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Der Vater der Alternativkultur
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Ohne John Lydon keine Alternativkultur. (Bild: Wikimedia Commons)

Martin Gössi über eine musikhistorische Legende Der Vater der Alternativkultur

5 min Lesezeit 04.03.2016, 10:47 Uhr

Ohne John Lydon von den Sex Pistols hätte es in Luzern keine Punkszene gegeben. Ohne die Punks keinen Sedel, ohne den Sedel keine Schüür und Boa und auch keine Alternativkultur. Martin Gössi über die musikhistorische Legende.

Ohne die Sex Pistols – also John Lydon – hätte es hier in Luzern und in der ganzen Welt keine Punkszene gegeben. Daraus folgernd hätten viele Leute die Kreativität, die sie heute innehaben, nicht ausgelebt. Keine Labels hätten gegründet werden können und vor allem auch keine Musik gemacht. Hier in Luzern hätte es ohne die Punks keinen Sedel gegeben und ohne Sedel keine Schüür und Boa ­– also keine Alternativkultur. Alternativkultur war schlicht und einfach nur dank der Punkbewegung möglich. Auch die Jugendunruhen in Zürich gingen ganz klar von dieser Bewegung aus. Und wenn wir noch Musiker erwähnen wollen hier: Hösli hätte ohne Sex Pistols wohl nie angefangen mit der Musik. John Lydon ist wohl so etwas von unterbewertet und wird immer wieder übersehen, aber der Einfluss ist immens.

An dieser Stelle wird es Zeit, mein Highlight des letzten Jahres in Sachen Konzerte in Worte zu fassen, falls dies überhaupt möglich ist.

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Eine musikalische Legende

Zu Beginn des Oktobers gastierte, von den Medien völlig unbemerkt, eine musikhistorische Legende in Lausanne im «Les Docks». Da war ein Mann (mit seiner Band) angekündigt, der von sich behauptet, «the last man standing» zu sein, und behaupten kann, dass er zwei Mal musikalisch eine wahre Revolution aufgezogen hat. Hätte auf einer Bühne in Genf ein Bruce Springsteen den Boss rausgehängt, in einem Stadion in der Ostschweiz Madonna ihre Turnübungen und Kleiderwechsel vollzogen oder würde Helene Schiffer, pardon, Fischer wieder einmal atemlos durch eine schunkelnde Nacht schweben, dann würde der Blätterwald rascheln, dann würden alle Titel sich überbieten mit den besten Fotos, mit Vorschauen und Hinweisen. Dabei haben die drei genannten eines gemeinsam, sie haben nicht annähernd die Geschichte geschrieben und das Musikbusiness umgestürzt wie der Mann, der an besagtem Abend in Lausanne die Bühne betrat. Trotzdem nahm keine Musiksendung der Schweiz und kein Magazin auch nur eine kleine Notiz davon! Wir sprechen hier vom ehemaligen Johnny Rotten, dem Gesicht, der Stimme und dem «No Future»-Rotz der Sex Pistols, der mit seinen Kumpels mit einer einzigen Platte und ein paar Singles kurz mal die Musikwelt veränderte und gleich auch noch das modische Establishment wegfegte. Rotten ist der Prototyp des Punks und gab ihm die Haltung und das Erscheinungsbild. Seine Interviews sind bis heute sowohl Kult wie auch gefürchtet.

Doch die Sex Pistols waren ihm noch zu traditionell im Rock’n’Roll verhaftet und mit der Band, mit welcher er in Lausanne auftrat, brach er die Hörgewohnheiten noch mal kompromissloser auf, als alles zuvor Dagewesene. Als John Lydon war es 1978 Zeit für «Public Image Limited» oder einfach PIL. Gedacht als GmbH und nicht als Band, sollte die Musik nicht das Hauptanliegen der Band sein, sondern nur eines von vielen. Die Mitglieder bezeichneten sich nicht als Musiker, sondern als Gesellschafter. Natürlich veröffentlichten sie Platten.

Es begann mit einer Zeitungsseite

Die erste Single, eingepackt in einer selbstgebastelten Zeitungsseite, enthielt nur einen Song: «Public Image», eine grandiose Abrechnung mit der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit, eingespielt noch nahe am Stil der Sex Pistols, nur dass der Bass tiefer pumpte und die Gitarre viel glasiger klang, schon beinahe schmerzhaft in die Höhe geschraubt. Das erste selbstbetitelte Album mit dem Cover im Stil des «Vogue»-Modemagazins beinhaltete noch punkartige Abrechnungen mit der Gesellschaft, aber vor allem mit der Religion. 1979 wurde dann «Metal Box» veröffentlicht. Das Postpunk-Meisterwerk schlechthin und Inspirationsquelle von Myriaden von Bands und Musikern. Drei Vinylalben auf 45 Touren, abspielbar wie die Maxisingles in den Discos. So kam es zu gewaltigen Basseruptionen mit Schmirgelpapier-Gitarrengeräuschen überkeift von einer muezzinartigen Gesangsweise von John Lydon. Diese Vinylscheiben befanden sich in einer Blechdose, wie sie verwendet wurden für die Aufbewahrung von Filmrollen. Sie waren kaum vernünftig aus der Dose zu bekommen. Aber wenn man es doch geschafft hatte, dann bebte das Zimmer. Es gibt heute kein Musikmagazin, welches die Metal Box nicht in den höchsten Tönen würdigt, auch wenn die Platten damals bestimmt die Gehörgänge vieler Menschen rachitisch verkrümmten.

Der Anti-Love-Chartstürmer-Song

Die Band kreuzte die britischen Industriegeräusche klaustrophobisch mit tiefen Dubreggaebässen. «Death Disco» in der Hochzeit der Discowelle ausgekoppelt lässt einem noch heute das Blut in den Adern gefrieren. Ein Meilenstein der Musikhistorie. John Lydon demonstrierte dann spätestens 1983, dass man mit einem absoluten Antisong der Simplizität und Absurdität einen veritablen Charterfolg verbuchen konnte: «This Is Not A Love Song». Viele Mitgliederwechsel und das Verlegen des Lebensraums hin nach Amerika brachte John Lydon mit dem Rap-Pionier Afrika Bambaataa zusammen, mit dem er «Time Zone» betrieb und ein schweres HipHop-Electro-Postpunk-Geschütz auffuhr («World Destruction»), bevor er dann ein begeisterter Besucher von Heavy Metal Shows wurde und befand, es sei an der Zeit, die grossen Gitarrenwände wieder bei PIL einzubauen. Mit unter anderem Steve Vai, Ginger Baker oder Bill Laswell wurden weitere mächtige Alben veröffentlicht, die ebenfalls in dem grandiosen Song «Rise» gipfelten. Die Aussage «Anger Is An Energy» umschreibt treffend das ganze Wesen und das Leben von John Lydon. Dieser Satz ziert auch seine zweite Biografie, welche im Jahr 2015 veröffentlicht wurde. Die erste, «No Irish, No Blacks, No Dogs», erschien 1994.

Über John Lydon müsste ich noch viel mehr schreiben und es würde wohl sämtliche Blogs bis ans Ende meiner Tage füllen, aber dazu reichen meine Ressourcen und diejenigen von zentral+ nicht aus. Vielleicht sprengt seine Hinterlassenschaft einfach das Fassungsvermögen von Artikeln, sodass man froh ist, über Iggy Pop, den Godfather of Punk (ja natürlich darf er diese Bezeichnung erhalten,) welcher heute Abend an der Baloise Session in Basel auftritt, zu schreiben und zu berichten als über denjenigen, der dem Punk die Haltung gegeben hat, welche Iggy gar nicht erkannt hat.

Zurück nach Luzern

Im Vorraum legte dann DJ Anz Erinnerungsstücke der grossen Postpunkära auf, doch wir zogen es vor, draussen in der Frische ein paar Schluck Bier zu spülen und einige Worte mit anderen Bekannten zu wechseln, bevor es dann auf die Heimfahrt ging. Während der Fahrt im Bus huschte ein zufriedenes Lächeln über mein Gesicht. Wunderbar, wenn man mit 50 Lenzen noch immer solche Konzerte besuchen kann wie in der Jugendzeit!

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