Von Ohrwürmern, Kalkflecken und Schockmomenten
Kunst liegt im Ohr des Betrachters

  • Lesezeit: 4 min
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Was hörst du – Super-GAU oder Ohrwurm? (Bild: Symbolbild: Pexels)

«Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler», ist ein Satz, der Musikmanager und zentralplus-Blogger Simon den Otter immer wieder begegnete. Dass dies ganz besonders für Ohrwürmer gilt, musste er aber zuerst am eigenen Leib erfahren.

Alle paar Jahre schaffen es Geschichten von übermotivierten Reinigungskräften in die Medien, die nichts ahnend teure Kunstwerke entsorgen. Ich habe diese immer genüsslich gelesen, denn einige davon sind wirklich spektakulär.

2011 zum Beispiel entfernte eine Raumpflegerin einen wüsten Kalkfleck vom Boden eines Gummitrogs im Dortmunder Museum Ostwall. Unglücklicherweise war dieser Trog Teil einer Installation namens «Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen» und die vermeintliche Verunreinigung war kein Fleck, sondern eine sogenannte Patina. Schadenssumme: 800’000 Euro.

Oder 1999, als Tracey Emins Exponat «My Bed» in der Londoner Tate Gallery von einer scheinbar übermotivierten Fachkraft aufgeräumt wurde. Irgendwie konnte man es ihr gar nicht so recht verdenken, so bestand die Kunst doch unter anderem aus gebrauchten Kondomen und dreckigen Laken. Dummerweise erzielte aber genau dieses Exponat bei der bisher jüngsten Auktion unfassbare 2,5 Millionen englische Pfund.

Musik lässt sich dagegen nicht so einfach entsorgen. Zu meinem grossen Glück, denn sonst wäre ich vielleicht auch schon zu einer schadenfreudigen Schlagzeile geworden.

Fehler im System

Meine letzte Anstellung war bei einer grossen Plattenfirma, bei welcher ich an einer Vielzahl von musikalischen Projekten arbeiten durfte. Eines davon werde ich aus einem etwas ungewöhnlichen Grund niemals vergessen.

Egal, wie knapp die Zeit jeweils war, hörte ich mir jede Veröffentlichung aufmerksam an, um zu wissen, womit ich es genau zu tun hatte. Manchmal stiess ich dabei auf wahre Perlen, oft auf ziemlich guten Sound und ab und zu auch auf, na ja, ziemlichen Schrott. Und extrem selten konnte es vorkommen, dass jemand aus dem Team einen Produktionsfehler aufspürte. So geschehen bei meinem Büronachbar, der gleich zu Beginn seiner Karriere in die unangenehme Situation gelangte, eine bereits ausgelieferte Fehlpressung zurückrufen zu müssen.

Vielleicht erschrak ich auch deshalb so sehr, als ich kurz darauf einmal die CD eines mir bis dato unbekannten Künstlers einlegte und ich keine Musik zu hören bekam, sondern seltsame, stakkatoartige Geräusche. Es klang, als hätte die CD einen üblen Kratzer, und das, obwohl ich sie kurz vorher neu und unversehrt aus der Hülle genommen hatte. Der Fehler musste also am Master liegen (das Original, woraus in der Fabrik alle Kopien hergestellt werden). Ein absoluter Super-GAU!

Ich reagierte sofort und titelte eine E-Mail mit «DRINGEND! Fehlproduktion!» an meinen Kollegen in Deutschland und schilderte die Situation. Umso erstaunter war ich ab der abgebrüht entspannten Antwort: «Hi Simon – Das muss so sein. Das läuft wohl unter künstlerischer Freiheit.»

Die Anekdote würde (müsste) hier enden, hätte nicht das Universum ein paar Monate später seinen seltsamen Sinn für Humor bewiesen.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen …

Damals hatte ich die Angewohnheit, mich spät abends noch etwas vom Radio berieseln zu lassen. So lag ich im Bett, kurz vor dem Wegdösen, als mich beinahe der Schlag traf. Diese Geräusche… dieses Stakkato… der Produktionsfehler! Im landesweiten Radio!

Zum Autor

Simon den Otter ist Gründer und Geschäftsführer der Zuger Musikagentur hertzhaft. Zudem ist er Teilhaber des Baarer Studiokomplexes «The Sweet Spot» und passionierter Hobby-Drummer.

Als das Stück nach zähen drei Minuten zu Ende war, setzte die sonore Stimme des Moderators dem ganzen noch die Krone auf: «Sie hörten *das Lied, welches Simon als kaputt bezeichnet hat,* aus meinem persönlichen ALBUM DES JAHRES.»

Ich lag hellwach und wusste nicht, ob ich lachen, weinen, oder am besten gleich meine Kündigung verfassen sollte. Konnte ich Kunst tatsächlich nicht mehr von Schrott unterscheiden? Konnte ich das überhaupt jemals? Oder hört mein Geschmack vielleicht nur dort auf, wo die Vorlieben von anderen gerade erst anfangen?

Feierlich schwor ich mir, nie mehr grundsätzlich über Kunst zu urteilen. Und komme, was wolle, ich würde mich niemals als Reinigungskraft in einem Museum bewerben. Dafür halte ich seither immer wieder mal verträumt inne und studiere die Patina am Boden meines Wasserkochers. Wer weiss, vielleicht ist die mal richtig was wert.

Zeitgenössische Patina aus der Sammlung des Autors.

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