Sind alle Regisseure autoritäre Machos? Film: Bessere Karrierechancen dank Kuschen

16.11.2021, 10:56 Uhr 4 min Lesezeit
Filmregisseur David Wark Griffith mit Megafon bei Dreharbeiten zu «The Birth of a Nation».
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Filmregisseur David Wark Griffith mit Megafon bei Dreharbeiten zu «The Birth of a Nation». (Bild: battlefield anomalies)

Früher galt oft nur ein cholerisch herumbrüllender, sich autoritär gebärdender Regisseur als guter Regisseur. Schauspielerinnen mussten in den Senkel gestellt und gefügig gemacht werden. Umgekehrt gab es auch Starschauspieler, die Film- und Bühnentechnikerinnen mit snobistischer Herablassung geringschätzten. Solche Übergriffe kann sich heute wohl niemand mehr leisten.

Ein Filmregisseur hat mir kürzlich erzählt, wie während der Dreharbeiten an einem seiner Spielfilme eine deutsche Schauspielerin erstaunt war, dass er auf dem Set nicht als autoritärer Macho herumgebrüllt hat. Sie war es gewohnt, von angeblichen Starregisseuren bei Theaterproben angeschrien, abgekanzelt und eingeschüchtert zu werden. Wer vor nicht allzu langer Zeit als Regisseurin am Set und vor der Bühne nicht den despotischen Kotzbrocken gab, konnte automatisch gar keine gute Regisseurin sein.

Die Schauspieler mussten verunsichert und gefügig gemacht werden. Gefühle der Unzulänglichkeit gegenüber den Anforderungen der Inszenierung wurden bewusst geschürt. Falls das Stück oder der Film ein Misserfolg würde, wäre die Schauspielerin oder der Schauspieler daran schuld, nicht aber die Regie.

Bessere Karrierechancen dank Kuschen

Angst lähmt. Mit konstruktiver Kritik muss ein Schauspieler aber umgehen können, und Übergriffe von Leuten, die institutionell in der Hierarchie am oberen Ende stehen, dürften heutzutage nicht mehr so leicht unter den Teppich gekehrt geschweige denn als Mittel eingesetzt werden, um Untergebene, die beruflich weiterkommen möchten, von sich abhängig zu machen.

Künstlerinnen, die von ihrem Naturell her nicht mit einem soliden Selbstwertgefühl gesegnet sind und sich nicht für den Mittelpunkt der Welt halten, werden im Kampf um Anerkennung auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten jedoch eher an die Wand gefahren. Oft standen sie in ihrer Kindheit übermächtigen Autoritäten gegenüber, dominanten Vater- oder Mutterfiguren.

Vater-Sohn-Konflikt

Der Schriftsteller Franz Kafka beschreibt in seinem «Brief an den Vater», den er nie abgeschickt hat, diesen als übermächtige, unerreichbare, seinen Sohn ablehnende und geringschätzende Figur. Kafka neigte dazu, seine Probleme auf seinen Vater zu projizieren. Er schrieb vor allem nachts, in völliger, gesuchter Selbstisolation.

Ständig stand er unter Druck, die bürgerlichen Erwartungen seines Vaters erfüllen zu müssen, was wiederum mit seinem Bedürfnis, ein Leben als Schriftsteller zu führen, völlig unvereinbar war. Aus dieser Konstellation heraus entstand ein Gefühl von Schuld und Selbstanklage. Paradoxerweise stimulierte ihn aber sein Vaterbild zum Schreiben, und dieser Vater-Sohn-Konflikt schwingt im Subtext vieler seiner Erzählungen mit.

Meisterschaft dank Geringschätzung

Wäre das Verhältnis zwischen Vater und Sohn Kafka auf Augenhöhe gewesen, hätte er vielleicht mehr Selbstvertrauen gehabt, aber um den Preis seiner Meisterschaft als Schriftsteller. Vielleicht hätte er ohne diese künstlerische Nahrung, die er aus diesem Konflikt väterlicher Nichtanerkennung als Inspirationsquelle bezog, gar nicht schreiben können.

Vielleicht verfügte Kafka aus diesem Dilemma und aus diesem Minderwertigkeitsgefühl heraus, nach seinem Tod müssten seine noch unveröffentlichten Werke verbrannt werden. Sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod hat sich über diese Verfügung zum Glück hinweggesetzt, sodass wir heute Kafka lesen können und wissen, dass er einer der grössten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war. Übrigens: Jetzt sind erstmals auch Kafkas Zeichnungen veröffentlicht worden, die aus rechtlichen Gründen bis 2019 in einem Zürcher Banksafe verschlossen waren.

Borderliner-Syndrom

Aber vielleicht kann eine autoritäre Regisseurin, wenn sie wirklich eine Meisterin ihres Fachs ist, durch ihr Gehabe bewusst den Widerstand und das Aufbegehren ihrer Schauspieler provozieren – auch wenn sie im Grunde gar kein herumbrüllend-cholerischer Typ ist, sondern diesen nur vorspielt, um ihr Gegenüber zu Höchstleistungen zu animieren. Und umgekehrt gibt – oder gab – es durchaus auch provozierende Schauspieler, die sich während Dreharbeiten oder Theaterproben als autoritäre Machos gerierten und Mitarbeiterinnen hinter den Kulissen durch ihr despotisches Verhalten einschüchterten, ihre Kompetenzen anzweifelten und teils auch handgreiflich wurden.

Ich erinnere mich an eine Begegnung in München. In der Wohnung des Kaufinteressenten meiner Aaton-Filmkamera hingen viele Plakate von Werner-Herzog-Filmen. Auf meine Frage, ob er den Regisseur kenne, antwortete er: «Ich war zweiter Kameraassistent bei seinen in Südamerika gedrehten Filmen.» Sofort erinnerte ich mich an den Dokumentarfilm «Mein liebster Feind» über den Regisseur Herzog und seinen egomanischen Schauspieler Klaus Kinski. Darin gibt es eine Szene, in der Kinski ein Mitglied der Filmequipe aufs Übelste beschimpft. «Das war ich», meinte mein Kamerakäufer.

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