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Der Tänzerberuf, ein hartes Brot
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Die Tänzerinnen Deborah Gassmann und Jin Kim bei den Proben zu «Die Anderen». Bild (Florian Geisseler)

Irina Lorez zum Kollektiv Polymer DMT Der Tänzerberuf, ein hartes Brot

4 min Lesezeit 10.12.2013, 17:55 Uhr

Nach einer langen Ausbildung kann der Tänzerberuf selten richtig ausgeübt werden und falls doch, wird er oft als Hobby angesehen. In den Medien erhält Tanz als Kunstform wenig Aufmerksamkeit. Irina Lorez eröffnet den Kulturblock und interviewt in ihrem ersten Beitrag die Luzerner Tänzerin Deborah Gassmann zu ihrem Schaffen und dem neuen Stück «Die Anderen», dass sie mit dem Künstler-Kollektiv Polymer DMT auf die Bühne bringt. 

Der Tänzerberuf ist ein hartes Brot. Nach einer langen Ausbildung kann er selten richtig ausgeübt werden und falls doch, wird er oft als Hobby angesehen. In den Medien erhält Tanz als Kunstform wenig Aufmerksamkeit. Irina Lorez eröffnet den Kulturblock und interviewt in ihrem ersten Beitrag die Luzerner Tänzerin Deborah Gassmann zu ihrem Schaffen und dem neuen Stück «Die Anderen», dass sie mit dem Künstler-Kollektiv Polymer DMT auf die Bühne bringt. 

Interview mit Deborah Gassmann, Tänzerin, Luzern 

Deborah, ihr nehmt in «Die Anderen» das Phänomen «Stalking» auf. Was bewegte euch dazu, ein Stück zu dieser Thematik zu kreieren?

Wir sind zufällig auf einen Artikel in einer koreanischen Zeitung gestossen. Darin war beschrieben, wie eine Frau von ihrem Mann verlassen wurde und dann Tage und Nächte vor seinem Haus auf der Strasse stand. Erfolglos und mit unterschiedlichen Mitteln versuchte sie ihn zu erreichen. Interessant am «Stalking» ist die kriminelle Besetzung von Opfer und Täter. Was genau steckt dahinter und welches sind die emotionalen Zustände? Im Stück geht es jedoch nicht nur um «Stalking», sondern allgemein um Verstrickungen von Emotionen und um das Gefühl, ohne «den Anderen» nicht mehr existieren zu können. In jeder Beziehung kann man in eine völlige Abhängigkeit geraten. Das muss nicht zwingend zu «Stalking» führen.

Wie setzt ihr diese Liebestragödie zwischen Mann und Frau mit zwei Tänzerinnen um?

Jin Kim und ich stellen keine Figuren dar. Wir zeigen im Wechselspiel die Emotionen der Abhängigkeit und der Manipulation indem wir versuchen, körperlich aufeinander einzugehen oder uns abzulehnen. In diesem Gefühl der Abhängigkeit entwickeln wir eine grosse Aufmerksamkeit füreinander. Diese feinen Sensoren, die durch den Körper gehen, interessieren uns.

Ihr kreiert das dritte Stück im Kollektiv Polymer DMT. Kannst Du mir etwas über diese Zusammenarbeit erzählen?

Wir erarbeiten von Grund auf alles gemeinsam, sprich Idee, Konzept und Umsetzung. Schon im letzten Stück «27 o’clock» versuchten wir Tanz und Musik gleich zu gewichten. Mit Patrick Zosso (Marygold) war das etwas anderes, denn alle Songs standen vor Beginn der Produktion als fertiges Album bereit. Sie wurden dann noch vertanzt und in Szene gesetzt. Mit Patrick Zosso entwickeln wir nun die Musik parallel zu unserem Probeprozess.

Du warst in Deutschland Tänzerin in einer erfolgreichen, aufstrebenden Compagnie (Ben J. Riepe). Was bewegte dich dazu, wieder nach Luzern zurück zu kehren?

Ich habe bei Ben sehr viel gelernt. Seine Arbeit hat mich stark geprägt, obwohl ich jetzt etwas völlig anderes mache. Ich bin auf der Suche nach den leisen Tönen und die möchte ich hier weiterverfolgen.

Wie sind die Produktions-Bedingungen für euch in Luzern betreffend Geld, Räumlichkeiten und Aufmerksamkeit?

Es ist für mich noch etwas schwierig zu sagen, da ich erst seit dem zweiten Stück bei Polymer DMT dabei bin. Mit dem Südpol haben wir sehr viel Glück, was die Räumlichkeit und die Aufmerksamkeit betrifft. Mit den Geldern finde ich es ziemlich schwierig. Wir würden gerne auch mal mit einem zusätzlichen Tänzer arbeiten, können uns das aber nicht leisten. Schon jetzt bezahlen wir uns sehr miserabel. Wir arbeiten drei Monate 100 Prozent durch und können uns knapp 1500 Franken pro Monat auszahlen.

«Wir arbeiten drei Monate 100 Prozent durch und können uns knapp 1500 Franken pro Monat auszahlen.»

Und du weisst selber wie das ist, wenn man mit Haut und Haaren dabei ist. Etwas anderes nebenbei zu tun, ist ausgeschlossen.

Wie stellst du dir deine nahe Zukunft vor?

Ich möchte meine Suche im Kollektiv weiterverfolgen und wenn möglich jedes Jahr eine neue Produktion im Südpol erarbeiten. Ich habe den Drang nicht mehr, für andere Compagnien zu tanzen. 
 
Zum Schluss bitte ich dich um je drei Antworten. Was stört dich an deinem Beruf?

  • Die Unaufmerksamkeit der Presse und Medien im Allgemeinen.
  • Dass der Beruf nach einer so langen Ausbildung selten richtig ausgeübt werden kann und oft als Hobby angesehen wird.
  • Die fehlende Aufmerksamkeit der Veranstalter.
     

Was freut dich an deinem Beruf?

  • Wenn ich Teil eines Ganzen bin – wie ein Streicher in einem Orchester.
  • Wenn mich ein Moment in einem Stück unglaublich berührt. 
  • Die Selbstständigkeit.

 

Polymer DMT versteht sich als Kollektiv, das verschiedene Kunstformen verbindet. DMT steht für Dance, Music und Theater. Initiiert wurde das Kollektiv von den Musikern Philipe Burrell und Patrick Zosso (Marygold). Sie standen erstmals 2010 im Südpol auf der Bühne. In Ihrem dritten Stück «Die Anderen», das am 11. Dezember wiederum im Südpol zur Premiere kommt, mischen sich Choreografie, Tanz (Fang Yun Lo, Hyun Jin Kim, Deborah Gassmann) und Musik (live) von Patrick Zosso zu einem Ganzen. Ich befragte die Luzerner Tänzerin Deborah Gassmann zu ihrem Schaffen. Deborah ist Abgängerin der Folkwang Hochschule in Essen und ist nun nach vier Jahren als Tänzerin in der Cie Ben J. Riepe (D) seit zwei Jahren wieder zurück in ihrer Heimatstadt.
 

Premiere «Die Anderen», Mittwoch, 11. Dezember 2013
Weitere Vorstellungen am 12. & 14.12.2013, 12.2 – 14.2.2014
Jeweils 20 Uhr im Südpol Luzern
www.polymerdmt.org

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