Unabhängige Filmemacher: Vom Aussterben bedroht?
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Edwin Beeler, Filmemacher, zur Situation der Autorenproduzenten. (Bild: Kurt Lussi) (Bild: Kurt Lussi)

Immer komplexere Förderung führt zu Verarmung Unabhängige Filmemacher: Vom Aussterben bedroht?

5 min Lesezeit 3 Kommentare 09.02.2021, 11:02 Uhr

Wer kennt nicht die Namen von Filmgrössen wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog oder Elfi Mikesch. Sie haben einst eigene Filmproduktionsfirmen gegründet, um sich eine grösstmögliche Freiheit und Unabhängigkeit als Filmautorinnen und Filmautoren zu bewahren. Heute ist diese Arbeitsweise zunehmend verpönt. Damit droht ein Stück Vielfalt verlorenzugehen.

Das Wort «Auto» stammt aus dem Griechischen αὐτός autós. Auf Deutsch heisst das: «selbst». Ein Autor oder eine Autorin bezeichnet eine Person, die ein sprachliches Werk erschaffen hat, mithin also die Urheberin oder der Schöpfer dieses Werkes ist. Auch Autorenfilmer gelten als Urheber der jeweiligen Filme.

Im Genre des Spielfilmes haben sie in der Regel zuerst das Exposé, danach das Treatment und schliesslich das Drehbuch geschrieben. Bei einem Dokumentarfilm handelt es sich nicht um ein Drehbuch, sondern um die Drehvorlage. Sie soll eine Vorstellung davon geben, welche Gestalt der fertige Film dereinst annehmen könnte.

Drehvorlage dient der Fantasie

Mögliche Szenen werden beschrieben mit Angaben zu Tageszeit, Ort, anwesenden Personen, was diese voraussichtlich sagen und wie sie handeln könnten. Auf dem Papier werden diese Szenen dann zu möglichen Sequenzen und letztere schliesslich zu einem nach dramaturgischen Kriterien strukturierten Film «montiert». Die Drehvorlage dient dazu, die Fantasie der Filmfördergremien anzuregen.

Oft wird bei der Beurteilung diese papierene Drehvorlage, eigentlich ein erfundenes Drehbuch, von dem alle Beteiligten wissen, dass es nie verfilmt werden wird, mit dem fertigen Film verwechselt. Denn dieser existiert ja noch nicht. Beim Schreiben der auf den Recherchen zum Film basierenden Drehvorlage ist ja noch unabsehbar, was bei den Dreharbeiten tatsächlich passieren wird, und in welcher Gemütsverfassung die Mitwirkenden vor der Kamera dann sein werden.

Bei den Personen, die vor der Kamera agieren, handelt es sich beim Dokumentarfilm in der Regel nicht um Profi-Schauspielerinnen, die vor Drehbeginn die Dialoge des Drehbuchs lernen, Szenen proben, sich im Raum in ihren Bewegungen vor der Kamera an für das Publikum unsichtbaren Markierungen orientieren und in ihrem realen Leben nicht unbedingt einen persönlichen Bezug zum Filmthema haben. Sie spielen dies nur vor, fühlen sich ein, arbeiten mit der entsprechenden Schauspiel-Technik und nutzen ihre Begabung.

Viel Herzblut

Die Mitwirkenden eines Dokumentarfilms hingegen werden für dieses Projekt gerade wegen ihres engen Bezuges zum Thema ausgesucht: sie erzählen auf authentische Weise aus ihrem eigenen, persönlichen Leben, bringen ihre Erfahrung oder ihr ausgewiesenes Expertenwissen ein. Der persönliche Bezug und die Notwendigkeit, mit ihrer Geschichte an eine breite Öffentlichkeit zu gelangen, kann ihre Motivation befeuern. Um Geld und Broterwerb geht es ihnen in der Regel nicht.

Meistens haben auch die Filmautoren einen persönlichen Bezug zum Thema, was sie umso mehr motiviert, ihr Filmprojekt gegen alle Widerstände durchzuziehen. Für sie ist dieser Beruf kein reiner Brotjob, sondern Berufung. Er wird, je länger sie mit Herzblut als Filmautorinnen tätig sind, desto mehr zu einem Teil ihrer Identität.

In der Schweiz gibt es viele Filmemacher, die ihre Filme auch selber produzieren, vor allem im Bereich des Dokumentarfilms. Sie haben eine eigene Firma gegründet, sind bei ihr angestellt und tragen das entsprechende unternehmerische Risiko ohne Recht auf Zahlungen der Arbeitslosenversicherung im Notfall (umgekehrt sind entsprechende Einzahlungen hingegen gesetzlich vorgeschrieben).

Gewisse Unabhängigkeit

Man nennt sie «Autorenproduzenten», in Amtsdeutsch gehören sie zur Gruppe der «Personen in Arbeitgeber-ähnlicher Stellung» mit «massgeblicher Entscheidungsbefugnis». Das heisst, sie müssen sich auf der einen Seite um die Finanzierung ihrer Projekte und um den Administrativkram kümmern.

Auf der anderen Seite bewahren sie sich damit eine gewisse gestalterisch-künstlerische Unabhängigkeit und können eher von ihrem Beruf leben. Wer ausschliesslich in den Bereichen Regie und Drehbuch im Angestellten-Verhältnis arbeitet, hangelt sich oft am Rande des Existenzminimums entlang und geht zwischenzeitlich zum Arbeitsamt. Natürlich empfiehlt es sich, mit einem Spielfilm- oder sehr aufwendigen Dokumentarfilmprojekt zu einer erfahrenen Filmproduktionsfirma zu gehen, bei entsprechendem Know-how willkommene Partner auch im künstlerischen Bereich.

Normierte, formalisierte Arbeitsstrukturen – gefährdete Filmvielfalt

Leider ist es zunehmend verpönt – an Filmhochschulen soll teils sogar davon abgeraten werden – kleinere oder mittelgrosse Dokumentarfilmprojekte selber zu produzieren und als Autorenproduzentin zu arbeiten. Es herrscht, vor allem bei der jüngeren Generation, eine diffuse Angst vor den zugegeben immer komplizierter werdenden Förderstrukturen.

Man traut sich beispielsweise die selbständige Budgetierung, den Weg durch das Dickicht von Reglementen und Verordnungen nicht zu. Ausgetüftelte, zur Verwendung vorgeschriebene Exceltabellen können Furcht einflössen. Man hat Respekt vor den sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelten, branchenüblichen Produktions- und Förderstrukturen. Die Schweizer Filmbranche ist klein, übersichtlich und in Verbänden organisiert. Man trifft und kennt sich, die Territorien sind abgesteckt.

Der Autorenproduzent scheint ein vom Aussterben bedrohtes, allzu bunt schillerndes Tier zu sein, das abgeschossen gehört: Es passt nicht mehr in eine Zeit, wo das Filmemachen zunehmend reglementiert und formalisiert wird. Natürlich sind Professionalität und schulisch vermittelte Theorie und Praxis wichtig; es sollten aber immer mehrere Wege zulässig sein, um zum Ziel zu gelangen.

Zur Kinoreife gebracht

Es gibt Autorenproduzenten, die nebst der Regie auch die Montage, die Kamera oder den Ton selber besorgen, dies aber in ihren Produktionsunterlagen sehr zurückhaltend darlegen aus Angst, sonst eventuell Benachteiligungen ausgesetzt zu sein. Die Geschichte des Autorenfilms und der unabhängigen Autorenproduzentinnen aber zeigt, dass auf diese Weise sehr oft hervorragende Filme zur Kinoreife gebracht worden sind.

Beispiele: «Heimat» von Edgar Reitz, «War Photographer» von Christian Frei, «Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen» von Stefan Haupt, die Kinofilme von Alice Schmid («Die Kinder vom Napf») und viele andere.

Auch international bekannte Filmschaffende wie Wim Wenders, Werner Herzog oder Fassbinder haben als Autorenproduzenten gearbeitet. Diese Gattung darf nicht aussterben. Sie trägt zur Vielfalt der Kino- und Filmbranche bei.

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3 Kommentare
  1. Fabian Biasio, 27.02.2021, 09:02 Uhr

    Lieber OeffOeff der Vlll;

    «Filme zum Selbstzweck?» – die Frage ist durchaus berechtig. Sie lässt sich aber auf viele «Swissness-Bereiche» anwenden, die teils weit mehr kosten als die hiesige Filmförderung. «Lokale Landwirtschaft zum Selbstzweck?» (Die Schweizer Agrarproduktion ist in ihrer Vollkostenrechnung nicht mal ökologischer als Importe aus dem Ausland). «Luftwaffe zum Selbstzweck?» (Man könnte die Luftverteidigung durch Einmietung in Luftwaffen benachbarter Länder viel günstiger sicherstellen). «Grundlagenforschung zum Selbstzweck? (Das wäre in China viel billiger zu bewerkstelligen, zumal aus Grundlagenforschung oft kein direkt anwendbares Produkt resultiert). Eine funktionierende Gesellschaft bereitet nicht bloss den Boden für eine einträgliche Wirtschaft, sondern letztlich für unser aller Wohlbefinden. Wie der – zurecht – grosszügig unterstützte Breitensport (meist sind Kultur- und Sport in den selben Departementen beheimatet) wirkt Kultur als Kit unserer Gesellschaft. Ein Dokumentarfilm, wie Autor Edwin Beeler ihn Produziert, lanciert wichtige Diskussionen, legt den Finger auf wunde Punkte und führt darüber hinaus über Besprechungen in den Medien zu einer umfassenderen Breitenwirkung als «bloss» beim zahlenden Kinopublikum. Ich bin froh, überlässt man das Filmschaffen nicht allein dem Markt.

  2. OeffOeff der Vlll., 09.02.2021, 13:32 Uhr

    Werner Herzog hatte auch Klaus Kinski. Das ist Verkaufsargument genug. Und ein Stück veritabler und unverzichtbarer Filmgeschichte. Hat Substanz satt.

    Schweizer Produktionen spielen, einfach ausgedrückt und im Regelfall, einfach in einer ganz anderen Liga. Können viel, viel weniger Publikum begeistern und sind daher auf der Einnahmenseite auf Gedeih und Verderb auf Förderung angewiesen. Die Frage sei erlaubt: Fördert man evtl. am Geschmack und den Bedürfnissen des Publikums vorbei? Filme zum Selbstzweck?

    Kurzum: Förderung ist in erster Linie dort von Nöten, wo kein Markt und somit kein Interesse eines potenziellen Käufers vorhanden ist. Dieser wenig romantischen Wahrheit lauscht man in «Künstlerkreisen» halt nicht und sult sich lieber im Hass auf den bösen Markt, der das alles (ungerecht!) reguliert! Verteufelt nebenher selbstsicher den «falschen Geschmack und den fehlenden Stil» der Konsumenten…

    1. Edwin Beeler, 09.02.2021, 19:39 Uhr

      Lieber OeffOeff der VIII.
      Was Bauer Peter nicht kennt…. wie soll «das Publikum» für Filme begeistert werden, die es gar nicht kennt, weil keine 50 Mio oder mehr für Werbe- und Promotionszwecke zur Verfügung stehen und die Verlage den Filmjournalismus bzw. die Filmredaktionen in Zeiten der Gratismentalität fast völlig abgeschafft haben? Weshalb hat z.B. Fellini in seinen späten Jahren keine Fördermittel mehr erhalten? War er zuwenig erfolgreich? Ist er aus den Marketingschubladen- und Quotenzwängen gefallen? Ist ein am Markt äusserst erfolgreicher, populärer Schlager wichtiger, produziert zu werden, als ein Film wie z.B. «Citizen Kane» (ein Flop, als er herauskam) oder als ein Schubert-Lied?
      Für eine rein durch die «Marktkräfte» getragene Filmindustrie ist unser Land viel zu kleinteilig – vier Sprachregionen, kleine Kulturräume, in Deutschland meist unverständliches Schweizerdeutsch (wenn es authentisch klingen soll…), umgekehrt aber gut verständlich…
      Auf Bundesebene kommt es vor, dass neue Filmprojekte, eingereicht von erfolgreichen Regisseur*innen bzw. deren Produktionsfirmen, eher selten nach Kontinuitätskriterien beurteilt werden. Maximilians Schells Filmprojekt über seine Schwester Maria wurde seinerzeit vom Bund nicht unterstützt – und Schell war in einer höheren Liga als Kinski. Rolf Lyssys «Die Schweizermacher» wurde übrigens zweimal zur Ablehnung empfohlen (Bund), dank anderen Förderstellen konnte er ihn schliesslich doch realisieren. Umgekehrt hat der Bund auch Projekte gefördert, die Erfolg hatten…. usw. usf.

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