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Das Gestalterpaar über Leidenschaft und grafischen Blödsinn
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«Money for Nothing», Beitrag zur 4. Soirée Graphique, Bern, 2010. (Bild: zvg. Hi)

Kulturinterview von Eva-Maria Knüsel mit dem Luzerner «Hi» Das Gestalterpaar über Leidenschaft und grafischen Blödsinn

5 min Lesezeit 28.09.2016, 09:43 Uhr

Megi Zumstein und Claudio Barandun haben mit ihrer grafischen Arbeit die Luzerner Kulturszene während rund zehn Jahren massgeblich geprägt. Zum Abschied aus Luzern sprechen sie im Kulturinterview über die Anfänge als Gestalterpaar, leidenschaftliches Arbeiten, grafischen Blödsinn und Künstlerfreundschaften.

Eva-Maria Knüsel: Seit 2007 betreibt ihr mit «Hi» euer eigenes Atelier für visuelle Gestaltung in Luzern. Wie hat eure Zusammenarbeit begonnen?


Megi Zumstein/Claudio Barandun: Wir haben schon früher punktuell zusammengearbeitet und immer wieder davon gesprochen, wie es wohl wäre, wenn … 2007 hatten wir dann den Mut dazu. Die Beziehung aufs Spiel zu setzen, ist ja ein hoher Einsatz und tatsächlich wäre das Projekt beinahe schon am eigenen Briefpapier gescheitert.

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Knüsel: Mit einer klaren visuellen Handschrift habt ihr euch einen Namen in der Schweizer Gestalterszene gemacht. Was macht gute Grafik aus?

Zumstein/Barandun: Diesbezüglich gehen die Meinungen und Definitionen stark auseinander. Auch unterscheiden sich die verschiedenen Disziplinen innerhalb der Grafik voneinander: Für ein Plakat sollte man andere Parameter ansetzen als für ein Buch. Gemeinsam ist guter Grafik vielleicht die Leidenschaft für das zu bearbeitende Thema, aber auch die Liebe zum jeweiligen grafischen Medium selbst.


Knüsel: Nun brecht ihr eure Zelte in Luzern ab – was hat den Ausschlag dazu gegeben, den Wohn- und Arbeitsort nach Zürich zu verschieben?

Zumstein/Barandun: Da wir eine Wohnung mit Atelier umbauen konnten, war die Gelegenheit verlockend und hat uns sehr gereizt. Dass dieses Haus in Zürich steht, war einfach gegeben.


Knüsel: Zentraler Bestandteil eurer grafischen Arbeit sind Kulturplakate, Künstlermonografien, Ausstellungskataloge sowie die Signaletik für Kulturbetriebe. Warum arbeitet ihr gerne mit Kunst- und Kulturschaffenden zusammen?

Zumstein/Barandun: Wir haben auf diese Möglichkeit hingearbeitet, weil unser Herz für Kunst und Kultur schlägt. Wir können unserer Leidenschaft professionell nachgehen, was natürlich ein grosses Privileg ist. Dadurch dass Kunst- und Kulturschaffende in verwandten Gebieten arbeiten beziehungsweise diese Leidenschaft mit uns teilen, kann man davon ausgehen, dass man ungefähr vom Selben spricht. Dies vereinfacht die Zusammenarbeit in Bezug auf das Gelingen eines Projekts. Wenn alle am selben Strick ziehen, kommt man weiter, es wird besser. Ausserdem fühlt es sich an, als befände man sich ständig unter Freunden, was abgesehen davon auch häufig zutrifft. Oder es entwickeln sich neue Freundschaften durch die Zusammenarbeit.


Knüsel: Zum Ende der Luzerner Jahre präsentiert ihr einen Überblick eures Schaffens in einer zweitägigen Ausstellung. Welche Überraschungen haben das Durchforsten des Archivs zutage gefördert?

Zumstein/Barandun: Hauptsächlich haben wir realisiert, wie viel wir gemacht haben. Das fanden wir recht beachtlich. Natürlich ist auch der Blödsinn wieder aufgetaucht. Die Haltung gegenüber diesen Arbeiten schwankt; von Schmunzeln bis zu beschämtem Erröten. Für die Ausstellung halten wir diese jedoch unter Verschluss. 


Knüsel: Inwiefern versteht ihr eure Arbeit als ein politisches Instrument?


Claudio: Ich möchte mir einreden, dass die Leidenschaft, mit der wir arbeiten, als gutes Beispiel steht, dass dabei weniger Halbherzigkeit Platz hat, etwas, das mir extrem auf den Sack geht. Und vielleicht auch, dass der monetäre Erfolg nicht alles ist, sondern leidenschaftliches Arbeiten viel mehr gibt. Eine ziemlich naive Vorstellung … Den Glauben daran, dass gute Gestaltung eine gesellschaftliche Relevanz hat und einen Diskurs über die Grenzen der «Szene» hinaus auslösen kann, habe ich leider verloren.

«Die Auseinandersetzung hat eine politische Dimension und wird sicher auch einige Leute verärgern.»
Claudio Barandun

Zumstein: Ich verstehe unsere Arbeit eigentlich nicht als politisches Instrument, sie ist vielleicht ein Nebeneffekt davon. Kürzlich ist eine vom Kanton Luzern und der Pro Helvetia finanzierte Ausstellung über Luzerner Grafikerinnen und Grafiker durch Russland getingelt. An verschiedene Stationen der Reise haben wir Lectures und Workshops gehalten, wo ein Austausch stattfand.

Barandun: Also sind wir die Guten, die die Demokratie in der Welt verbreiten? Recht überheblich … Abgesehen davon wären es höchstens homöopathische Dosen, um die der Idioten-Anteil auf der Welt reduziert werden könnte.

Zumstein: Also erstens soll Homöopathie bekanntlich auch wirken und zweitens findet Austausch ja nicht nur in eine Richtung statt.


Barandun: Mir fällt da gerade noch ein konkretes Beispiel ein, wo unsere Arbeit gezwungenermassen eine politische Dimension erhält: Zurzeit arbeiten wir an einem Bildband über Walter Mittelholzer, einen Schweizer Flugpionier. Er unternahm verschiedene Auslandsflüge, deren Zweck die fotografische Dokumentation und Publikation war. Darunter gibt es natürlich Material, das aus heutiger Sicht problematisch ist. Kurz, eine kolonialistisch geprägte Sicht, welche sich in diversen Bildern widerspiegelt.

Nun ist Mittelholzer ein, wenn nicht der, Schweizer Aviatikheld. Wir hätten nun die Möglichkeit, ihn komplett in die Pfanne zu hauen. Dies entspricht zwar nicht unserer Absicht, aber das differenzierte Auslegen des Bildmaterials wird ihn nicht nur im besten Licht zeigen. Die Auseinandersetzung hat eine politische Dimension und wird sicher auch einige Leute verärgern. In diesem Kontext haben einige unserer Projekte politische Komponenten, die wir aber nicht instrumentalisieren möchten.

Knüsel: Mit wem möchtet ihr gerne zusammenarbeiten? Tot oder lebendig!

Barandun: Als Grafiker oder in irgendeiner Disziplin? Als Grafiker würde ich zum Beispiel gerne einmal eine Architekturmonografie gestalten oder mit dem Künstler Ólafur Elíasson oder dem Fotografen Alec Soth zusammenarbeiten. Mit vielen, aber eigentlich bin ich auch zufrieden mit unseren Aufträgen für und mit interessanten Leuten, toten und lebendigen. Darüber hinaus würde ich zum Beispiel gerne als Ko-Kurator mit Harald Szeemann zusammenarbeiten.

Zumstein: Ich habe manchmal Lust, für ein Projekt mit anderen Grafikern zu kollaborieren, weil es uns interessiert, wie sie ein Projekt angehen würden, und man diesbezüglich sicher viel voneinander profitieren könnte. Über die Jahre wird man vielleicht manchmal etwas betriebsblind und das zeigte einem einerseits neue Wege auf und führte andererseits zu einem Ergebnis, zu dem beide Teams einzeln so wahrscheinlich nicht gekommen wären.

«Die Kultur braucht mehr Publikum.»
Zumstein/Barandun

Knüsel: Was bedeutet euch das kulturelle Leben in der Region Luzern?

Zumstein/Barandun: Es hat uns massgebend geprägt. Viele Akteure dürfen wir als unsere Freunde bezeichnen und wir fühlen uns darin zuhause. Es hinter uns zu lassen – wenn auch nicht gänzlich –, fällt uns schwer und stimmt uns auch etwas traurig.

Knüsel: Über welche künstlerische oder gestalterische Arbeit habt ihr euch kürzlich gefreut?

Zumstein/Barandun: Über Samuli Blatters Caravan-Raum im Aargauer Kunsthaus, die Ausstellung mit Donato Amstutz und René Odermatt im sic! Elephanthouse, die Skulptur von Christoph Fischer auf dem Kreuzstutz-Kreisel, Christian Herters Arbeit in der Alpineum Produzentengalerie, Anna Margrit Annen bei Hilfiker Kunstprojekte, die Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz von Thomas Kern und viele mehr. 


Knüsel: Was braucht Kultur am dringlichsten?

Zumstein/Barandun: Mehr Publikum. 


Knüsel: Euer Wort zum Abschied an Luzern?


Zumstein/Barandun: Sayonara Bitches!

Hi  – Visuelle Gestaltung, Megi Zumstein + Claudio Barandun präsentieren ihr Schaffen vom 15. bis 16. Oktober 2016 in der Ausstellung «Die Luzerner Jahre» im sic! Elephanthouse, Luzern.

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