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Leidenschaft heisst Leidenschaft, weil sie Leiden schafft …

Schwiizaliener, Secondo, Italo-Schweizer, Papierlischwiizer?

Was ein Doppelbürger zur Schweizer Fan-Kultur meint. (Bild: ses)

Fussball- und Fan-Kultur ist eben auch Kultur! Immer wenn ein grosses Fussballturnier (EM oder WM) ansteht, kommen aus dem Schweizer Umkreis die gleichen Fragen: «Und, für wen fanst du jetzt?» Oder: «Bist du für die Schweiz oder für Italien?»

Ich bin als Sohn eines Fremdarbeiters und einer Schweizerin 1971 kurz nach der «Schwarzenbach-Initiative» in der Schweiz geboren und hier aufgewachsen. Mittlerweile besitze ich als Eingebürgerter beide Pässe und somit beherrsche ich das «Doppel-Pass»-Spiel perfekt. In der Schweiz bin ich «der Italiener» und in Italien gelte immer als «lo Svizzero». Aus dieser Not habe ich eine Tugend gemacht und flechte diese Missverständnisse und Differenzen aus den Alltagsgeschichten in meine Bühnenprogramme ein.

Sehr rasch habe ich mir angewöhnt, aus beiden Kulturkreisen das Beste für mich rauszupicken und von beiden Seiten zu profitieren. In der Zwischenzeit kann ich sagen, dass ich wohl einer der «pünktlichsten Italiener» und einer der «improvisationsfreudigsten Schweizer» bin.

Ist das nicht etwas schizophren?

Zum Autor

Der Luzerner Sergio Sardella (49) ist Comedian aus «EmmenBRONX».

Beim Fussball ist es eine simple Sache: Spielt die «Schwiizer-Nati», dann bin ich als passionierter Fussballfan auf der Seite der rot-weissen Multikulti-Mannschaft. Ich fiebere mit, drücke die Daumen und lasse mein ganzes Emotionsspektrum einfliessen – von himmelhochjauchzend beim Sieg bis zu Tode betrübt bei der Niederlage. Wenn die Squadra Azzurra spielt, dann schlägt mein Herz ganz klar für «i ragazzi»!

Sollten die beiden Teams aufeinandertreffen, wie es an der Euro 2020 im Jahr 2021 der Fall ist, dann bin ich ganz der Meinung, dass das bessere Team gewinnen sollte. Viele fragen dann, ist das nicht etwas schizophren? Nein, ist es nicht! Im Prinzip ist es eine simple Sache ohne grosses Tamtam.

Wo bleibt da die Schweizer Neutralität?

Fan-Kultur sollte so sein, dass man ein Team unterstützen kann oder will. Was mich aber als Secondo irritiert, ist die Tatsache, dass viele Schweizer Fussballfans einerseits die «Schwiizer-Nati» bedingungslos unterstützen und andererseits auch noch für alle Gegner der Deutschen Adler oder der Squadra Azzurra «fanen».

Kaum spielt Deutschland oder Italien gegen ein anderes Land, sind diese Fussballfans automatisch für den Gegner … Warum eigentlich? Wenn man für sein eigenes Land – seine Heimat – seine Mannschaft «fant», wie kann man dann aus purem Prinzip für die Gegner anderer Länder Partei ergreifen? Zumal man sich als Nation die Neutralität gross auf die Fahne geschrieben hat.

Pseudofans, ohne Bezug zum Land

Ich mache ein konkretes Beispiel: 2008 Fussball Euro in der Schweiz und Österreich – Italien spielt im Achtelfinal gegen Rumänien. Ich besuche ein Public Viewing in meiner Gemeinde. Da hat es viele Schweizer mit Rumänien-Trikots und Rumänien-Flaggen oder auch ohne, die wirklich mit Herzblut Partei für das osteuropäische Land ergreifen. Lautstark posaunen sie ihre Sympathien für «Romania» heraus … Befremdet frage ich den einen oder anderen, welchen Bezug er denn zu Rumänien hat oder warum er für die Rumänen Partei ergreift.

Die «neutrale» Antwort erstaunt mich ausserordentlich. Die Rumänen spielen gegen Italien … «WAAAAS???» Und ich soll «Schizzo» sein, weil ich zwischen zwei Kulturen aufgewachsen bin und sowohl meine alte als auch meine neue Heimat unterstütze? Die Pseudofans sind noch nie in Rumänien gewesen. Sie haben keinen Bezug zu diesem Land. Sie kennen kein einziges rumänisches Restaurant. Sie «fanen» nur für die Osteuropäer, weil sie gegen unsere «Squadra Azzurra» spielen?

Gott sei Dank gibt es im 2021 keine offiziellen und grossen Public Viewings – ich lebe meine Leidenschaft zu Hause in der Grossfamilie aus und muss mich nicht unnötig ärgern. Leidenschaft heisst nun mal Leidenschaft, weil sie oft auch Leiden schafft …       

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