Wie gefährlich sind verletzende Kunstwerke?
Warum mich meine Lieblingskünstler zum Weinen bringen

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Bräuchte es beim Werk von Hieronymus Bosch eine Triggerwarnung? (Bild: Wikipedia / Wikiart)

Unser Blogger Niko Stoifberg träumt noch heute von Bildern, die er vor vielen Jahren gesehen hat. Der Luzerner Autor findet, dass er selber schuld daran ist.

Einer meiner Lieblingskünstler ist Hieronymus Bosch. Über sein Leben ist wenig bekannt, aber der aus einer niederländischen Malerfamilie stammende Hieronymus muss mit einer Fantasie begabt gewesen sein, die wohl selbst die «abgespacesten» Mystiker seiner Zeit als lebendig bezeichnet hätten.

In seinem Triptychon «Garten der Lüste» beispielsweise hausen Bestien in Burgen aus Fleisch, aus riesigen Augäpfeln sprudeln Wasserfälle und ein Mensch erleichtert sich von Goldmünzen, während ein anderer von einem Schwein in Nonnenkleidung angeknabbert wird.

Hieronymus Bosch hatte Glück, dass er im Brabant des 15. Jahrhunderts aufwuchs und nicht in der Schweiz des 21. Dann wäre er vielleicht an der Zürcher Hochschule der Künste gelandet und dort hätte er es mit David Bircher zu tun bekommen, dem Co-Präsidenten der Studierendenorganisation «Verso». Der gab neulich der NZZ am Sonntag zu Protokoll, dass Kunst zwar provozieren, aber «keine schlechten Gefühle» auslösen dürfe. Wie das zusammengeht, bleibt Birchers Geheimnis, aber jedenfalls setzt er sich vehement für Triggerwarnungen ein, die empfindliche Seelen vor allzu kruder Kunst schützen sollen. Noch besser fände er es bestimmt, wenn überhaupt niemand solche Kunst machen würde.

Nichts für übers Sofa

Hieronymus Boschs Bilder sind sicher nichts, was man sich übers Sofa hängt oder als Glückwunschkarte zur Erstkommunion verschickt. Wohlbefinden lösen sie nicht aus. Aber dafür gibt es ja Schaumbäder. Wenn es hingegen die Aufgabe von Kunst sein sollte, die Wirklichkeit zu verdichten, zuzuspitzen oder zu überhöhen, dann war Bosch ein beängstigend guter Künstler. Die meisten Künstler, die ich gut finde, lösen in mir zumindest gemischte Gefühle aus, bringen mich also nicht nur zum Lachen, Strahlen oder Schmelzen, sondern auch zum Nachdenken, Fürchten oder Weinen.

Es würde mich interessieren, was David Bircher etwa zu Joni Mitchell sagen würde (sie löst derzeit schlechte Gefühle bei Impfgegnern aus), zu Thomas Bernhard (schlechte Gefühle bei Österreichern) oder zu Charlotte Gainsbourg (schlechte Gefühle bei so ziemlich allen, die sich deren Filme anschauen). Ebenfalls interessant wäre seine Meinung zu investigativem Journalismus oder zu Kriegsberichterstattung. Letztere tut sich natürlicherweise schwer damit, für positive Vibes zu sorgen. Wichtig ist sie, finde ich, trotzdem.

Verstörende Bilder

Ich will die Gefahr verstörender Bilder nicht kleinreden. Vor Jahren, nach dem Attentat auf die Westgate-Mall in Nairobi, wollte ich herausfinden, was in diesem Kaufhaus wirklich geschehen war. Schlussendlich bin ich auf Fotos gestossen, die ein Arzt am Tatort gemacht hatte. Ich träumte danach oft und schlecht von diesen Bildern und wünsche mir bis heute, ich könnte sie aus dem Gedächtnis löschen.

Entscheidend ist aber, dass diese Dokumente von keinem Newsportal veröffentlicht wurden und ich sie erst nach stundenlanger Recherche fand. Dass ich sie bewusst gesucht und gesehen habe, war kein Übergriff des Fotografen, sondern lag allein in meiner Verantwortung.

Genauso wissen alle, die es wissen wollen, was sie bei einer bestimmten Regisseurin, bei einem bestimmten Maler oder bei einer bestimmten Autorin erwartet. Die Gefahr, aus Versehen mit einem verletzenden Kunstwerk in Berührung zu kommen, ist ungefähr gleich gross wie die Chance, sich beim Schachspielen das Schienbein zu brechen. Wer dieser Gefahr komplett aus dem Weg gehen will, muss sich für ein Leben ohne Schach entscheiden. Das ist möglich – ich habe es selbst vor langer Zeit getan. Wenn auch nicht aus Sicherheitsgründen.

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