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Spielerisch in der Rolle einer fiktiven Figur
Dungeons & Dragons – eine etwas andere Kunstform

Beim Rollenspiel Dungeons & Dragons schlüpfen die Spieler in die Rolle einer fiktiven Figur.
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Beim Rollenspiel Dungeons & Dragons schlüpfen die Spieler in die Rolle einer fiktiven Figur. (Bild: Adobe Stock)

Seit vier Jahren treffe ich mich mit Dritten, um Dungeons & Dragons (kurz D&D) zu spielen. Was anfänglich ein lustiger Abend war, wuchs zu meiner neuen Lieblingskunstform heran. Ein Blick auf die Frage, wie dieses Spiel mein Verständnis der Kunst radikal veränderte.

Dungeons & Dragons ist ein TTRPG aus den 1970ern, das primär von Fantasy-Begeisterten gespielt wird – dank der Hitshow «Critical Role» hat das Spiel nun viele neue Interessierte bekommen. Wer sich mit den Begriffen nicht auskennt, hier eine kurze Erklärung: Ein TTRPG ist ein «table top role play game», also ein Rollenspiel, das am Tisch gespielt wird. Wie ein Brettspiel, nur mit Charakterrollen.

Der Begriff «role play game» existiert auch in der Online-Gamingwelt («MMORPG») oder in der Reenactment-Szene («LARP») – in allen Fällen geht es darum, in die Rolle einer fiktiven Figur zu schlüpfen und als diese Figur Entscheidungen zu treffen. Doch was genau hat ein Tisch-Spiel mit Kunst zu tun?

Was war Kunst?

Meine ersten Begegnungen mit Kunst waren vielfältig. Als Kind hörte ich viel Musik, tanzte gerne, malte und sang gerne Lieder. Dabei betrachtete ich das alles nicht als Kunst per se, sondern als schöne Teile in meinem Leben. Zu singen war für mich selbstverständlich und sehr wertvoll.

Ich verbrachte Stunden damit, mir Songtexte und Melodien einzuprägen, und begann auch eigene Kunst zu erschaffen: Zirkusshows, Songs, Tänze. Irgendwann trat ich dem Musicalverein «Voice Steps» aus Cham bei und wirkte im Schultheater mit. Dort lernte ich, auf eine Aufführung hin mir gewisse Tanzschritte, Stimmabfolgen und Textschnippsel einzuprägen – immer im Bewusstsein, das etwas mal schiefgehen könnte und improvisiert werden musste. Der grosse Moment der Aufführung, an der alle erleben können, was einstudiert wurde. Dann wurde es von Eingeprägtem zu Kunst. Erst mit dem Publikum, mit der Betrachtung und Bewertung konnte es überhaupt als solche bewertet werden.

Was ist nicht Kunst?

In meinem Germanistik-Studium lernte ich eine weitere Form von Kunst vertiefter kennen. Die Epik und die Lyrik waren mir schon zuvor bekannt, aber nie wirklich zugänglich gewesen. Intensive Gespräche über verschiedenste Bücher und Gedichte liessen mich fragen: Und was ist mit all den Büchern, die nicht zum «Kanon» zählen? Mit solchen, die nicht als der Analyse würdig betrachtet werden? In meiner Zeit an der Universität Bern merkte ich, wie sich die Grenzen langsam aufweichten und auch Seminare angeboten wurden, die Filme wie «Fight Club» mit in die Analyse einbezogen oder Sci-Fi- und Fantasy-Romane thematisierten.

Lange zuvor aber betrachtete ich gewisse Genres dezidiert nicht als Kunst. Klar, «Herr der Ringe» war und ist bahnbrechend, aber wenn keine Universität ein Seminar zu dessen Kunstanalyse anbietet, dann kann der Roman doch nicht komplexe Literatur sein, oder? Wo ist die Trenngrenze im Spektrum von Schundroman und Literaturpreisnovelle? Wer entscheidet darüber?

Auch heute noch sind diese Fragen schwer zu greifen und doch bin ich zum Schluss gekommen, dass Kunst in der Bewertung des Betrachtenden liegt und die Künstler auch selbst betrachten können. Wenn ich also «Herr der Ringe» als Kunst empfinde, dann wird es zur Kunst durch meine Betrachtung. Gleiches gilt aber auch für mein Gedicht von vorgestern, das ausser von mir noch von keiner anderen Person gelesen wurde.

Zurück zur Improvisation

Dungeons & Dragons hat kein klares Spielziel wie beispielweise Monopoly oder Risiko. Es geht nicht ums Gewinnen, denn hier gibt es das nicht. Ziel ist lediglich Spass zu haben. Es gibt eine Spielleitung, die sich in der Welt etwas mehr auskennt als die Spieler mit ihren Figuren. So werden Konflikte vorgestellt, Mysterien eröffnet und potenzielle Romanzen ermöglicht. Jedes Mal, wenn die Spielleitung eine neue Szene erzählt oder visuell zeigt, haben die Spielerinnen die Möglichkeit, mit ihren Figuren darauf zu reagieren. Je nachdem, ob sie wegrennen oder kämpfen, gibt es unterschiedliche Weisen, wie das Spiel weitergeht.

Im D&D kommen also alle Figuren an einen Tisch und erzählen gemeinsam eine Geschichte. Diese Geschichte wird zum Teil im Voraus vorbereitet, ähnlich einem Theaterskript oder der Hintergrundgeschichte einer Musicalfigur. Der grösste Teil der Geschichte wird jedoch improvisiert. Wie reagiert meine Figur, wenn sie angepöbelt wird? Wie reagieren meine Mitspielerinnen, wenn meine sonst schüchterne Figur plötzlich ebenfalls pöbelt?

Kollektives Geschichtenerzählen

Im D&D wird zusammen mit selbst erfundenen Figuren in einer selbst erfundenen Welt improvisiert – ohne Publikum findet das Spiel zumeist im Wohnzimmer statt, alle Mitspielenden sind zugegen und kreieren gemeinsam etwas, das als Erinnerung zurückbleibt. Sie spielen und kreieren, eine Gleichzeitigkeit von Kunst & Konsum.

Und so ist D&D zu meiner liebsten Kunstform geworden, ohne Aufführungsstress, repetitive Proben oder hohe Hürden. Alle können zusammen eine Geschichte erzählen. Es braucht nur ein System, eine Gruppe von Freunden und das Vertrauen, dass alle Spass haben wollen.

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6 Kommentare
  1. Murphy, 29.12.2021, 11:14 Uhr

    Und als weitere, niederschwellige Inspirationsquelle verlinke ich den Pen-und-Paper-Blog, der EinsteigerInnen erklärt, was Rollenspiel eigentlich ist und soll. Danke für deinen Bericht, Henrik!

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  2. Murphy, 29.12.2021, 11:09 Uhr

    Lieber Henrik, ein tolles Fazit! So geht es mir auch. Freakatorium in Emmenbrücke ist definitiv die richtige Anlaufstelle. Ich erlaube mir, hier den brandneuen Discord-Server «Rollenspiel Zentralschweiz» zu verlinken, der zum Ziel hat, dass sich interessierte Spielende und Spielleitende unterschiedlichster Rollenspielsysteme in Schweizerdeutsch finden und austauschen können.

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    1. Henrik Amalia von Dewitz, 20.01.2022, 13:24 Uhr

      Hi Murphy – danke für die Ideen! Leider verlinkt es nicht Internetlinks in den Kommentaren. Vielleicht könntest du den Namen des Pen-and-Paper-Blogs noch nennen? Den Discordserver schaue ich mir mal an!

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  3. adrian, 28.12.2021, 13:27 Uhr

    danke für den beitrag und die einordnung 🙂

    habe d&d schon etwas länger im hinterkopf. gibt es in luzern einsteigerfreundliche gruppen oder hast du eine sonstige empfehlung zum starten?

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    1. RonSwanson, 28.12.2021, 15:08 Uhr

      In Emmenbrücke im «Freakatorium» oberhalb eines Fitness Centers gibt es ein schwarzes Brett um Mittspieler zu suchen. Dies wäre doch einmal ein Anfang. Die Ladenbesitzer können dir bestimmt auch Auskunft geben.

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    2. Henrik Amalia von Dewitz, 20.01.2022, 13:20 Uhr

      Hi Adrian! Ich kann auch den Discordchannel der Swiss RPG Gruppe empfehlen. Dort ist zwar in Luzern noch nicht so viel am Laufen, aber einiges digital und ab und an auch in Luzern.

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