. Gegen 20 Sitzorte. In Stein gebaut, Jahrtausende überdauernd. Hier sassen die Männer zum Gespräch, wohl wissend, dass der Prozess des Abführens oft zu kreativen Einfällen führt.

«Stilles Örtchen im Weltall defekt»

Das ist nicht nur örtlich weit entfernt vom hochdeutschen «stillen Örtchen» mit dem poetischen Anklang, der mir als Zeitungstitel entgegenkam: «Stilles Örtchen im Weltall defekt.» In der internationalen Raumstation ISS ist eines der drei Weltraum-WCs ausser Betrieb. Man hatte in der Planung zwar für 170 Millionen Euro ein Aufbereitungssystem entwickelt, aber nicht damit gerechnet, dass bei den schwerelos schwebenden Astronauten sich die Knochen abbauen und Knochensubstanz mit dem Urin das WC beschädigt.

Menschen gehen ins Weltall wohnen und pissen an diesem Ab-Ort die eigenen Knochen weg. Es wurde dann eine USA-Besatzung zum ausserirdischen Reparatureinsatz ins All geschossen. Drei Mann abkommandiert zum Latrinenbau.

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1 Kommentare
  1. Paul Felber, 04.08.2016, 09:39 Uhr

    Kompliment!!!
    Der Text ist ein wahrer Genuss.
    Ich hätte nicht gedacht, dass man ein solches «Scheissthema» auf diesem hohen Nieveau abhandeln kann.

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