Mario Wälti
Der Radio-Neoliberalismus

  • Lesezeit: 6 min
  • Blog
  • Kulturblock

Rechtsrutsch. Da wird es für die sozialen Unterfangen immer schwieriger. Unsere Radiostationen – auch und gerade die staatlichen – sind diesbezüglich kein Stück besser.

Die Wahlen sind durch, unser Land wird weiterhin und zukünftig noch stärker von rechtsbürgerlicher Hand regiert. Es ist damit zu rechnen, dass soziale und sozialdemokratische Errungenschaften (oder Ideen) weiterhin einen schweren (und immer schwereren) Stand in unserem Schokoladenland haben werden (Luzerns Sparpaket ist da schon Signal genug). Und erneut, die Geschichte wiederholt sich ja bekanntlich, tragen alle «Verlierer» dieser Wahlen in den ersten Tagen nach dem Ereignis zwar mentalen Trauerflor, und die politischen Vertreter der Verlierer ermahnen die siegreiche Rechte, dass sie ab jetzt im Obligo stehe und Lösungen für die Probleme des Landes präsentieren müsse, aber dann ziehen sich alle zurück und versuchen, im von Angst geprägten Neoliberalismus ihr eigenes Gärtchen zu pflegen und zu schützen. Irgendwann geht es, bei den Lösungen welche die Wahlsieger präsentieren werden, schliesslich fast jedem an den Kragen.

Politik? Kultur? Hä?

Warum steht solch ein Abschnitt am Anfang eines Kulturblogs? Ganz einfach: Schweizer Künstler kämpfen den Kampf der (unterdrückten) Minorität seit langem. Wo immer in der Schweizer Kulturlandschaft ein internationaler Kontext vorherrscht, wo also Marktmacht, Schlagkraft und ähnliche Stichworte die Welt prägen und keine Förderung von ganz spezifischen (in diesem Fall: Schweizer) Qualitäten betrieben wird, ist der Schweizer Künstler per definitionem der Gelackmeierte. Spezifisch in der Musik: Rihanna verkauft überall Platten und hat so viel Schub hinter sich, dass sie auch hier die besten Videos, das schönste Albumcover, die grössten Werbungen platzieren kann. Solange die hiesigen Kulturinstitutionen (von Zeitungen zu Radios zu allem anderen) zuerst mal das ganze Rihanna-Album promoten, bevor sie sich (quasi im Sinne des sozialdemokratischen Minderheitenschutzes) das Album des Schweizer Künstlers XY überhaupt anhören, fristen helvetische Musiker ein Dasein wie die Flüchtlinge – wir werden vom System nicht geschützt und können uns auch nicht effizient wehren.

Kurzer Glücksmoment

Einen Moment lang schöpften wir Hoffnung: Letztes Jahr, als wir sahen, wie das Internet den Musikmarkt auch für uns umgepflügt hatte und man plötzlich als Independent-Künstler auf dem Netz eine eigene Gefolgschaft aufbauen konnte. Mimiks, Luzerns Rapkönig, ging mit seinem unabhängig produzierten Debutalbum auf die 1 der Schweizer Charts, ohne dass die Mächte der Schweizer Musikwelt das aktiv unterstützt hatten. Wir sahen kurz Licht am Horizont – endlich, dachten wir, ist es möglich, ohne «fremde» Unterstützung solche Wege mit Schweizer Musik zu beschreiten, endlich ist es möglich, wenigstens ein paar Platten zu verkaufen, ohne dass man dafür eine Werbung in einer grossen Zeitung oder ein schickes Interview bei der Schweizer Illustrierten haben musste.

Da Streaming für den Konsumenten so viel billiger ist, wird heute mehr Musik konsumiert als je zuvor.

Doch wir verkannten, dass zu dieser Zeit bereits die nächste Negativwelle heranrollte. Zwar können heute, bei eingebrochenem Markt, die meisten Künstler mit ein wenig Gefolgschaft eine Top-100-Chartplatzierungen erreichen, so (der Autor fokussiert entsprechend) auch ein Grossteil der Innerschweizer Hip-Hop-Szene (Effe auf 8, LCone auf 10, Emm x Kackmusikk auf 17, Moskito auf 71), und es ist nicht so, dass Mimiks mit seinem Zweitalbum heute nicht mehr auf die 1 gehen würde. Nur ist 2015 mit iTunes auch die letzte grosse Bastion der produktionsgünstigen Musikverteilung, dem Digitalvertrieb und damit dem Vertriebsnetz des kleinen Mannes, den Schritt zum Musikstreaming gegangen, was faktisch dazu führt, dass die Einnahmen pro verkaufter Einheit für den Künstler nun so unglaublich klein sind, dass man wieder ungeheure Mengen an Verkäufen braucht, um damit auch nur in die Nähe einer schwarzen Null für eine Musikproduktion zu kommen. Und da Streaming für den Konsumenten so viel billiger ist, wird heute mehr Musik konsumiert als je zuvor, was wiederum denjenigen in die Hände spielt, welche eben weltweit präsent sind und ihre Musikprodukte so bewerben können, dass sie Millionen von Streams generieren.

Wir sind zurück bei der Marktmacht, quasi beim musikalischen Neoliberalismus – die grosse Rihanna tritt noch mehr auf unseren Füssen rum, als sie dies vorher schon getan hat. Und die Schweizer Ableger der Major Labels können daran nun auch nicht mehr viel ändern: Der Markt ist inzwischen so geschrumpft und die Schweiz (gerade auch mit Streaming) derart irrelevant geworden, dass die bei diesen Läden angestellten Leute faktisch nur noch «fremdes» Material weiterleiten. Der in Deutschland produzierte Pressetext für das neue Rihanna-Album wird an die Kollegen (Freunde?) bei den Radios und den Zeitungen weitergeleitet, ständig begleitet von der Angst, dass die grosse Muttergesellschaft in Deutschland oder UK der herzigen Schweizer Delegation bald den Stecker zieht.

Gibt es Abhilfe?

Gibt es Abhilfe? Klar gäbe es die. Sie wäre ein Tropfen auf den heissen Stein, aber immerhin das. Der einzige Industriezweig, der für die meisten Schweizer Musiker faktisch brachliegt, der aber aus gesetzlich vorgeschriebenen Gründen nach wie vor Geld abwirft beziehungsweise werfen würde, ist das Radio. Nach wie vor muss ein Radiosender Lizenzgebühren für das Spielen von Songs bezahlen. Dass diese (Hallo Neoliberalismus) weiterhin zum grössten Teil in die Taschen von ausländischen, marktmächtigen Künstlern (wie Rihanna) fliessen (und zum Teil von deren Lizenzverwalter nicht mal eingefordert werden und also brachliegen), ist angesichts der Tatsache, dass Herr und Frau Schweizer zumindest die staatlichen Radios mit ihren Steuern mitfinanzieren, eigentlich ein Witz.

Wo ein Wille ist, wäre (zumindest bei den staatlichen Sendern) grundsätzlich auch ein Weg.

Es ist wie bei der Frauenquote: Würde man eine solche vorschreiben, wären Frauen in Verwaltungsräten innert wenigen Jahren der Normalfall. Schriebe man den Schweizer Radios eine Mindestmenge an Schweizer Musik pro Tag vor, der Konsument würde sich daran gewöhnen (soweit er nicht eh schon längst kein Radio mehr hört), und die Werbeverkäufe der Radios würden sich einpendeln. Man wird diesem Artikel entgegenhalten, dass dies in der heutigen Zeit wirtschaftlich nicht möglich ist, und dass die staatlichen Radios in direktem Wettbewerb mit den privaten Radios stehen. Allerdings: Unsere Bundesverfassung schützt und unterstützt auch die rätoromanische Sprache, und auch da gibt es wenig ökonomische Kriterien zur Rechtfertigung.

Wo ein Wille ist, wäre (zumindest bei den staatlichen Sendern) grundsätzlich auch ein Weg. Wer in dieser Hinsicht – zumindest aus Sicht urbaner Zentralschweizer Musik – mit positivem Beispiel vorangeht, ist Radio 3fach. Nur: Radio 3fach ist nonkommerziell, was sich auch in der oben erwähnten Abrechnung der Lizenzgebühren (welche wohl sowieso pauschal erfolgt) niederschlägt. Radio Pilatus hatte mal eine Phase, in der urbane Musik aus der Leuchtenstadt gepusht wurde. Das hatte in erster Linie mit dem damaligen Musikchefredaktor zu tun – seit der (aus unserer Sicht: leider!) weg ist, ist nämlich alles wieder wie davor und zuvor.

Bei der eigenen Nase beginnen

Zu guter Letzt aber: Selbstverständlich – das sei ebenfalls gesagt – müssen auch wir Künstler uns an der eigenen Nase nehmen und in dieser Hinsicht aktiv werden anstatt unser Dasein in Facebook-Posts (und Blogartikeln) zu beklagen. Wir sind diesbezüglich wie die (nichtbürgerliche) Politik: Nach den Wahlen tragen wir zwar mentalen Trauerflor, aber dann, so scheint es, pflegen auch wir lieber nur unser eigenes Gärtchen. Und hoffen, dass es uns nicht noch mehr an den Kragen geht als bisher schon.

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