Edwin Beeler
Die Landschaft – das unabhängigste Element des Films

  • Lesezeit: 4 min
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Grit Lemke hat über den Film «Arme Seelen» geschrieben, dieser Film würde seine Erzählungen gegen die im Weberschen Sinne «entzauberte Welt» verteidigen. Ein Erfahrungsbericht von Edwin Beeler.

Grit Lemke hat über meinen letzten Film «Arme Seelen» geschrieben, dieser Film würde seine Erzählungen gegen die im Weberschen Sinne «entzauberte Welt» verteidigen. Es handle «sich um etwas, das der Westler in allerlei esoterischem Firlefanz verzweifelt sucht: die tief in einer Landschaft, ihrer Sprache und den Menschen verwurzelte Spiritualität, die in einem ganzheitlichen Verständnis vom Leben und Sterben aufgehoben ist. Man kann sie nicht kaufen.»

Prägung in der Jugend

Grit Lemke ist Programmverantwortliche des Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm. Meines Wissens ist sie in der ehemaligen DDR aufgewachsen und sozialisiert worden. Ich selber bin offensichtlich katholisch sozialisiert worden, im entsprechenden Milieu aufgewachsen – derart geprägt weniger durchs Elternhaus, sondern durch das Dorf, die Volksschule und ihre Autoritätspersonen, durch das katholische Gymnasium mit Tagesinternat. Da wird man hineingeboren, das wird einem mit auf den Weg gegeben ohne eigenes Zutun.

Oft wird mir bedeutet, meine Filme entsprechender Prägung würden ausschliesslich in katholisch geprägten Kulturräumen ein Publikum finden, würden nur dort funk­tio­nie­ren, wo sie entwickelt und entstanden sind, wo sie ihren Stoff herholen, wo ihre Mitwirkenden herstammen. Ad absurdum geführt, würde das heissen, dass ein Film wie Samirs sehenswerter «Iraqi Odyssey» nur im Irak sein Publikum finden könnte, dass ein Film wie Lisa Fässlers «Zurück in den Urwald» nur in Ecuador verstanden würde. Grit Lemke, promovierte Ethnologin mit unvoreingenommener, unabhängiger Haltung, teilt diese Argumentation und vielleicht auch das von Ignoranz zeugende Vorurteil glücklicherweise nicht. Die von Klischeevorstellungen genährte Ab­wehr galt vielleicht gar nicht dem Film an sich, sondern dem Thema und den Frage­stellungen, die er aufgeworfen hat und denen sich stellen muss, wer einen unvorein­genommenen Umgang mit der eigenen Kultur, ihrer Entstehung und ihrem Niedergang anstrebt. Dazu gehören auch die Erinnerungsbilder, die sie bewirkt.

Kultur und Klischee

Vielleicht könnte man auch von einer paradoxen Umkehrung einer ethno­zen­tri­sti­schen Betrachtungsweise sprechen: Was nicht fremd und exotisch genug ist und deshalb auch nicht frei von Klischeevorstellungen (und da ist der Kitsch nicht fern), was zum eigenen Kulturraum gehört, dem mag man sich nicht mehr vorurteilsfrei zuwenden, vielleicht auch, weil viele in ihm entstandene Rituale mit ihrer Bildsprache abgegriffen und nicht mehr zeitgemäss wirken. Da fasziniert das Unbekannte, das Fremde, auf das man sich bequemerweise nicht wirklich einlassen muss.

Man mag sich nicht mit der eigenen Herkunft und dem eigenen Kulturraum beschäftigen, sondern geht wie ein Tourist – oder Neokolonialist – durch fremdartige Räume, und der Filmemacher ist eine Art Reiseleiter. Der Schamane mit seinen aus ethnozentristischer, überheblicher Sicht primi­tiven Zeremonien der Geisterbeschwörung, der Buddhist, dessen Haare geschoren werden, bevor er ins Kloster geht und Mönch wird – das fasziniert wie ein wildes Tier, das man im Zoo betrachten kann. Ein katholischer Priester, der im Grunde genommen genau dasselbe macht, der dazu aufruft, sich der Toten zu erinnern, der mit Beschwörungsformeln arbeitet – davon mag man nichts mehr sehen oder hören. Und will nicht wahrhaben, dass es sich, etwas salopp ausge­drückt, nur um in andere Formen, Kostüme und Sprachen gekleidete Urthemen handelt. Denn der Toten wird überall gedacht, Heilrituale gibt es in allen Kulturen, Geister werden in Ost und West, bei den Luo in Kenya und den Samen in Lappland beschworen.

Mit diesen Mythen und Ritualen der katholischen Welt der Zentralschweiz bin ich aufgewachsen, mit ihrer sinnlichen, ihrer bildungsfördernden, aber auch ihrer repressiv-autoritären Seite. Teilweise beflügelt die Erinnerung an diese Bilder meiner Kindheit noch heute meine Vorstellungskraft, und Inspiration finde ich auch bei Filmemachern – in ihrer Meisterschaft natürlich unerreichbar –, deren Werke davon durchtränkt sind: bei Fellini, Bunuel, Pasolini, bei Dreyer oder Bresson. Und bei vielen anderen.

Seelen-Landschaften

Was mich dabei besonders fasziniert, ist der Umgang mit Landschaften. «Die Landschaft», schreibt Eisenstein, «ist das unabhängigste Element des Films, sie ist am wenigsten belastet von bedienend-erzählerischen Aufgaben und am anpassungsfähigsten bei der Wiedergabe von Stimmungen, emotionalen Zuständen und seelischen Vorgängen.» Mit Landschaften lässt sich die «Zeitlichkeit» darstellen: brennende Kerzen, Bäume und Wiesen im Wind, Schnee, Regen, Bäche, ziehende Wolken. Landschaften dienen nicht illustrativen Zwecken, sondern werden zu Seelen-Landschaften. Diese Landschaften finden sich vor meiner Haustüre.

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