1. August – eine Feier für die Grossmutter oder für die Schweiz?
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Die Grossmutter als junge Frau. (Bild: zvg)

Schweizer Fahnen, Höhenfeuer und Sternenzauber 1. August – eine Feier für die Grossmutter oder für die Schweiz?

7 min Lesezeit 1 Kommentar 01.08.2020, 10:42 Uhr

An meinen allerersten 1. August habe ich keine Erinnerung. Aber ich wusste bald, dass dieser Tag jedes Jahr gefeiert wird. Jeden Sommer. Und wie zu jedem Fest im Jahresablauf gehörten die immer gleichen Rituale dazu. Dazu zählte auch die bedeutsamere Feier für unser Familienoberhaupt.

Bei uns gab es einmal den Geburtstag meiner Grossmutter, dann den Geburtstag der Schweiz. Die Feier für Grossmutter jedoch, des Oberhaupts der ganzen Verwandtschaft, war bedeutsamer als es je eine Feier für die Schweiz sein konnte.

Eine Feier für die ganze Familie

Wir trafen in Grossmutters Garten mit ihr und ihrer grossen Nachkommenschaft zusammen, der Kirschbaum hing voller Früchte, gelbrote Kirschen, und meine Onkel und meine Tanten, von denen nur zwei Paare über 30 gewesen sein können, sassen in jenen Klappliegestühlen aus Holzleisten mit den robusten Stoffbahnen, die damals in allen Gärten herumstanden.

Sie trugen weisse Sachen, die Frauen geblümte Röcke. Sie schwatzten und lachten viel, sie spielten Federball mit dem jüngsten Sohn meiner Grossmutter, der noch nicht 20 war, sie schlürften kalte Getränke, und die Sommerkleider der Frauen umschmeichelten bei jeder Bewegung ihre grazilen Arme und Beine.

Sie sassen, wenn sie nicht Federball spielten, unter der breiten Sonnenstore beieinander, in ihrer Mitte Krüge mit kühlen Getränken – und es war bestimmt nicht gesüsster Tee, wie wir Kleinen ihn bekamen. Kinder wie ich krabbelten herum, oder sie hatten schon laufen gelernt. Ich versuchte, die drei oder vier Treppenstufen von der Terrasse runter zur Wiese zu bewältigen.

Rückwärts funktionierte es noch am leichtesten, und gelangte ich endlich auf die Wiese, überwältigte mich dieser Erfolg beinah. Ich weiss das deshalb so genau, weil mein Vater bei jeder Gelegenheit seine neue Filmkamera zückte.

Erleichterung über das Kriegsende

Der grosse Krieg war erst ein paar Monate beendet, und die Erleichterung darüber muss in der Stimmung jenes Sonntagnachmittags mitgeschwungen haben. Mein Grosspapa aber war wenige Wochen davor gestorben. Und mir, damals noch viel zu jung, ist nur eine einzige Erinnerung an ihn geblieben. Die aber an jenem Tag in den Hintergrund rückte, wir feierten Grossmama, sie war gerade 55 geworden.

Ob es damals schon die chinesischen Feuerwerksraketen gab, weiss ich nicht. Europa und grosse Teile der übrigen Welt lagen ja in Trümmern, und nach Detonationen war vermutlich niemandem zumut.

Aber meine Grossmutter erzählte, dass sie die vielen Schweizer Fahnen, die überall herausgehängt wurden, die Höhenfeuer, die Ansprachen und übrigen Festlichkeiten als kleine Bohne lange Zeit nicht anders verstanden hatte, als dass sie zur Feier ihres Geburtstags stattfanden. Mir diese alte Frau aber als jenes kleine Mädchen vorzustellen, diese Anstrengung gelang mir nicht.

Wenige Jahre später musste Grossmama an ihrem grossen Tag mit unseren Brieflein Vorlieb nehmen. Mama hatte damals den Beschluss gefasst, mit uns fünf Kindern sommers in die Berge zu fahren. Die erste Zeit war stets ein deutsches Ferienkind bei uns, um sich in der Schweiz von Krieg, Hunger und den Verlusten der vergangenen Jahre zu erholen.

Sie erzählten wenig von ihren traumatischen Geschichten, ein Junge aber hatte in der Nacht oft geschrien. Und seine Schwester hatte uns versichert, dass man die Samen des Klatschmohns, der sich vor dem Haus breit machte, essen könne. Sie wusste Bescheid, was sonst noch essbar war, wenn es die üblichen Speisen nicht mehr gab, und wie man die Kartoffeln und die Kohle am Bahnhof von den Güterwagen stahl, um nicht zu verhungern oder zu erfrieren.

Eine hochgeschätzte Abwechslung

Als das Rote Kreuz diese Ferienaktionen abschaffte, erlaubte uns Mama, Freundinnen in das Bergdorf einzuladen, und auch eine frühere Schulkollegin von Mama, die sie sehr mochte, hielt sich im selben Ort auf. Zu ihrer Familie gehörten zwei Jungs und ein Mädchen, sie kamen aus Lausanne und sprachen fast nur französisch. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater ein erfahrener Würstebrater und Pilzkenner war.

Am offenen Feuer zelebrierte er im Garten unseres gemieteten Ferienhauses seine Grilladen und kochte für alle Risotto dazu. In Lausanne besass er eine Arztpraxis, die aber über die Sommerwochen geschlossen blieb. Sie wohnten im Hotel, und dieses gehörte Mutters Familie. Daher sprach sie den Dialekt jenes Bergdorfes, und ich liebte ihn.

Wenn ich aber heute Eierschwämme brate, denke ich jedesmal an oncle Marc am Feuer, wie er für uns seine selbstgefundenen Pilze briet, und an den fabelhaften Duft, der sich dabei ausbreitete.

Wir tummelten uns indessen zu acht im verwilderten Garten, in dem sich grossartig Verstecken spielen liess. Es gab auch einen verlotterten Tennisplatz, auf dem die Jungs und meine zwei älteren Schwestern sich mit Ball, Schläger und Netz herumschlugen. Diese Buben waren eine hochgeschätzte Abwechslung, wir neckten sie viel, sie waren protestantisch, man merke es ihnen an, behauptete ich, doch wir hatten viel Spass, mal so richtig mit Knaben herumzutollen, als wären sie unsere Brüder.

Das Herzstück unserer Sommerferien

Der Bundesfeiertag wurde zum Herzstück unserer Sommerferien. Wir brachen oft schon an den Vortagen auf, um in den Wäldern nach trockenem Brennholz fürs 1.-August-Feuer zu suchen, uns im Gehölz die nackten Waden und Arme zerkratzen zu lassen und den Leiterwagen bis oben und höher mit dürren Ästen aufzuschichten.

Daneben fanden wir hübsche Mengen Walderdbeeren sowie Him- und Heidelbeeren. Wir waren passionierte kleine Beerensucherinnen. Mama band uns mit Schnüren leere Ovomaltinebüchsen und Joghurtbecher um die Bäuche, und halbvoll brachten wir sie später neben dem Brennmaterial, das übrigens mehrmals aus dem Leiterwagen kippte, nachhause.

Mit oncle Marc und seinen Jungs bauten wir am andern Tag einen hohen Scheiterhaufen im Garten und hängten Lampions an die Bäume. Immer wieder sahen wir zum Himmel, ob Regenwolken heranzögen oder ob unser Vater den Holzstoss würde anzünden können.

Aber insgeheim für Grossmama

Der stiess jede Woche spät am Samstagnachmittag zu uns und erlebte den innigsten Empfang. Auch für den 1. August reiste er an. Er hatte für den staatlichen Feiertag bei Franz Carl Weber in Luzern Feuerwerk eingekauft und hiess uns dann im Haus nach leeren Flaschen suchen. Die grub er in die Wiese ein und steckte die Holzstäbe der Raketen in die Flaschenhälse.

Unterdessen bereiteten Mama und Rösli, unsere Angestellte, in der Küche ein kleines Festmahl samt Waldbeerenbowle vor, die grossen Schwestern deckten im Freien den Tisch, und wir alle konnten das Einnachten kaum erwarten. Der 1. August ist bis heute ein nächtliches Fest mitten im Sommer.

Obwohl in jenen Urzeiten vor 729 Jahren unsere drei Verschwörer auf dem Rütli ganz sicher bei Tag und nicht nachts ihren Schwur geleistet hatten. Möglich, dass ein Feuer brannte, um sich zu wärmen, aber keine Raketen oder Knaller durchpeitschten die Luft, keine Lampions baumelten an den Bäumen, ja auch die Schweizer Fahne war damals noch kein Thema, die Regierung war österreichisch, der demokratische Bundesstaat ein Traum in weiter Ferne.

Zu unserem Bedauern waren die Lausanner nicht an unserem Fest dabei, sie mussten im Hotel der Tante mit den Gästen feiern. Dabei war mir sonnenklar, dass sie viel lieber mit uns gefeiert hätten.

Sternenzauber für die Grossmutter

Indessen wurde es langsam dunkel, unser brennender Holzstoss, unsere Lampions und schliesslich die Sternenregen, das farbige Gefunkel, das Zischen und Klöpfen der chinesischen Wunderfabrikate über unseren Köpfen konnten bald voll zur Wirkung kommen.

Nach und nach verglomm das Feuer, die Scheiter stürzten zusammen, die Bowle ging zu Ende, und wir setzten uns in gebührendem Abstand zu den aufgereihten Flaschen mit ihrem explosiven Inhalt auf unsere Tribüne, die aus einer alten Wolldecke bestand.

Die Berggipfel rundum ragten schwarz gegen den Nachthimmel, ein paar Fledermäuse zuckten geräuschlos ums Haus. Vater hatte einzig sich selbst die Erlaubnis erteilt, das Feuerwerk in Gang zu bringen. Und nach einigen erwartungsvollen, auch etwas bangen Minuten, in denen wir ihn stumm beobachteten, zischte unter Jubelrufen und Beifallklatschen die erste Rakete zum Himmel.

Da dachte ich an die ferne Grossmutter, dass sie Geburtstag hatte und dass Vater sich vermutlich einzig ihretwegen diese ganze Mühe mit dem bunten Sternenzauber gab.

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1 Kommentare
  1. Irene Leupi, 02.08.2020, 15:18 Uhr

    Sie haben eine wunderschöne Art zu schreiben, liebe Franziska Greising…

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