Vom Nutzen der Kultur zu Zeiten des Sparzwangs
Sinnfreies Kopulieren der Zahlenknechte und Kampfsparer

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Für das Luzerner Theater bedeuten die Kürzungen Planungsunsicherheit. (Bild: Gabriel Ammon/AURA)

Die Kulturschaffende Gisela Widmer kritisiert den Anspruch nach Quantifizierbarkeit. Alles werde nach Kosten und Nutzen abgewogen. Eine Erklärung, warum dies noch lange keinen Sinn mache.

Also, die Blumenrabatten am Luzerner Quai braucht niemand wirklich. Auch die Bänkli nicht. Und auf der anderen Seite der Seebucht das KKL genauso wenig. Die Ufschötti? Das Stadion auf der Allmend? Die Fussballjunioren? Die Orgel in der Hofkirche?

Ich könnte jetzt lange so weitermachen; was der Mensch so alles nicht wirklich braucht. Die Liste würde verdammt lang – und die Liste des wirklich Notwendigen extrem kurz. Es ist nämlich so, dass der Mensch ohne fast alles kann. Sogar ohne Liebe. Streng betrachtet hat der Mensch während seiner Jahre auf dieser Erdkruste nichts, als ein paar Mal zu kopulieren, um seinen evolutionären Zweck zu erfüllen. Basta.

Das Problem liegt darin, dass der Zweck noch nicht der Sinn ist.

Die Sache mit dem zweckvollen, aber sinnfreien Kopulieren erwähnte ich letzthin gegenüber einer Kantonsrätin, die einer der Kampfsparer-Fraktionen angehört. Natürlich ging es um Kultur, die die Kampfsparerin als «nice to have, aber einfach zu teuer» deklarierte. Ich sagte: «Tja.» Auch Demokratie sei nice to have. Aber teuer. 40’000 Stutz pro Kantonsratssitzung (laut einer Berechnung der FDP). Ob die Demokratie in Zukunft nicht etwas günstiger zu haben wäre? Dieser Vergleich hinke nun wirklich, sagte die Kampfsparerin, denn Demokratie sei wichtig. «Kultur auch», sagte ich. Und so verabschiedeten wir uns. (Also, nach Längerem im Kreis herum et cetera).

Wir sprechen auch nicht von «Strassensubventionen»

Zahlenknechte fragen stets nach der Quantifizierbarkeit; nach einem Zahlenwert. Obwohl sich das meiste – die Liebe, das Kulturelle, Emotionale, Gesellschaftliche, ja selbst Demokratie und Politik – einer messbaren Grösse entzieht. Kosten und Nutzen von Musikunterricht? Kosten und Nutzen eines Gedichts? Eines Schauspiels? Eines Museums? Trotzdem gibt es in der politischen Diskussion tatsächlich immer mehr Leute, die sich nicht entblöden, die Frage zu stellen – ohne zu merken, wie sie sich entblössen dabei.

Sie merken es nicht, weil die Frage nach der Quantifizierbarkeit so selbstverständlich geworden ist. Und weil in ihren Kreisen kaum jemand mehr sagt: «Wir dürfen die Kultur nicht den privaten Geldbeuteln überlassen. Kultur muss eine öffentliche Pflichtaufgabe sein; genauso wie der Strassenbau. Und darum sprechen wir doch nicht mehr von Kultursubventionen, sondern von Kulturausgaben. Wir sprechen schliesslich auch nicht von Strassensubventionen.»

Aber eben, wie kann dies ein Zahlenknecht oder eine Kampfsparerin begreifen? Wenn er oder sie selber nie erfahren hat, was passiert, wenn – tief in einem drin – Kultur passiert?

Wie die Gefangenen in Platons Höhlengleichnis

Ein ganzer Film spult vor meinem inneren Auge ab, wenn ich daran denke, was Kultur in meinem Leben bewirkt hat: Das erste «richtige» Buch, das ich mit 14 bei meinem älteren Bruder entdeckte, «Ansichten eines Clowns» von Heinrich Böll. Oder zwei Jahre später; als ich dank Jean-Louis Barrault die Macht der Sprache und die Wucht der Wörter erkannte. Und dies nicht, weil Barrault zwei Stunden lang auf der Bühne sprach, sondern weil er zwei Stunden lang schwieg, derweil andere Schauspieler sprachen.

Dieses Buch und dieses Schauspiel waren die ersten in einer langen Reihe von richtiggehenden Erweckungserlebnissen, die ich alle der Kultur und Kunst zu verdanken habe. Ohne sie (und ohne ein paar weitere Einflüsse, logisch) würde ich wohl heute noch wie weiland die Gefangenen in Platons Gleichnis in der Höhle hocken und die Schatten an den Wänden als einzige mögliche Wahrheit betrachten.

Heute, nach all dem auf Bühnen Gesehenen, Erfahrenen und Erlebten verstehe ich auch, warum in vielen deutschen Städten nach dem Untergang des Nationalsozialismus als fast Erstes die zerbombten Staatstheater wieder aufgebaut wurden. Und man kann ja keinem Volk eine nächste ähnliche Katastrophe wünschen, nur damit es die gemeinschaftliche Werthaftigkeit von öffentlich finanzierten Theatern wieder entdeckt.

Zweckvolle, aber sinnfreie Sparpolitik

Jetzt bin ich etwas weit weg geraten von den ursprünglichen Blumenrabatten am Quai. Und den Fussballjunioren. Und doch: Alles, was über das rein Notwendige – den Zweck – hinausgeht, hat etwas gemeinsam; das gemeinschaftlich Sinnstiftende nämlich. Mit den Blumenrabatten sagen wir: «Wir sind stolz auf unsere Stadt; sie soll uns zur Zierde gereichen.» Und auf der Allmend kommt das eine oder das andere Kind vielleicht zum ersten Mal mit Teamgeist in Berührung. Und in der Hofkirche, so vermute ich, kann auch einiges passieren; wenn man lange genug der Orgel lauscht.

Aber eben. All dies ist nicht quantifizierbar. Und damit «wertlos» im buchstäblichen Wortsinn. Zumindest aus Sicht der Zahlenknechte und Kampfsparerinnen.

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass im Gegensatz zu so vielem wenigstens die Sparpolitik quantifizierbar ist: Der Nutzen der Sparpolitik ist zu gering, um ihre enormen Kosten zu rechtfertigen. 

Oder: Sie verfolgt einen Zweck, macht aber deswegen noch lange keinen Sinn.

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1 Kommentare
  1. tonino wir sind cool.org, 25.02.2017, 05:48 Uhr

    GM25 GlücksMoment 25 (für mich ein Genuss, länger als 6 Min. Lesezeichen)
    Das nenne ich ein Gelato, das ich zwischen Tag und Traum genüsslich mir einverleibe und weiter sinniere – bis zur letzten Zeile…
    «Tja.» Auch Demokratie sei nice to have. Aber teuer.

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