Patrick Hegglin
Sechs Gedanken zum Zentralschweizer Literaturhaus

  • Lesezeit: 5 min
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Was bring die Zukunft für das Zentralschweizer LIteraturhaus? (Bild: yb)

Heute lässt sich noch wenig Handfestes über das Zentralschweizer Literaturhaus sagen, welches im Dezember im Stanser Höfli eröffnet. Das macht diesen Zeitpunkt aber zum richtigen, um einige Gedanken und Wünsche zu Rolle und Funktion des Hauses zu formulieren.

Eine Vorbemerkung: Was es an Fakten über die Entstehung der Idee, die beteiligten Personen und den Stand der Dinge zu sagen gibt, wurde in anderen Medien bereits gesagt. Ich verweise Interessierte also auf einen entsprechenden Artikel der NZZ. Und damit zum (noch vagen) Thema.

1. Dass mit Sabine Graf eine Intendantin eingestellt wurde, die nicht aus der Zentralschweiz stammt, ist eine grosse Chance. 

Man darf wohl guten Gewissens vermuten, dass sich Sabine Graf aufgrund ihrer Qualifikationen und Ideen im Rennen um den Posten der Intendantin durchgesetzt hat. Dass sie aber aus Zürich stammt, bringt einen potentiell sehr positiven Nebeneffekt mit sich: Graf kann sich unvoreingenommen ein Bild von der Zentralschweizer Literaturlandschaft machen, Festgefahrenes aufbrechen und Neues (oder Vorhandenes, aber weniger Präsentes) etablieren. Will sagen: Mehr Marcel Konrad, weniger Satz & Pfeffer. Aber Sie sehen, ich bin voreingenommen.

2. Um über Nidwalden hinaus relevant zu sein, muss Relevantes geboten werden.

In einem Interview mit dem SRF sagte Graf, es gebe eine Bevölkerung, die abends mal kurz nach Stans fahren wolle, um dort internationale Autoren oder Kollegen aus dem Nachbardorf zu hören. Ich bin mir bewusst, dass es sich hier um eine spontane mündliche Aussage handelt, aber es steckt sehr viel darin. Nehmen wir sie also einmal auseinander. Generell habe ich den Eindruck (auch wenn dieser durch die demographischen Charakteristiken meines allgemeinen Umgangs etwas einseitig sein mag), dass sich Leute eher schwer dazu bewegen lassen, allzu weite Strecken für Literatur auf sich zu nehmen. Schon Kriens kann verdammt weit weg von Luzern sein. Ich würde also behaupten, dass ein Publikum, welches über Stans und Anrainer hinausgeht, nicht bloss gefüttert, sondern gelockt werden muss. Gelockt womit? «Internationale Autoren» klingt bei aller Allgemeinheit sehr vielversprechend. «Kollegen aus dem Nachbardorf» dagegen … (Zwischenquiz: Wieviele Nachbardörfer hat Sisikon im Kanton Uri?). Nun sind aber letztere wahrscheinlich leichter verfügbar als erstere. Wie kann also die Aufmerksamkeit über die ganze Zentralschweiz hinweg – und im besten Falle darüber hinaus – dauerhaft aufrecht erhalten werden? Muss sie gar nicht unbedingt, denn: 

3. Es wäre schade, wenn man es allen recht machen müsste.

Das Literaturhaus Zürich bedient Zürich und wird von der Stadt Zürich unterstützt. Das Literaturhaus Basel bedient Basel und wird vom Kanton Basel-Stadt unterstützt. Das Zentralschweizer Literaturhaus will Nidwalden, Obwalden, Uri, Schwyz, Luzern und Zug  bedienen – und sucht dementsprechend finanzielle Mithilfe von allen diesen sechs Kantonen. Der Balanceakt scheint unter diesen Voraussetzungen vorprogrammiert. Ob er aber für die Qualität des Programms förderlich wäre, scheint eher zweifelhaft. Es ist zu hoffen, dass das Lit.z seine Visionen umsetzen kann, ohne sich permanent mit der Frage auseinandersetzen zu müssen, ob auch alle sechs Kantone gleich stark repräsentiert werden. Die Idee, «[m]it mobilen Veranstaltungen in den Partnerkantonen Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden und Zug […] für die notwendige kulturpolitische Akzeptanz der Institution [zu] sorgen», wie es im oben verlinkten NZZ Artikel heisst, kann eine Lösung sein. Das eigentliche Haus wird so aber nicht als starkes Zentrum der Zentralschweizer Literatur etabliert. Dabei ist es das – und nicht einzelne Literaturveranstaltungen –, was in der Zentralschweiz fehlt. Hoffen wir auf Verständnis für eine gesamtregionale Idee.

4. Eine Anlaufstelle für AutorInnen wäre wünschenswert.

Weniger etablierte AutorInnen haben es heutzutage trotz neuer Möglichkeiten nicht leicht und auch viele der Etablierten, Veröffentlichten und sogar Erfolgreichen können sich nicht mehr auf die bisherigen Gepflogenheiten ihres Berufs und ihrer Branche verlassen. Die grossen Verlage warten nicht auf sie. Die kleinen Verlage kennen die AutorInnen selbst vielleicht nicht. Links locken die Rattenfängerverlage, welche sie in ihre eigenen Bücher Geld investieren lassen (und damit eigentlich per Definition keine Verlage sind). Rechts lockt die Möglichkeit des Self-publishing. Es gibt aber keine Anlaufstelle, wo über Chancen und Risiken informiert wird, wo Hilfestellungen geboten und Kontakte vermittelt werden. Eine solche Institution ist vor allem zum jetzigen Zeitpunkt des (weit fortgeschrittenen, aber in diesem Falle wenig verinnerlichten) technologischen Wandels und der kulturpolitischen Destabilisierung wünschenswert und das Lit.z wäre ein logischer Platz dafür. 

5. Bitte kein Berg- und Seeprovinzialismus 

Noch einmal zum Artikel der NZZ, wo auch das geschrieben steht: «So sollen Leuchtturmveranstaltungen organisiert werden, die über die Zentralschweiz hinaus strahlen. Erste Ideen sind ein literarischer Schifffahrtstag auf einem der Innerschweizer Seen oder ein literarischer Wandertag.» Ohne voreilig auf «ersten Ideen» herumhacken zu wollen: Meiner Ansicht nach sind literarische Spassfahrten eine Nische, die man sehr vorsichtig bespielen muss. Horrorvisionen schleichen sich (an den voreingenommenen Geist) an: Schaut das Panorama und die Gipfel und die Wipfel und lasst euch von gereimten Naturbeschreibungen berieseln. Das ist nicht die Art von Auseinandersetzung mit Literatur, die ich mir vom Lit.z erhoffe. Ausserdem ist literarisches Schifffahren und Wandern auch nicht unbedingt etwas, wofür ich ins Wallis oder ins Thurgau fahren würde. Es ist eher die Art von Literaturveranstaltung, die ich auch in der Zentralschweiz meide. Es fallen die «Rigi und Zentralschweizer Literaturtage» des ISSV ein, wo sich die Frage stellt: Ist die verbesserte Aussicht und Luft wirklich das teure Seilbahnbillett und das teure Hotel wert (und überhaupt die Reise, siehe Punkt 2)? 

 6. Man darf gespannt sein.

Viel mehr gibt es dazu zu diesem Zeitpunkt wohl nicht zu sagen. Dass man sich freuen darf, vielleicht noch. Was auch immer die konkrete Zukunft bringt, das Lit.z wird die Zentralschweiz um eine noch nicht dagewesene Komponente erweitern. Ich wünsche den Beteiligten viel Erfolg. 

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