Mario Wälti
Rap 2014: Immer noch ein wenig «lost in translation»

  • Lesezeit: 5 min
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«Wenn ein Booker Rapbands für Konzerte bucht, muss er sich fragen, was er hier bucht, wie das klingt und für wen dieses Booking sein soll.» (Bild: Moskito und Geiler As Du am Glücklich Festival, facebook)

Mario Wälti über Fehlbookings, unfähige Journalisten und Hip Hop 2014, der in seiner modernen Ausprägung irgendwie immer noch unverstanden bleibt.

Vor wenigen Tagen hat ein Schreiber/Texter (das ist wie Singer/Songwriter) in der Neuen Zürcher Zeitung am deutschen Rapper Shindy Stilkritik geübt und es sich dabei selbstverständlich nicht nehmen lassen, nebst Kritik am Stil (?) des Musikers auch noch Kritik an der Musik des deutschen Chartstürmers zu üben. Die oben angesprochene Plattenkritik ist kein Einzelfall und hat beileibe nicht nur mit Rap, geschweige denn nur mit Musik zu tun: Leute, in diesem Fall der Journalist, verkennen, wo ihr (angebliches) Fachgebiet anfängt und, vor allem und viel mehr, wo dieses aufhört. Sie wagen sich scheinbar schamlos in Gefilde vor, die nicht die ihren sind.

Es resultieren Artikel, die am Ziel vorbeischiessen, die den Autor blossstellen, weil sie klar aufzeigen, dass er nicht verstanden hat, worum es in dieser Musik oder auf diesem Album geht. Artikel, die aber natürlich auch der Musik schaden, denn der gemeine Leser (lies: der Nicht-Fan) findet dann einfach das Album doof. Darüber kann und darf man sich (als Fan) natürlich aufregen. Der neutrale Beobachter bemerkt hingegen, dass auch 2014 Hip Hop in seiner modernen Ausprägung immer noch «lost in translation» (oder zumindest im Google-Translator) ist. Noch immer, so scheint es, hat ein aussenstehendes Publikum bis zu einem gewissen Punkt Mühe, sich mit dem «Comment» (französisch, nicht englisch) dieser Musik, den «Do’s und Dont’s» (englisch, nicht französisch), den Anspielungen, Übertreibungen und Stilmitteln auf ein entspanntes Verhältnis einzulassen. Die Gründe dafür reichen von «mutwillig» (wie wohl beim oben angesprochenen Artikel) bis zu «schon versucht, aber es blieb beim Versuch». Bitter, denn letzteres ist zwar gut gemeint, aber jeder Leser mit Fussballvergangenheit weiss: «Gut gemeint» war immer der schmerzhafteste Kommentar eines Trainers an die eigene Adresse.

Das Unverständnis dafür, wie Rap funktioniert, stellt man häufig auch im Zusammenhang mit Bookings fest und, trotz dem guten Willen, den die Veranstalter neuerdings gegenüber Rap an den Tag legen (zumindest gegenüber gewissen Bands), sehen wir oftmals Konzerte, die unserer Musik wenig Chancen lassen, ein Publikum zu überzeugen. Nach wie vor ist nämlich davon auszugehen, dass Rap (im Gegensatz zu anderen Musikstilen) nur zu gewissen Zeiten und unter gewissen Umständen funktioniert – wer an einer Hochzeit im Hintergrund einen Pianospieler auftreten lässt, der macht nichts falsch (im Gegenteil). Wer hingegen im Hintergrund live performten Sprechgesang haben möchte, der tut weder der Band noch seinen Gästen einen Gefallen.

Die Gründe sind klar: Hip Hop ist (sofern nicht mit Liveband) auf der Bühne relativ langweilig. Es passiert wenig, es ist kaum Bewegung vorhanden, der Zuschauer hat wenige Reizpunkte, wenig «Action», die er beobachten kann. Trotzdem ist die Musik in ihrem Klang aber verhältnismässig penetrant, d.h. im Gegensatz zu der wunderschönen Sängerin, die alleine mit Gitarre unterhalten kann, ist Hip Hop kaum für den Hintergrund gedacht und braucht also ein ihm zugewandtes Publikum. Diese Charakteristika von Rap können abgeschwächt werden, wenn man mit Liveband auftritt (die Bühnenunterhaltsamkeit geht hoch, die Penetranz sinkt; das Programm wird festivaltauglicher), aber in den Grundzügen bleiben die Rahmenbedingungen des Musikstils immer gleich. Diese Umstände gilt es mit dem Zeitpunkt und dem Publikum für ein Konzert abzustimmen, ansonsten weder die Band noch das Publikum noch der Veranstalter glücklich werden. 

A propos glücklich: Am diesjährigen (im Übrigen wunderbaren!) Glücklich-Festival gab es nachmittags um 14 Uhr ein Booking bzw. zwei Bookings für GeilerAsDu bzw. Moskito. Während mir kein Festival bekannt ist, an dem die quasi-gleiche Besetzung gleich hintereinander doppelt gebucht wurde (was alleine schon funny ist wie Fanny Lüscher), muss man ehrlicherweise feststellen, dass nachmittags um zwei an solchen Strassenfesten wie dem Glücklich-Festival Familien- und Kinderzeit ist und dem geselligen Beisammensein bei Gerstensaft gefrönt wird – Musik, insbesondere Live-Musik, hat da einen schweren Stand, und Hip Hop in Live-Form hat noch einen viel schwereren Stand (und das bei GeilerAsDu bzw. Moskito, die durchaus mit sehr stilvollen Live-Elementen arbeiten). Fast schon beruhigt (denn: Es ist nicht ein reines Problem von Rap, sondern kommt auch in artverwandten Musikrichtungen vor!) war ich dann, als Kackmusikk (der übrigens separate Erwähnung auf dem Plakat fand! Überall Marketinggurus!), seines Zeichens bekannt für Clubmusik, die frühestens morgens um eins ihre Glanzzeit erreicht, also dann, wenn die Leute schon recht viel Mineralwasser getrunken haben, plötzlich schon abends um sieben seine dunklen Traphymnen auf eine leere (!) Tanzfläche raushämmern musste. Klar, Kackmusikk ist DJ. Er hätte sich anpassen und z.B. Michael Jackson spielen können. Aber man bucht ja Kackmusikk nicht, damit er sich anpasst. Und gehört hätte die Anpassung auch keiner.

Fazit, und das gilt für Booker wie für Fans wie für Journalisten: Wir müssen uns noch mehr mit dem auseinandersetzen, was wir hier jeden Tag treiben. Wir Rapper und Rapfans danken allen, die uns und andere Rapper für Konzerte buchen. Wenn wir Rap machen, müssen wir uns dafür einsetzen, dass die Leute verstehen, was wir machen, oder aber wir dürfen uns nicht aufregen, wenn die Leute das nicht tun.

Umgekehrt: Wenn ein Booker Rapbands für Konzerte bucht, muss er sich fragen, was er hier bucht, wie das klingt und für wen dieses Booking sein soll.

Und zu guter Letzt: Ein Journalist muss sich fragen, worüber er schreibt und ob er von der Materie eine Ahnung hat, oder ob er den Stift nicht vielmehr dem Praktikanten geben soll, der letztes Mal mit dem Kollegah-T-Shirt zur Arbeit gekommen ist. Wenn alle Beteiligten das tun, dann herrscht (noch) mehr Zufriedenheit auf allen Seiten. Und im nächsten Shindy-Artikel wird dem Leser dann wunderschön erklärt, dass Shindy nicht unbedingt konkret die Balenciaga-Sneakers meint, wenn er von diesen rappt.

 

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