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«Ja schon Rap, aber… » – Die Fussnoten im Schweizer Rap
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Bild: moskitomusic.ch

Mario Wälti «Ja schon Rap, aber… » – Die Fussnoten im Schweizer Rap

4 min Lesezeit 1 Kommentar 15.01.2014, 17:28 Uhr

In Luzern hat sich in den letzten Jahren ein Hip-Hop-Kollektiv entwickelt, das landesweit zum talentiertesten und besten gehört, was diese Szene zu bieten hat. Rapper Mario Wälti (EMM) über die Emanzipation des Luzerner Rap, der ganz ohne marketingtechnische Ausreden und Fussnoten funktioniert.


Geschätzte Leserinnen und Leser, um es mit dem Intro kurz zu halten wie die politische Rechte mit dem Weitblick: Es ist mir eine Ehre, hier schreiben zu dürfen, und wenn meine Wenigkeit hier schreibt, dann geht es um Musik, in erster Linie um urbane Musik und Hip Hop. Da fällt der Einstieg natürlich schwer, denn der gemeine Leser denkt jetzt «Yo Gangster bitches pimp» (in genau dieser Reihenfolge) und klickt sich dann aus diesem Artikel raus. Gerade deswegen haben wir lange und intensiv eine gute Gelegenheit gesucht, um in dieses Thema einzusteigen. Und wir haben sie gefunden: Mit dem am letzten Mittwoch vom Luzerner Jugendradio «3FACH» veranstalten Kick-Ass-Award, einer Award Show für die besten Songs, Alben etc. des letzten Jahres aus Sicht des Radios und seines Publikums.

Kurze Rückblende: Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Berner Super-Hip-Hop-Combo Tommy Vercetti & Dezmond Dez ihr Album «Glanton Gang», ein sozialkritisches, dreckiges, wenig schöngefärbtes Opus voller Wut, Andacht und Tiefe. Im Zuge der Albumpromo machte sich Tommy Vercetti mehrmals öffentlich Gedanken darüber, dass es in der Schweiz gar nicht möglich sei, ein «reines»

Hip-Hop-Album zu machen. Der Schweizer, so Vercetti, brauche einen «verschweizerten» Zugang zu dieser musikalischen Materie, will heissen, Hip Hop darf hierzulande nie einfach nur nach Hip Hop klingen, sondern benötigt immer eine marketingtechnische Ausrede, um bestehen zu dürfen und medial wahrgenommen zu werden: Sennenkutte, Schwingfest, HEKS-Ausflüge in afrikanische Townships, you name it, Hauptsache nicht einfach nur Hip Hop, sondern Hip Hop mit entsprechender Fussnote («Hip Hop, aber…»), mit Zusatz. Resultat: Schweizer Hip Hop (zumindest die Sachen, die auch mal in den Medien erscheinen) klingt eben nur bedingt nach Hip Hop und ist bis heute nicht erwachsen (sprich: selbstständig) geworden.

Zurück zum Kick-Ass-Award, und wir sehen das komplette Gegenteil: Der Titel für den besten Song des Jahres ging an die Luzerner Hip-Hop-Combo «Moskito» mit ihrem Song «Fallschirm». Dies ist Grund zur Freude, nicht nur weil ein zugegebenermassen wahnsinnig talentierter Act diesen Titel quasi für das «Hip Hop Lager» abholen konnte, sondern weil «Fallschirm» eine melancholisch-schummrige Nummer ist, die dem (modernen) Hip Hop weitaus näher steht als den allseits bekannten Chilbiklängen, die unsere Ohren im kommerziellen Bereich sonst so beschallen. Das 3FACH-Publikum (und die ebenfalls abstimmenden Künstler) haben gezeigt, dass sie das von Tommy Vercetti angesprochene Thema längst verstanden haben: «Fallschirm» ist ein guter Song, nachdenklich, aber nicht verkopft, ohne Kompromisse für kommerziellen Erfolg und vor allem: ohne jede Schweizer Hintertür und ohne Zugangshilfe oder Bedienungsanleitung für den Laien. Daneben ist aber «Fallschirm» vor allem auch ein sicheres Zeichen für etwas, was Insider längst schon wissen, nämlich dass sich in Luzern in den letzten Jahren ein Hip-Hop-Kollektiv entwickelt hat, das landesweit zum talentiertesten und besten gehört, was diese Szene zu bieten hat.

«Moskito» ist nicht die Spitze des Eisbergs, sondern ein Teil eines enorm kreativen und sich gegenseitig austauschenden Pools von jungen Künstlern voller Hunger. Während landauf und landab die sogenannten Rapveteranen immer noch die Aushängeschilder dieses Genres sind, hat Luzern im Hintergrund Protagonisten geschaffen, die in Sachen Talent, Mut und Stilbewusstsein dem Schweizer Hip Hop das verleihen können, was ihm in den letzten 30 (!) Jahren gefehlt hat, nämlich ein emanzipiertes Gesicht ohne verkrampfte Anlehnung an das Amivorbild einer- oder die billige Schweizer Kopie andererseits. Es bleibt zu hoffen, dass die (Pardon für das Wort) Luzerner Kulturschaffenden, von «Radio Pilatus» zu «Radio 3FACH» zum «Blue Balls Festival» zum «Funk am See» zum «Luzerner Fest und wieder zurück (und selbstverständlich inklusive anderer), den Sieg von «Fallschirm» nicht als Eintagsfliege auffassen, sondern verstehen (und der Schreibende meint wirklich verstehen), was sich hier zusammenbraut: Eine ganze Szene von Leuten, die allesamt noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als sie szeneintern schon kriegen. «Radio Pilatus» und «Radio 3FACH» haben dies in den letzten Jahren schon getan, und wir hoffen alle, dass es so weitergeht. Dann wird es bald mal sowohl regional als auch national möglich sein, Hip Hop zu geniessen, der ohne Schweizer Fussnote in seiner Beschreibung erfolgreich sein kann. Wenn er dann noch aus der Zentralschweiz kommt, umso besser.

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1 Kommentare
  1. Sam Hoxhaj, 16.01.2014, 17:39 Uhr

    Marios Beitrag spricht genau das an, was mich beim «Schweizer Hip-Hop» auch immer gestört hat. Die verkrampften Versuche vieler Rapper, ihre Alben Feuilleton-tauglich zu machen, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Zum Teil wirken dann die zeitgeistigen Gimmicks oder naiven politischen Botschaften so etwas von aufgesetzt und durchsichtig, dass es beim Zuhören fast schon weh tut. Tragisch ist dabei: Ein Bligg oder ein Stress haben zwar ihre Ideale verraten, aber sie können gut davon leben.

    Es erstaunt mich nur, dass diese Einsicht ausgerechnet von Tommy Vercetti kommt.

    Während die gefeierten EFM-Mixtapes unverkrampft und authentisch rüberkommen, sind Tommys letzte zwei Alben genau das Gegenteil, nämlich für meinen Geschmack viel zu durchkonzipiert, zu verkopft und fast schon verbittert.

    Das brachte ihm zwar den Berner Literaturpreis und Coverage bei den Staatssendern und in den Kulturteilen zahlreicher Tageszeitungen ein, was ihm von Herzen zu gönnen sei. Vermutlich wurde sein Album auch von einigen Leuten gekauft die «sonst nichts mit Hip-Hop anfangen können». Damit rückt er aber in bedrohliche Nähe zu den in EFM4 geschmähten «Subventionsvergasern» und «Cüplidichtern». Tommy hätte es in der Hand, sich den beklagten Sachzwängen eben genau nicht zu unterwerfen.

    Umso mehr ist es sehr erfreulich, was nun in Luzern passiert. Bleibt zu hoffen, dass sie sich die Jungs die Authentizität bewahren und nicht der Versuchung unterliegen, sich in die Herzen von Kulturjournaille, Medienfuzzis und Phil 1-Studenten, statt in diejenigen der Heads zu rappen. Skills statt Anbiederung, das wär doch was. Dann brauchts auch keine Fussnote mehr.

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