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Leben mit aufschiebender Wirkung?

Krisen: Dass nichts geschieht, ist irritierend

Der Zuger Silvano Cerutti ist nicht bloss durch die Geschehnisse irritiert, sondern vor allem auch durch die Tatsache, dass nichts geschieht. (Bild: Silvano Cerutti)

Mehr als das, was geschieht – Putin-Versteher inklusive – irritiert mich das, was nicht passiert. Eine neue Epoche hat begonnen und wir tun so, als sei alles noch beim Alten.

Ich wollte über ganz etwas anderes schreiben in diesem Blogpost, dann kam der Krieg und mit ihm ein Epochenumbruch. Man könnte ja denken, die surreale Party der letzten Jahrzehnte sei vorbei und wir kämen wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.

Aber: Die Börsen sind wegen der Geldpolitik der Notenbanken überbewertet. Kaum deuten die Notenbanken an, ihre Geldpolitik wieder in realistischere Bahnen zu lenken, schon drohen die Börsen mit schwerer Erkältung und die will man nach Corona und während des Kriegs nicht riskieren. Lieber weiterhin so tun, als wären wir von China nicht noch viel abhängiger als von Russland.

Die globale Ernährungskrise interessiert hier niemanden

Ebenfalls in der Pipeline der aufgeschobenen Ereignisse wartet eine globale Ernährungskrise. Die einen Staaten horten Getreide aus strategischen Überlegungen, andere lösen Pflichtlager auf und wir würden den Naturschutz am liebsten in den Wind schiessen. Das ist jedenfalls einfacher als zu denken, unser Schnitzel und die Ernährungskrise hätten einen Zusammenhang. Wir bestellen eh Pommes als Beilage – oder?

Wir haben eine Krise der informierten Öffentlichkeit, weil wir mit Social Media ein Monster geschaffen haben, welches Demokratien aushebeln kann. Eine Regulierung wäre angezeigt, aber wir haben anderes zu tun. Lieber so tun, als fluteten uns die Trolle nicht längst mit Propaganda.

Wo bleiben die Diskussionen?

Ich hätte gedacht, die aktuelle Situation gäbe Anlass zu Diskussionen. Ich hätte gedacht, es käme Leben ins Feuilleton. Und ich hätte gedacht, grössere Geister als meiner würden sich der neuen Epoche annehmen. Aber es herrscht eine merkwürdige Stille, so als sei alles klar und die Zukunft nur eine Frage der Wärmepumpe.

Manchmal frage ich mich, ob ich etwas verpasst habe? Können wir unser Leben irgendwo deponieren wie ein GA während längerer Ferien? Und dann stillhalten und abwarten, bis das Schicksal für uns die Welt aufgeräumt hat? Es gibt viel zu tun, schick ihm ein Like? Oder wird einfach das Erwachen noch etwas hinausgezögert, weil’s grade noch schön kuschlig ist? Ich bin, ehrlich gesagt, etwas ratlos und wünsche frohe Ostern allerseits.

Worüber ich eigentlich schreiben wollte

Eigentlich wollte ich von einem Buch schwärmen, das etwas ältlich «Der Ruf des Seevogels» heisst und in welchem sein Autor Adam Nicolson gewöhnungsbedürftige, weil furchtbar empfindsame Naturlyrik (Coleridge und Konsorten) mit schrecklich stinkender Seevogelforschung verbindet. Auch wenn ich mit dieser Sorte Gedichte wenig anfangen kann: Es ist ein faszinierendes Werk, das zwischen die Stühle von Literatur und Sachbuch fällt.

Und aus aktuellem Anlass noch der Hinweis auf The Ukrainians. Für ältere Semester: Peter Holdener veranstaltete die Band Anfang der Neunziger im damaligen Jugi Zug (sorry, Peter, das genaue Datum weiss ich nicht mehr, aber dein Geschmack war der Zeit einmal mehr voraus gewesen).

Die Londoner Ukrainians – ursprünglich ein Ableger von The Wedding Present – ist heute noch/wieder aktiv. Sie verbindet ukrainische Volks- mit Rockmusik und tut das gelegentlich so schmissig wie einst die Pogues. Als Brückenschlag für Rocker und quasi als Einstieg in die Auseinandersetzung mit der Ukraine sei empfohlen: «A Short History of Rock Music In Ukrainian», Coverversionen von den Beatles über Motörhead und REM bis Kaiser Chiefs und Green Day.

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