Warum ich jetzt auf vier Beinen tanze und Katzen so gerne mag
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Sich bewegen wie die Katzen: Irina Lorez’ neustes Programm «Being Animal». (Bild: Roberto Conciatori)

Nichts ist für die Katz Warum ich jetzt auf vier Beinen tanze und Katzen so gerne mag

3 min Lesezeit 30.03.2021, 10:53 Uhr

Tanzt man eigentlich für sich, oder für das Publikum? Und wie lernt man, sich zu bewegen wie eine Katze? Die Luzerner Tänzerin und Choreografin Irina Lorez begann sogar, wie eine Katze zu fühlen, ihre Haltungen, Positionen und Bewegungen einzunehmen.

Mit zwei Leitsätzen habe ich mit 13 Jahren zu tanzen begonnen. Erster: «Niemand kann mir den Tanz wegnehmen oder mich enttäuschen, wenn nicht ich selbst.»  Zweiter: «Ich tanze, um etwas in den Menschen zu bewegen und sie zu berühren.» Wenn dies nicht möglich ist, sehe ich keinen Sinn darin, vor Publikum zu tanzen. Genauso kann ich (was ich gerade tue) im Wald die Arme schwingen, durch die Stube drehen, auf allen vieren im Garten gehen oder bewegte Bilder an mir vorbeiziehen lassen. 

Auf dem schmalen Seil der Seele

Obschon mir seit 30 Jahren der Tanz vielmals geholfen hat, schwierige Lebenssituationen besser zu transzendieren, tanze ich nicht für mich, sondern für mein Publikum. Man könnte berechtigterweise fragen: «Ja, warum machst du denn nicht etwas Massentauglicheres? Etwas Lustigeres, Virtuoseres, Akrobatischeres, Schöneres?» 

Das mache ich doch! Ich tanze auf diesem schmalen Seil der Seele. Zwischen mir und dem Publikum ist ein feines Netz gespannt. Wir wissen nicht von Vornherein, ob wir fallen oder fliegen, aber wir sind aufgehoben und die Kopfarbeit ist aufgeschoben. 

Being Animal – Irina Lorez & Co. (Bild: Roberto Conciatori)

Auf allen vieren

Um dem Feinstofflichen noch näher zukommen, habe ich mich unter anderem von der Kulturpolitik zurückgezogen. Ich lebe auf dem Land, einen Katzensprung zum Ursprung der Natur. Seit fast zwei Jahren studiere ich Katzen. Ich füttere und pflege sie nicht nur, sondern mache mit ihnen lange Spaziergänge, beobachte mit ihnen Vögel, Spinnen, Schneeflocken, Blätter im Wind, Bäume, die fallen, Autos, die immer näher kommen und vieles mehr.

Ganz selbstverständlich beginne ich ihre Haltungen, Positionen und Bewegungen einzunehmen. Aber nicht nur das, ich beginne sogar, wie eine Katze zu fühlen. Ich bin oft nachtaktiv, ich zucke bei jedem Geräusch erschreckt zusammen, kann lange sitzen, dabei träumen und meditieren. Ich bin auch traurig, wenn ein geborgener Unterschlupf für sie plötzlich verschwindet. Ich sehe und bewege mich ganz aus ihrer Perspektive. Für gewisse Leute auf zwei Beinen vielleicht unverständlich, aber für mich auf allen vieren das schönste Tanzerlebnis, das ich seit dreissig Jahren erfahren und mit dem Publikum teilen darf. 

Kater im Publikum

«Being Animal» konnte ich zum Glück im Dezember vor einer erneuten Schliessung im Südpol zeigen. So wie Corona will, freue ich mich jetzt schon auf die nächste Vorstellung am 17. September in unserem Katzenstall Baldegg. Ich bin sehr gespannt, ob das Stück Gäste auf dem Land anspricht und ob ein paar meiner Katzen live dabei sein werden. Im Südpol strich übrigens überraschenderweise ein grosser Kater um die Beine meines Publikums. 

«Du hast mich glücklich gemacht»

Für mich gibt es nichts Schöneres als Rückmeldungen aus dem Publikum, wie: «Du hast mich glücklich gemacht» oder «Am liebsten wäre ich noch lange in deinem Katzenraum geblieben». Warum ist das so? Haben mir die Katzen einen Streich gespielt? Nein, ich glaube, weil sie und die Tiere allgemein so viel Schönheit auf uns Menschen übertragen können. Freiheit, Stille, Spiel, Überlebenskampf, Zuneigung, Eigenwille, Empathie … Dazu ein Zitat von Jessica Ullrich: «Vielleicht wird der Mensch erst vollends menschlich, wenn er sich auf das Animalische in ihm besinnt.»

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