Edwin Beeler zu Steuerstrategie und Briefkastenfirmen
«Sparen, sparen! Ich bin Naturschweizer!»

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Mit Liftsystem an die Briefkästen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Edwin Beeler schreibt über diskussionsloses Sparen und fiktive Liftsysteme. In seinen Schilderungen lässt er auch die Salle Modulable und die Thematik der Briefkastenfirmen nicht aus.

«Salle Modulable» heisst eigentlich «Mehrzweckraum». Ersteres klingt besser, diplo­ma­tischer, ja poetischer, Letzteres mahnt an eine Turnhalle, die am Wochenende und abends für Vereinsanlässe zur Verfügung steht. Mehrzweckhallen sind in der Regel Kompromisslösungen, Lösungen mit Blick fürs Machbare in Zeiten der Sparzwänge. Ich kann mich aber an keine persönlich erlebte Zeit erinnern, wo nicht gespart wer­den musste und Sachzwang sowie Sparopfer nicht zum Grundwortschatz der werk­täglichen Exe­kutiv­politik gehörten.

«Sparen» – das erste deutsche Wort, welches Kwasi Nyankson akzentfrei auf Deutsch sprechen konnte. Kwasi stammt aus Ghana und arbeitete als Minibar-Steward im In­terregio-Express zwischen Luzern und Genf. Wegen seiner Fröhlichkeit und Aus­ge­lassenheit wurde er aufgrund einer Intervention eines griesgrämigen Bahnreisenden entlassen. «Jawohl», meinte der Minibar-Steward, «sparen! sparen! Keine Diskus­sion! Ich bin Naturschweizer!» Kwasi kannte den kleinen Katechismus der Schweizer Volksseele bald in- und auswendig.

«Man muss bloss, wie es heisst, noch ein bisschen Geduld haben, bis das gewünschte Re­sultat eintritt.»

Folgen der Sparmassnahmen

Diskussionsloses Sparen sind auch bei Kanton und Stadt Luzern angesagt, obwohl die strategisch ausgeklügelte Unternehmenssteuerreform unter der Führung des kantonalen Finanzdirektors sicherlich vom Erfolg gekrönt sein wird. Man muss bloss, wie es heisst, noch ein bisschen Geduld haben und warten, bis das gewünschte Re­sultat eintritt.

Nach Abwanderung beispielsweise der Firma «Mobility» ins Ausland – gemäss wirtschaftswissenschaftlicher Logik des Steuerwettbewerbs liegt die Ge­meinde Rotkreuz natürlich im Ausland, im Kanton Zug nämlich,  fliesst also in gut eidgenössischer Solidarität ein bisschen weniger Steuerertrag in die öffentlichen Kassen des Staates Luzern. Gemäss obrigkeitlicher Prognose jedoch wird die Flaute vorübergehen und die Steuerstrategie eher demnächst als dereinst von Erfolg gekrönt sein.

Auf diese goldene, verheissungsvolle Zukunft besonders freuen dürfen sich die In­stru­mentallehrpersonen, die Musiklehrerinnen sowie Musiklehrer mit staatlichem Lohn­aus­weis. Sie werden gegenwärtig zum Sparen, zur Mehrarbeit bei tieferem Lohn ver­pflichtet, werden aber sicher schon bald, in einigen Jahrzehnten also, wieder wenig­stens mit der Teuerung Schritt halten können. Vorerst jedoch muss vor allem im Be­reich der Musik und Kunst, also bei Fröhlichkeit und Lebensfreude, ge­spart wer­den. Beide braucht es ebenso wenig wie singende Minibar-Stewards.

Unabdingbar und von höchster wirtschaftspolitischer Relevanz sind hingegen zugezogene Briefkasten­firmen. Ohne sie ginge die metallverarbeitende Briefkastenherstellungsindustrie Konkurs. Zudem bringen die hier domizilierten, ihre Papiere lagernden Firmen auch happige Steuererträge, ohne die Infrastruktur allzu sehr zu beanspruchen, und die Papierfabrik Perlen kann erst noch ihre Auftragsbücher füllen. 

«There is no alternative.»

Die «Salle Modulable» jedenfalls ist ein zukunftsweisendes, innovatives Projekt. Leider droht seine Umsetzung vom gegenwärtigen – glücklicherweise gemäss prognostizierter Strategie-Plansoll-Erfüllung des Finanzdirektors bald vorüber­gehenden – Sparzwang ausgebremst zu werden. Doch «there is no alternative», wie Lady Thatcher zu sagen pflegte.

Briefkästen an der Salle Modulable

Abhilfe könnte vielleicht ein Architektur- oder «Kunst-am-Bau-Wettbewerb» schaffen, der verbindlich festlegt, dass die Fläche mindestens einer Aussenfassade des ge­planten Gebäudes mit modulablen, skalier- und verstellbaren Firmenbriefkästen ver­sehen werden muss, und zwar lücken- und randlos von oben bis unten, von links bis rechts. Jede im Staat Luzern domizilierte Briefkastenfirma müsste also verpflichtet wer­den, an der Aussenfassade ihre Zustellbox anzubringen und dafür eine ent­spre­chende Sponsoring-Gebühr zu zahlen (eine Gebühr ist nach finanzwissenschaftlich festgelegter Terminologie weder Abgabe noch Steuer).

«Natürlich hört sich der geschilderte Finanzierungsvorschlag etwas fiktiv und grotesk an.»

Die Briefeinwurf-Schlitze dieser Briefkästen müssten nach neuesten akustikwissenschaftlichen Erkenntnissen derart konstruiert werden, dass sie je nach verwendetem Material und herrschenden Wind- und Wetterverhältnissen ein vielfältiges Klappgeräusch von sich geben. Für die zustellenden Postboten, allesamt akrobatisch geschult, könnte ein ausge­klü­geltes, freihängendes Liftsystem in Vitrinenform die effiziente Erreichbarkeit der Brief­kästen auch am obersten Fassadenrand in rund 32 Metern Höhe sicherstellen, natürlich unter Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Unfallverhütungs­mass­nahmen.

Dieses Liftsystem, technisch gleichzeitig in horizontaler und vertikaler Richtung bewegbar, wäre derart zu gestalten, dass es zusammen mit der Briefka­sten­schlitz-Akustik zur touristischen Attraktivität würde wie beispielsweise eine mit­telalterliche Turmuhr, deren Figurenkabinett sich jeweils zur vollen Stunde dem er­wartungsvollen Publikum zeigt – getreu dem Motto «Üb’ immer Treu und Redlichkeit». Zudem sollte das Oberflächenmaterial jedes einzelnen Briefkastens statt aus schlich­tem Metall aus einem robusten, wetterfesten Display bestehen. Jede einzelne Brief­ka­stenfirma könnte dieses Display für einen in einer Endlosschlaufe ablaufenden, klei­nen Imagefilm nutzen.

Eine Win-win-Situation

Das wäre eine echte Win-win-Situation: Die vom Finanzdepartementsvorsteher in mühseliger Überzeugungsarbeit angeworbenen Briefkastenfirmen würden die jähr­lichen Betriebskosten der Salle Modulable übernehmen und könnten sich dabei gleichzeitig in einer Endlosschlaufe an der Aussenfassade glanzvoll präsentieren. Die künstlerische Gestaltung und die Bedienung der Briefkastenfassade wären zusammen mit dem rhythmischen Klap­pergeräusch der Post-Einwurfschlitze, ähnlich einem täglich erklingenden Glocken­spiel, eine neue Touristenattraktion.
Zudem schüfe die Produktion der Image­­filme neue Arbeitsplätze für die heimische Filmindustrie. Falls die Betriebskosten dadurch immer noch nicht gedeckt wären, liesse sich analog zum KKL der Name «Salle Modulable» abkürzen zu «SM», wodurch wiederholt zwölf Buchstaben eingespart werden könnten.

Natürlich hört sich der geschilderte Finanzierungsvorschlag etwas fiktiv und grotesk an. Man bedenke jedoch, dass es immer noch das reale Leben ist, welches die ab­surdesten Geschichten schreibt. Dazu gehört beispielsweise die wahre Geschichte einer Entlassung wegen zu grosser Fröhlichkeit während der Arbeit.

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