Spiel ohne Grenzen
Wie uns die künstliche Intelligenz die Arbeit abnimmt

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Handy kann man nicht nur zum Fotografieren brauchen. (Bild: Katja Zuniga Tongi)

Manchmal muss man seine Meinung aufschreiben, um sie nicht sagen zu müssen, findet Kulturbloggerin Katja Zuniga Tongi. Sie schreibt in ihrem Blogpost darüber, warum sie gegenüber technischen Errungenschaften misstrauisch ist.

Ich bin verabredet. Um zwei Uhr treffe ich mich mit Olga und deren Sohn Denis zu einem Spaziergang.

Fieberhaft suche ich nach meinem Russisch-Deutsch-Dictionnaire, packe Schreibblock und Kugelschreiber ein, und fühle mich so der Begegnung mit den beiden Flüchtlingen gewachsen.

хороший день – khoroshyy denʹ

(Auflösung am Ende des Textes)

«Guten Tag! Mein Name ist Katja. Es freut mich, Euch kennenzulernen!» radebreche ich auf Russisch, denn ich kann kein Ukrainisch. Natürlich sind die beiden Flüchtlinge aus Kiew von ihrer Gastfamilie auf meinen Besuch vorbereitet gewesen; nach einer herzlichen Begrüssung ziehen sie ihre Schuhe an und schon sind wir unterwegs.

Mein Hündli Zappa überwindet die Sprachbarriere im wahrsten Sinn des Wortes spielend. Denis wirft Stöcklein um Stöcklein, während ich versuche, die russischen Wörter aus meinen Gehirnwindungen herauszuziehen und mich mit Olga zu unterhalten.

Olga ist zehn Jahre jünger als ich. Und obwohl sich ihre Deutschkenntnisse auf die Zahlen von 1 bis 10 beschränken, bekundet sie mit der Verständigung weniger Mühe als ich.

Dies verdankt sie ihrem 17-jährigen Sohn Denis, beziehungsweise dessen technischen Kenntnissen, denn er hat ihr eine passende App aufs Handy geladen.

Olga zückt ihr Mobile, spricht auf Ukrainisch in das kleine Kästlein, checkt, ob ihr Gesprochenes auch richtig im Display geschrieben erscheint.

Und dann spricht eine Wunderfrau mit Olgas Stimme aus dem Off: «Die Sonne scheint!»

Я цього не розумію. – YA tsʹoho ne rozumiyu.

(Auflösung am Ende des Textes)

In der Tat scheint die Sonne, aber Nebelwolken umhüllen schlagartig meinen Verstand. «Was ist das? Bin ich so alt, dass diese technische Entwicklung völlig an mir vorbeigegangen ist? Ist das möglich?»

Ich bin mit einem Mal um zehn Jahre gealtert, habe zehn Jahre verpasst, den Anschluss an die zeitgemässe Gesellschaft verloren. Ich habe mich bisher standhaft geweigert, allzu viel in mein Leben einzubeziehen.

Das Sprachprogramm habe ich nur spasseshalber ausprobiert, nachdem aber die automatische Übersetzung einmal zu einem peinlichen Vorfall geführt hat, habe ich diese Funktion auf meinem Handy deinstalliert. Ich will ja nicht ständig meinen «Big Brother» mit mir herumschleppen! Möglichst wenig Überwachung zulassen! Auch die Kamera in meinem Compi habe ich zugeklebt.

Olga spricht ganze Sätze in ihr Handy, ohne sich Mühe geben zu müssen, in infantile Kürzestsätze zu verfallen. Nur, als wir uns dann vom Haus entfernten, versagt ihr App, denn sie hat keine Internetverbindung mehr.

Wir spazieren zu mir nach Hause, die Konversation auf ganz wenige Wörter reduziert. Ich lerne, was Kuh heisst, was Gras, was Milch. Ich versuche, mir die Wörter zu merken. Diese Mühe machen sich aber Denis und Olga weniger. Sobald sie wieder online sind, ist das Problem für sie gelöst.

odin – dva – tri – chotiri – p’yiat› – shist›

(Auflösung am Ende des Textes)

Eile mit Weile kann man auch ohne Internet spielen. Wir zählen auf sechs, auf Deutsch, auf Russisch, auf Ukrainisch, und lachen in einer Universalsprache zusammen. Das Verstehen einer ohne sie gelernt zu haben, ist ein Menschheitstraum, lese ich im Internet. Doch verstehe ich die Sprache wirklich, wenn meine Wörter automatisch übersetzt werden?

Nach zwei Stunden begleite ich Olga und Denis zu ihrer Gastfamilie. Da ich keine Übersetzungs-App auf meinem Handy installiert habe, versinken wir in Schweigen und sind froh um das Hündli, das immer wieder zum Lachen Anlass gibt, da es aufgeregt um uns herumtanzt und zum Spielen auffordert.

Dem Hündchen Zappa steht keine Sprachbarriere im Weg.
Dem Hündchen Zappa steht keine Sprachbarriere im Weg.

Krieg bringt Zerstörung mit sich, das ist nicht von der Hand zu weisen. Das Militär ist ein wichtiges Instrument für den Krieg. Es ist, wo es besteht, auch ein wichtiges Instrument für den Frieden. Und für die Entwicklung technischer Hilfen verantwortlich, die im Laufe der Zeit der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden, wie zum Beispiel der E-Mail-Verkehr.

Wussten Sie, dass eines der ersten Projekte, vom US-Militär entwickelt, ein Übersetzungsprogramm Englisch-Russisch war?

Inzwischen werden künstliche neuronale Netze eingesetzt, was zu wesentlich besseren Ergebnissen führt, und die künstliche Intelligenz ermöglicht seit dem Jahr 2018 Englisch-Chinesisch-Übersetzungen, die eine Dolmetscherin arbeitslos machen.

Krieg der Neuronen

Am Abend meint meine Freundin: «Aber, das kennst du doch!!! Gugus-Translator, Babel-Sound oder wie immer diese heissen. Jede portugiesische Putzfrau hat das.»

Mein Misstrauen bleibt aber bestehen: das ungute Gefühl, dass auch Verkümmerung eine Entwicklung bedeutet. Wie die Reste der Schulter- und Hüftgelenke im Skelett einer Schlange, die davon zeugen, dass sich diese Reptilien ursprünglich auf vier Beinen fortbewegten. Darauf können die Schlangen seit Jahrtausenden verzichten. Eine Schwarze Mamba kann auch ohne Beine mit sechzig Stundenkilometern über den Boden schlängeln!

Wir verzichten auf das Überprüfen, Sich-gegenseitig-Zuhören, auf das Anschauen und Zu-verstehen-Suchen. Die künstliche Intelligenz nimmt uns diese Arbeit ab. Ja, es gibt einen Unterschied zwischen «maschineller» und «menschlicher» Übersetzungstätigkeit.

Die menschliche Übersetzung, das Zuhören, Nachschlagen, Wortfinden, ist Gegenstand der angewandten Sprachwissenschaft. Die automatische Übersetzung gehört zum Teilbereich der künstlichen Intelligenz. Übersetzen ist nicht dasselbe wie verstehen. Ob der Gewinn dieser Entwicklung in der rasanteren Fortbewegung liegt, kann ich nicht wissen. Jedenfalls sind Olga und Denis sehr schnell aus Kiew geflohen.

PS. App herunterladen, die ukrainischen Wörter ins Handy sprechen und schon haben Sie eine Übersetzung!

  1. Guten Tag
  2. Ich verstehe ihn nicht
  3. eins zwei drei vier fünf sechs

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