Edwin Beeler
Die eigene Identität wegsparen?

  • Lesezeit: 5 min
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Was es heisst, eine eigene Identität und damit auch eine Heimat zu haben, kann man nicht mittels Finanzdebatten erforschen und erarbeiten. Dazu braucht es die Kunst, dazu muss man Geschichten erzählen, beispielsweise mit einem Film, und dazu braucht es die entsprechenden Mittel.

Der Schweizer Filmemacher Richard Dindo schreibt auf seiner Webseite, «dass die Iden­tität eines Volkes mit seiner Kultur zusammenhängt und diese mit der Identität». Ist es nicht so, dass in Zeiten, die von Sparakrobaten neoliberaler Ideologie dominiert werden, die eigene Identität schleichend abhanden kommt? Dass man nicht mehr weiss, wer man ist, woher man kommt, und was das heisst, hier und jetzt zu leben?

Mir fällt auf, dass sich einige Filme aus dem Kulturraum Zentralschweiz, die dieses Jahr in die Kinos gekommen sind, mit einheimischen Kunstschaffenden beschäftigen: Willy Amrhein, Eugen Bollin und Kurt Sigrist. Wohl nicht nur zufälligerweise handelt es sich bei allen drei um Obwaldner Künstler. Die Werke von Amrhein, Bollin und Sigrist haben einen engen Bezug zu den Landschaften und Räumen, in denen sie leben und arbeiten. Ohne diese Bezüge wäre ihr Schaffen nicht so einzigartig, unverwechselbar und von kunsthistorischer Relevanz.

Filme, die von uns erzählen und beitragen, unserer Identität nachzugehen, können nur wir hier machen.

Solche Filme, die von uns erzählen und beitragen, unserer Identität nachzugehen, können nur wir hier machen. «Hollywood» kann das nicht, «Hollywood» muss den Weltmarkt bedienen, den es auch beherrscht mit seiner Ausrichtung auf ein Massenpublikum, seiner handwerklichen Perfektion und seinen hohen Filmbudgets. Auf den Weltmarkt und ein Massenpublikum ausgerichtet, kann «Hollywood» mit einigen jährlichen Blockbusters seine Kosten wieder einspielen. Schweizer Filme können das nicht, auch nicht erfolgreiche Filme wie beispielsweise «Die Herbstzeitlosen», der Markt ist zu klein in der viersprachigen Schweiz. Auch Fassbinders Filme schielten nicht auf einen Weltmarkt; Fassbinder, der – anders als Wenders – nie mit Hollywood liebäugelte, war als Person und als Filmautor eng mit seiner Region, mit Bayern, verbunden; seine Filme reflektieren die Zeit der alten Bundesrepublik mit ihrer Nachkriegsgeschichte.

Erinnerungen an das Luzerner Video- und Perfor­mance-Festival «Viper»

Eng mit der Region verankert war seinerzeit auch das Luzerner Video- und Perfor­mance-Festival, genannt «Viper». Es wurde im alten Kulturpanorama, im ehemaligen Kino Ita/Piccolo am Löwenplatz und in der alten Boa am Geissensteinring durchgeführt, in seinen Anfängen noch im Krienser Kino Scala. Man konnte Roman Signers Spreng- und Feuerwerk-Performances entdecken, die Experimentalfilme von Rudi Burkhardt oder Christoph Rütimanns Performance «Basta aver uno strumento» und die frühen Arbeiten von Pipilotti Rist. Gleichzeitig ärgerte man sich über die unendlich langen Bügeleisen-Animationsfilme der Gebrüder D. (in gefühlter Endlosschlaufe wurden mit heissem Bügeleisen oder rotem Filzstift behandelte Rohfilme abgespult …). Doch dort habe ich in der Retrospektive beispielsweise die Filme von Peter Mettler kennengelernt, seine filmischen Reflexionen über Zeit und Raum, Filme voller Poesie, die damals kaum einen Weg in die regulären Kinoprogramme fanden.

Weil die Bemühungen um Unterstützungsgelder aus der Region scheiterten, zog die «Viper» schliesslich nach Basel, wo sie nach einigen Jahren und unter neuer Leitung, trotz Unterstützung einer namhaften Basler Stiftung, die Segel streckte. Umgekehrt stiessen damals die Solothurner Filmtage nach Luzern vor: Weil die Mittel nicht mehr ausreichten, drohte man mit Abwanderung; die Behörden erkannten die Signale, die Filmtage blieben in Solothurn. Es gelang also nicht, die «Viper» in eine andere Region, fern vom Ursprungsort, zu verpflanzen und erfolgreich zum Blühen zu bringen. Ebenso wäre es wohl auch den Solothurner Filmtagen ergangen, hätten sie den Ort ihrer Entstehung und Entwicklung verlassen.

Filmpreise brauchen ein blühendes Filmbiotop

Die Zeichen der Zeit erkannt hat die Albert Koechlin Stiftung. Sie will realisierte Film­pro­jekte auszeichnen und Nachwuchs-Kurzfilme fördern, beides mit Preisausschreiben. Ihr Engagement soll die notwendige Filmproduktionsförderung der öffentlichen Hand ausdrücklich weder konkurrenzieren noch bewirken, dass diese auf dem jetzigen, im inter­regionalen Vergleich relativ bescheidenen Niveau verharrt, im Gegenteil: Je engagierter sich die Kantone und Gemeinden für die Herstellung von Filmen einsetzen, desto üppiger blüht das Filmbiotop und desto mehr realisierte Filme kann die unabhängige Jury der Stif­tung begutachten und dadurch einen Beitrag zur Kontinuität des hiesigen Film­schaf­fens leisten. Die private Stiftung füllt hier eine Lücke, die anderswo durch die öffentliche Hand bereits geschlossen ist (Filmpreise in Zürich, Bern oder Basel).

Ohne Kunst wäre es hier nicht auszuhalten, meine Identität würde mir abhanden kommen.

Ein Filmpreis kann eine Schnaufpause und befristete Befreiung vom existenziellen Druck verschaffen, um sich neuen Projekten zu widmen. Mit dem vorurteilsbehafteten Klischee des übernächtigten, faulenzenden und nur für sich dahinwerkelnden Künstlers, welcher der Öffentlichkeit auf der Tasche liegt, hat das nichts zu tun (man könnte, dieses Vorurteil umdrehend, auch damit argumentieren, dass pauschalbesteuerte, reiche Ausländer Schmarotzer sind, die unsere öffentliche Infrastruktur benutzen oder dass der Casino- und Wettbetrieb der globalen, steuervermeidenden Grossfinanz das Gemeinwesen schädigt, Arbeitslosigkeit schafft und damit die öffentliche Hand unterminiert – der Sozial­schaden ist angerichtet, tragen tut ihn nicht der Verursacher und Abzocker, sondern die Öffentlichkeit.

Eine klischierte, übertriebene Argumentation, natürlich. Es wird jedoch wider besseren Wissens immer wieder unter den Teppich gekehrt, wie wertschöpfend Kunst- und Film­schaffen ist. Die Forschungsresultate von etlichen Untersuchungen belegen dies. Die kleinkrämerische Litanei der einseitigen Rechtfertigung künstlerischen Schaffens mit wirtschaftlichen Argumenten hängt mir persönlich jedoch zum Hals heraus. Die Wertschöpfung beschränkt sich nicht aufs Finanzielle. Mettlers Filmpoesie beispielsweise berührt die Seele, Eugen Bollins Engelbilder etwa verweisen ins Transzendente, dorthin, wo Worte nicht mehr ausreichen, um Zustände und Innenwelten auszudrücken, wo es Bilder braucht, um zu verstehen oder zu ahnen. Und Willy Amrheins Werke und Fotografien erinnern an Geschichten aus einer anderen Zeit, die erzählt werden wollen, damit wir uns in den Koordinaten von heute besser zu­recht­finden können.

Ohne Kunst und damit Film, Bild, Musik, Gedicht, Literatur und Theater wäre es hier nicht auszuhalten, meine Identität würde mir abhanden kommen. Dies alles im Namen einer neoliberalen Fundamentalistenreligion wegzusparen, wäre identitätsvernichtend.

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