Nicht alles, was ich lese, begreife ich
Wir müssen lernen, Zeit zu haben

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Babuschka hatte mehr als genügend Zeit. (Bild: Symbolbild: Unsplash)

Wie bildest du dir als erwachsene Person eine Meinung? Liest du Zeitung oder Online-Medien? Wie bilden sich Kinder eine Meinung? Durch Erlebnisse, Erfahrungen, Vorbilder. Je älter das Kind, desto grösser sein Umfeld. Älter werden braucht Zeit. Nicht alles, was ich jetzt verstehe, habe ich als Kind schon begriffen.

«Ach, du arme Mädchen! So schlimme Zeit, wo du geboren bist!», klagte meine Babuschka.

Sie war vom fernen Zürich nach Ebikon gereist, auf die Gnade von meinem Vater als Chauffeur angewiesen, und dieser hatte höchst selten Zeit und noch seltener Lust, die Schwiegermutter ins Haus zu lassen.

In Zürich der Ostblock

Babuschka reiste nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln – sie hätte allerdings die Umstände keineswegs gescheut, eine solche Unternehmung auf sich zu nehmen, denn in ihrer Heimat hatte man gerade das im Überfluss, was uns heute so fehlt: Zeit! Was ihr fehlte, war das Geld für ein Zug- oder Busbillett.

So lud mein Vater Babuschka mit ihren Koffern in grossen Abständen bei uns ab. Sie gedachte, lange bei ihrer Tochter mit der vierköpfigen Kinderschar zu verweilen, denn Genia war die Einzige in ihrem Umfeld, die die russische Sprache beherrschte. Stundenlang telefonierten die beiden Frauen, ein Singsang in einer mir so vertrauten und gleichwohl unverständlichen Sprache, durchsetzt mit Lehnwörtern und Universalwörtern, so dass ich das Gefühl hatte, der Konversation folgen zu können, ohne sie tatsächlich zu verstehen.

Nach kurzer Zeit: Konflikt, Disput, Eskalation

Aber schon nach zwei Tagen passierte das, was vorauszusehen war: Konflikt, Disput, Eskalation. Wutschnaubend packte Babuschka ihre Koffer, und plötzlich hatte mein Vater alle Zeit der Welt, seine Schwiegermutter sogar nach einem anstrengendem Arbeitstag zurück in den Osten, sprich Zürich, zu fahren.

Mit den Worten: «Ach, du armes Mädchen! Wie musst du leiden, bei so einer schlimmen Mutter! Aber, ich sage dir: Dein Vater ist noch viiiiiel schlimmer!», verliess mich Babuschka. Das verstand ich gar nicht. Ich liebte meine Mutter, ich liebte meinen Vater, ich liebte meine Babuschka über alles. Und ich liebte mein Leben.

Vier Frauen.
Babuschkas Familie, von links: Maria, Ira, Sina, Genia.

«Kinder, esst mehr Fisch, seid klug wie die Schlangen!»

In der Ausbildung zur Primarschullehrerin, zu einem Beruf, den ich nie auszuüben gedachte – wollte ich doch unbedingt an die Uni – lernte ich viele Menschen kennen. Darunter Mitschülerinnen, die für mich als Lehrpersonen nicht infrage kamen. Auch mir selber traute ich den Beruf als vorbildliche Lehrperson in keinem Moment zu. Wer will schon sein Kind von einer ungestümen Jugendlichen unterrichten lassen, die vom Leben keine grosse Ahnung hat?

Eine äusserst gebildete und elegante Frau war meine Klassenlehrerin Dr. Lozza, die uns zur Lektüre zahlreicher Bücher verführte, die ich kaum alle freiwillig gelesen hätte und mir eine Weisheit vermittelte: «Steter Tropfen höhlt den Stein». Bei ihr lautete das folgendermassen: «Kinder, esst mehr Fisch, seid klug wie die Schlangen!» Wohl hoffte sie, dass ihr ausgestreutes grosses Wissen irgendwann bei einem ihrer Zöglinge keimen würde und Blüten trüge.

Unnützes Wissen

Ebenfalls in lebhafter Erinnerung bleibt «der Seelenfischer». So nannten wir unseren Religionslehrer. Bei der ersten Prüfung, die wir schrieben, meinte er:

«Habt ihr die Fragen gut durchgelesen und verstanden? In 40 Minuten müsst ihr das Blatt abgeben. Unterschreibt es mit dem Satz, dass ihr ehrlich gearbeitet habt. Ich bin gleich gegenüber im Café Brösmeli.» Und er verliess den Raum ohne den geringsten Zweifel an unserer Ehrlichkeit.

Als wir in einer Religionsstunde wieder mal über den Prüfungsdruck stöhnten, waren doch die Geografie-, Physik- und Mathematikprüfungen für die gleiche Woche angesagt worden, meinte er lakonisch: «Ich bedaure euch, wenn ich daran denke, wie viele Jahre ihr brauchen werdet, all das Unnütze wieder zu vergessen, das ihr gelernt habt!»

Das Leben lehrt uns das, was wir in der Schule verpasst haben

Nach fünf Jahren Studium stand ich als Primarschullehrerin vor einer Klasse. Und las unzählige Bücher, Fachliteratur über Entwicklung und Erziehung, besuchte weiterführende Kurse, unterrichtete im fernen Lima. Annähernd 40 Jahre war ich als Lehrerin tätig – entgegen meinen Vorsätzen. C’est le provisoire que dure.

Heute ist jede Zeitung zur Klagemauer geworden, was die Schule betrifft: Notstand, Mangel an Lehrkräften, Mangel an Fachkräften, Maturitätsquote zu hoch, Matura für alle – jeder ist zu einer Fachperson für Bildungsfragen geworden.

Forderungen kommen von allen Seiten. Alles muss besser werden, schneller, effizienter, qualifizierter – und billiger. … er – wie Roboter?

arbeiten, russisch = robotar
Arbeiten, russisch = robotar.

Lernen, Zeit zu haben

Wir müssen lernen, Zeit zu haben. Langeweile auszuhalten. Uns mehr Zeit zu nehmen. Für ein gutes Buch. Für einen guten Film im leider fast leeren Kinosaal.

An Weihnachten 1903 kam in Amerika Joseph Cornell zur Welt, ein begnadeter Pädagoge. Seine fünf Grundsätze, wie man Kinder begeistert, gelten auch heute noch.

  1. Lehre weniger und teile mehr von deinen Gefühlen mit
  2. Sei aufrichtig
  3. Sorge gleich zu Anfang für Konzentration
  4. Erst schauen und erfahren – dann sprechen
  5. Das ganze Erlebnis soll von Freude erfüllt sein – sei es Fröhlichkeit oder ruhige Aufmerksamkeit.

Lernen findet nur statt, wenn eine positive Beziehung zwischen Lehrpersonen und Lernenden besteht. Alles andere ist Dressur.

Ich habe nie an einer Uni studiert – irgendwie kam ich gar nie dazu. Vielleicht sollte ich mir dazu einfach Zeit nehmen. Ich lese Zeitung, doch meist ungern. Nicht alles, was ich lese, begreife ich.

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2 Kommentare
  1. Hannes Estermann, 30.06.2022, 13:42 Uhr

    Ein sehr interessanter Artikel !
    besonders die Textspalte-lernen findet nur statt…..
    Anfangs der 70er Jahre wurde mir kurzfristig ein Pensum als 40% Gewerbelehrer angetragen.Notabene-das ich selbst nie suchte!
    Bald wollte man mich im Vollamt.Für mich noch weniger ein Thema…weshalb ?
    In meinem erlehrten Beruf und längerem Auslandsaufenthalt konnte ich mich sehr schnell etablieren. So blieb es beim Teilpensum,was nicht von allen zuständigen Stellen gern gesehen wurde..dagegen von den einstigen Lehrlingen um so mehr.Realisierte als Lehrkraft relativ schnell,wer in einem anderen Beruf evtl.glücklicher würde,was ich offen und fair kommunizierte.
    Eine Erfahrung,dank meinem täglichen Mix von Praxis und Theorie.
    Einmal mehr,auch hier-was als Provisorium begann wurde ein geglücktes Lebenswerk.
    Habe heute noch mit vielen ehem.Fachschülern aus der fast ganzen Gastrowelt, herzlichen und beidseits dankbaren Kontakt !

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    1. Katja Zuniga Togni, 01.07.2022, 08:25 Uhr

      Lieber Hannes
      Wenn ein Beruf zur Berufung wird, dann ist oft weniger mehr – weniger Prozente und mehr Leidenschaft
      Herzlich
      Katja

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