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Zurück ins ideologische Réduit oder das öffentliche Schweigen der Satten
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Sempach 2008: Schlachtfeier (Bild: Videostil: E. Beeler)

Edwin Beeler Zurück ins ideologische Réduit oder das öffentliche Schweigen der Satten

8 min Lesezeit 26.08.2014, 13:39 Uhr

Je weiter in der Zeitgeschichte zurück ein Schweizer oder eine Schweizerin begraben liegt – ob Legenden oder historisch begründete Charakteren – desto eher kommen ihnen filmischer Ruhm und Ehre zuteil.

«Deutschland im Herbst» ist der Film eines Kollektivs von Autorinnen und Autoren, die auf die politische, aktuelle Situation und die entsprechenden Mentalitäten in der alten Bundesrepublik reagiert haben. Der Film setzt sich mit der deutschen Gesellschaft in Zeiten des RAF-Terrorismus im Herbst 1977 auseinander, insbesondere mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und dem Selbstmord der führenden RAF-Köpfe im Stammheimer Hochsicherheitsgefängnis.

Namhafte Filmautoren haben sich für dieses Werk engagiert, unter ihnen Alexander Kluge, Volker Schlöndorff oder Rainer Werner Fassbinder. Sie mischen sich ein in ihre eigenen Angelegenheiten, versuchen, auf differenzierte, subjektiv-persönliche, filmpoetische Weise Licht ins Geschehen zu bringen. Kluge formuliert es so: «Wir stellten die Öffentlichkeit her, welche die Öffentlich-Rechtlichen damals vernachlässigten.» Der Film beschäftigt sich mit der Gegenwart, ohne die voraussetzenden historischen Bezüge auszuklammern. Dem Filmteam wurde 1978 beim Deutschen Filmpreis ein Filmband in Gold verliehen.

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Das Film- und Fernsehschaffen in der Schweiz kümmert sich durchaus auch um brisante politische Themen, hauptsächlich jedoch um Ereignisse, die einige Jahrzehnte oder eher Jahrhunderte zurückliegen. 

Landammann Stauffacher, Niklaus von Flüe, Waldmann, Escher, Dufour, Franscini: An diese Männer erinnert die kürzlich ausgestrahlte SRF-Serie «Die Schweizer». Etwas weniger weit zurück liegt die Geschichte von Polizeihauptmann und Flüchtlingshelfer Paul Grüninger, dessen Rehabilitation durch die Kantonspolizei St. Gallen am 22. August dieses Jahres stattfindet, beschämender- oder bezeichnenderweise also erst 42 Jahre nach seinem Tod und 21 Jahre nach seiner politischen Rehabilitierung (jene der als Hexe verbrannten Anna Göldi übrigens wurde durch die Glarner Kantonsregierung und den reformierten Kirchenrat noch 2007 abgelehnt; erst 2008, 226 Jahre nach ihrer Hinrichtung, wurde sie vom Glarner Landrat posthum wieder in ihre Rechte eingesetzt; Gertrud Pinkus hat ihre Geschichte 1991 in «Anna Göldin – Letzte Hexe» verfilmt). Grüningers Geschichte wurde dieses Jahr im Spielfilm von Alain Gsponer und 1997 im Dokumentarfilm von Richard Dindo («Grüningers Fall») erzählt.

Je weiter zurück in der Zeitschiene der Historie berühmte Schweizer begraben liegen – mag es sich um Legenden oder historisch verbürgte Persönlichkeiten handeln – desto häufiger kommen sie zu filmischen Ehren. Geradezu inflationär und kunterbunt wurde der Stoff von Wilhelm Tell, unserem Oberpatrioten, Musterschweizer, Tyrannenmörder und Haupthelden, verfilmt. Begonnen hat diese Verfilmungstradition gemäss Hervé Dumonts Recherchen («Geschichte des Schweizer Films», «Spielfilme 1896-1965», «Lausanne 1987») im Jahre 1912. Damals hat sich der «Dramatische Verein Interlaken» dieses Themas angenommen. 1913 folgte die deutsche Mutoscop- & Biograph-Gesellschaft m.b.H., Berlin («Die Befreiung der Schweiz und die Sage von Wilhelm Tell»), 1914 die Lémania-Film, Genf («Guillaume Tell»), und 1921 hat der Luzerner Friedrich Genhard die Theateraufführung der Tellspielgesellschaft Altdorf abgefilmt. 

1924 mag man es monumental. Die Tellenfigur steht im Zentrum der amerikanisch-schweizerischen Koproduktion der Sunshine Film Inc., New York und der Turicia Film AG, Zürich. Emil Harder inszeniert für sie «Die Entstehung der Eidgenossenschaft», in den USA vertrieben unter dem Titel «William Tell, the best known story in the world». Schillers Drama und Rossinis Oper dienen als Vorlage. Harder, gelernter Bäcker, 1912 in die USA ausgewandert und Heimwehschweizer, will ein nationales Kunstwerk schaffen, möchte mit realen Dekors, Museumsstücken, historischen Monumenten und touristisch attraktiven Landschaften Authentizität herstellen und die durch Weltkrieg, Generalstreik, Arbeitslosigkeit und Währungskrise zerrissene Schweiz zur  Einheit mahnen. Hauptzweck der Verfilmung ist jedoch, die Schweiz den Amerikanern besser bekannt zu machen und Touristen anzulocken. Doch obwohl an der Berner Filmpremiere sogar der Bundesrat anwesend ist und das Publikum die Landeshymne gesungen haben soll, wird die Filmauswertung zum finanziellen und künstlerischen Desaster. «Die Presse reiht den Film in den Rang einer Dorftheater-Aufführung ein» (Dumont).

Einen Wilhelm Tell kann man auch mit misslungenen Filmen nicht umbringen.

1933/34 macht die Berliner Terra-Film AG aus ihm einen ’Führer’, und Reichsmarschall Görings Geliebte und spätere Gattin, die Schauspielerin Emmy Sonnemann, darf Tells Frau Hedwig spielen. Tell, vereinnahmt von der braunen Ideologie, reinigt mit eisernem Besen das Schweizerhaus von unerwünschten Elementen. Seine Weltanschauung ist antijüdisch, antimarxistisch, antidemokratisch, antiliberal, antiparlamentarisch und antipazifistisch. Als sozialdarwinistischer Schollenheld verachtet er verweichlichte Menschenrechtsverfechter. Der Nazi-Tell skandiert den Slogan des «einzig Volk von Brüdern», womit natürlich gemeint ist, dass auch die Schweiz «Heim ins Reich» geholt werden soll. Umgekehrt bedeutet das natürlich den Ausschluss der Andersdenkenden, Andersartigen, Andersrassigen, der Ausländer und Fremden.

Ursprünglich soll Heinrich Gretler den Fascho-Tell spielen, glücklicherweise will der mit dieser Produktion nichts zu tun haben (siebe Jahre später spielt Gretler den Landammann Stauffacher unter der Regie des Exilösterreichers Leopold Lindtberg). Kaum bekannt ist, dass der Urner Kunstmaler Heinrich Danioth für diesen Tellfilm das Casting der Nebenrollen und Statisten besorgt (nächstes Jahr soll übrigens ein Kinofilm über Danioth in die Kinos kommen).

Die faschistischen Diktaturen umzingeln die Schweiz. Bis der nächste Tellenfilm gedreht wird, vergehen fast 25 Jahre. Inzwischen macht die Schweiz den Igel, die geistige Landesverteidigung soll die einheimischen Werte und Traditionen gegen die totalitären Ideologien hochhalten. Die Filme «Füsilier Wipf», «s’Margritli und d’Soldate», «Gilberte de Courgenay» oder «Landammann Stauffacher» sollen den Wehrwillen der Bevölkerung stärken. In den Kinos haben sie grossen Erfolg. Filmische Perlen, die nicht dem schweizerischen Mainstream huldigen, haben daneben keine Chance. «Romeo und Julia auf dem Dorfe» von Hans Trommer und Valérien Schmidely oder «Wilder Urlaub» von Franz Schnyder fallen beim Publikum durch, Filmfiguren wie herzlose Bauern oder dienstmüde Soldaten taugen nicht zum Vorbild, Romantisches oder Nonkonformistisches passt nicht in die Zeit. Trommer kann danach fast nur noch Auftragsfilme drehen. Schnyder setzt mit seinen Gotthelf-Verfilmungen auf kommerziell sicherere Werte; wo er später diese Schiene verlassen möchte, stellt sich auch sogleich der Misserfolg wieder ein («Der 10. Mai»), sein Pestalozzi-Projekt bleibt unverwirklicht.

Die Mentalität der geistigen Landesverteidigung rettet sich aus der Réduit-Zeit hi­n­über in den Kalten Krieg. 1960 also dreht Michel Dickoff die nächste Tell-Verfilmung «Wilhelm Tell – Burgen in Flammen». Weil die Filmproduktionsfirma durch den monumental betriebenen Aufwand fast bankrott ist, sucht Produzent Josef R. Kaelin Hilfe beim Klassenfeind: Die sowjetische Filmarbeiter-Gewerkschaft zeichnet den Tell-Film am Moskauer Filmfestival 1961 mit dem Regiepreis aus. Tell ist also vom faschistischen Führerhelden zum antiimperialistischen Kämpfer mutiert, Sovexport­Film bietet für die Auswertung in der UdSSR eine halbe Million Franken. Dagegen protestieren zu Hause die vaterländischen Kreise. Die Aktion pro Wilhelm Tell wird gegründet, Filmproduzent Kaelin krebst zurück, und die ob dieser Kehrtwendung be­leidigte sowjetische Presse schreibt nun von den Machenschaften eines «kapitalistischen Spekulanten» (Dumont).

Im September 1989 gedenkt die offizielle Schweiz des Kriegsausbruchs 1939 mit zahlreichen Aktivdienstfeiern. Am Horizont zeichnet sich das Ende des Kalten Krieges ab. Gleichzeitig schlägt die Stunde der Neukonservativen unter der Führung des Unternehmers, Multimilliardärs, Parteistrategen, Wahl- und Abstimmungsfinanciers, Medieninvestors und Nationalrats, des späteren Justizministers Dr. iur. Christoph Blocher. Während der Pastorensohn mit deutschen Wurzeln die Schweiz in die politische Isolation führen will (gleichzeitig aber in China und Südafrika erfolgreich wirtschaftet) und das EWR-, später EU-Schreckgespenst an die Wand malt, erklärt Schriftsteller Dürrenmatt seinem Kollegen Vaclav Havel, wie die Schweiz funktioniert: als freiwilliges Gefängnis mit Wärtern und Gefangenen in Personalunion. Der todkranke Max Frisch spricht verbittert vom ’verluderten Staat’. Bedrängt durch den Fichenskandal, durch die Konflikte um Nazi-Raubgold, Bankgeheimnis, Bergier-Historikerkommission oder Jugoslawienkriegsflüchtlinge und verunsichert durch den Feindbildverlust (Untergang der UdSSR, Ende des Warschauer Paktes), berufen sich der begabte Rhetoriker und seine Anhänger auf die alten Mythen, klittern damit ein pseudopatriotisches Stückwerk zusammen, erheben es zur verbindlichen schweizervölkischen Norm und jonglieren damit wie mit Textbausteinen in ihren Reden, Statements und Artikeln, ständig von fremden Richtern, Tellensöhnen und Mutter Helvetia schwafelnd.

Die alten Heldenepen gerinnen zum Satirestoff.

Die Tellensaga wird als Komödie verfilmt, 2007, mit Mike Müller als eingewandertem Armbrustträger aus Österreich. 2011 meldet eine Zeitungsente, Chaplins Enkeltochter Kiera solle im geplanten 3D-Film «The Legend of William Tell» dessen Frau spielen, an der Seite von Schauspieler Brendan Frazer. Jedoch darf man gespannt sein auf eine weitere Tell-Verfilmung, jene von Luke Gasser nämlich, der gemäss Branchenmitteilung (ciné-bulletin) gegenwärtig dazu das Drehbuch schreiben soll. Und bald kommt Peter Luisis Komödie «Schweizer Helden» in die Kinos: Asylbewerber spielen Schillers Tell.

Scheut das einheimische Filmschaffen systematisch die Beschäftigung  mit aktuellen Stoffen und zeitbezogenen Themen? Mitnichten, zu keiner Zeit. Analog zur bundesdeutschen Filmszene der 70er Jahre bringen beispielsweise der Filmemacher Richard Dindo und der Schriftsteller Niklaus Meienberg zusammen «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» in die Kinos. Dieser Film erzählt die Geschichte eines kleinen, mittellosen Soldaten und Underdogs, der unbedeutende Munitionsdepot-Pläne an einen deutschen Agenten verrät und dafür erschossen wird, wohingegen Bührles Waffenlieferungen an Nazi-Deutschland, Korpskommandant Willes Sympathien für Hitlers Grossgermania oder die Urheber des Judenstempels ungeahndet bleiben. Der Bundesrat hat dem Film eine Prämie verweigert, da er ideologische Tendenzen trage, ein Verdikt, das auch den Film «Deutschland im Herbst» auszeichnen könnte.

Will man sich mit der heutigen Schweiz filmisch auseinandersetzen, sollte man die Filme vor allem von Fernand Melgar («La Forteresse», «Vol spécial», «l’Abri») oder von Jean-Stéphane Bron sehen («Mais im Bundeshuus», «l’Expérience Blocher»).

Eigentlich wäre es aber höchste Zeit, dass sich mehr Autorinnen und Autoren eine Öffentlichkeit verschaffen, indem sie die drohende Gefahr der Zerstörung dessen, was das Erfolgsmodell der Schweiz seit 1848 ausmacht, thematisieren: nämlich den Vorstoss rechtsextremer Kreise, einerseits das Instrument der Volksinitiative zu missbrauchen und damit schleichend die Gewaltentrennung zu demontieren, internationale Verträge zu kündigen, die Geltung der Menschenrechte abzuschaffen, Flüchtlinge und Min­der­heiten pauschal zu diffamieren (’Schmarotzer’, ’Scheininvalide’), andererseits aber Kapitalflucht, Steuerbetrug und -wettbewerb, Hedgefonds-Spekulantentum oder undurchsichtige Parteienfinanzierung zu begünstigen.

Spätestens seit der an ein Pogrom grenzenden Verfemung des Historikers Siegenthaler – er hat sich in einer persönlichen Meinungsäusserung für einen EU-Beitritt ausgesprochen – sollten die Zeichen auf Rot stehen. Wenn die Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft sattsam schweigen und schlafen, braucht es mehr Grüningers, mehr Zivilcourage, mehr Bürger- und Gemeinsinn, auch seitens der Kultur- und Filmschaffenden.

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