Thomas Gisler
Club oder Festival?

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«The Pride» in Schaffhausen.

Sommerzeit ist die Zeit der groooooossen Konzerte. Besucher nehmen mehrstündige Anreisen nach Montreux, Nyon oder St. Gallen auf sich. Die grosse Frage dabei: Was haben Festivals, das Konzerte nicht haben? Und: Lohnt sich das für den Besucher?

Sommerzeit ist die Zeit der groooooossen Konzerte. Besucher nehmen mehrstündige Anreisen nach Montreux, Nyon oder St. Gallen auf sich. Der Gurten und das Sittertobel verwandeln sich für ein Wochenende in eigenständige Städte mit allem Drum und Dran. AC/DC, Muse und Die Toten Hosen karren Tonnen von Material in Fussballstadien oder andere mehr oder weniger geeignete Veranstaltungsorte. Die Musik wird wegen übermässiger Sponsorenpräsenz, Jahrmarktangebote wie Riesenrad oder Putschiauto und gnadenlos geiler Lichtshow zur Nebensache. Lohnt sich das für den Besucher?

(Anmerkung des Autors: Wenn du findest «Ja, das lohnt sich unbedingt», kannst du auch zum Ende des Textes scrollen. Dort verleihe ich noch zwei Awards bezüglich des Luzerner Fests.)

Zurück zu den ach so grossen und geilen Konzerten

Lohnt sich das wirklich? Die ganzen Strapazen mit überteuerten Tickets, stundenlangem Anstehen an Kassen und Toiletten, eng gedrängten Menschenmassen und Ständen mit ungeniessbarem Food auf sich zu nehmen? 150 hart verdiente Schweizer Franken für ein Stadionkonzert zu zahlen? Oder 200 Franken für vier Tage Festival, wo man schlussendlich doch nur 3 Konzerte sieht und sich die restliche Zeit in irgendwelchen billigen Partyzelten vor der Bar um die Ohren schlägt?

Das Erlebnis Clubkonzert macht gegenüber den Festivals so einiges wett …

Wäre es nicht einfach gescheiter, wenn man sich die Programme von Konzertclubs mal genauer anschauen würde? Es gibt so viele in der Schweiz oder im angrenzenden Ausland, welche eine Reise wert sind. Wenn man sucht, findet man Perlen. Bands, welche an den grossen Festivals am Nachmittag mit 40 Minuten in sengender Hitze oder strömendem Regen abgespeist werden. Bei den Clubshows hat man dann die Möglichkeit, ein komplettes Konzert, meistens zusätzlich noch eine Vorband, zu geniessen. Für einen Bruchteil des Festivaleintritts.

Zwischen {Zigaretten-Marke}-Bühne und {Spirituosen-Marke}-Zelt

Klar, meistens finden diese Konzerte, vor allem im Sommer, unter der Woche statt. Weil die Bands natürlich an Wochendenden an Festivals engagiert sind. Aber sind wir ehrlich: Man kann sich meistens eine gemütliche Reisegruppe zusammenstellen. Einer fährt (ihm wird natürlich der Eintritt von den anderen bezahlt) und die anderen fahren mit. Und wie bei jeder Festivalgruppe gibt es dann meistens auch den Idioten, der auf der Rückfahrt noch aus dem Fenster kotzt oder so. Aber das Erlebnis Clubkonzert macht einiges wett …

Für mich persönlich ist es schon ein Unterschied, ob ich unter x-Tausenden Irgendwelchen vor einer gigantischen Bühne stehe oder mit einigen Hundert Gleichgesinnten in einem Club bin, wo ich den Schweiss des Sängers förmlich riechen kann. Es ist sowas von viel symphatischer, an einem Ort zu sein, wo man nicht zwischen {Zigarette-Marke}-Bühne und {Spirituosen-Marke}-Zelt wählen muss, sondern zwischen Männer- und Frauen-WC. Was übrigens auch um einiges leichter ist … Orte, wo man zum Beispiel ein Mohren-Bier, welches gerade um die Ecke gebraut wird, trinken kann und nicht die ewig gleiche Hollandpfütze saufen muss. Oder man zum Essen halt zum kleinen Italiener eine Strasse weiter gehen muss.

Die magische Zahl 500 – oder 10’000

Der deutsche Musiker Philip Boa hat mal gesagt: «Ab 500 Leuten hast du die Arschlöcher im Publikum.» (Vielleicht wars auch: «Ab 10’000 Tonträgern verkaufst du an die Idioten» – Ist aber dasselbe.) Stimmt natürlich nicht. Du kannst die auch schon haben, wenn du nur 50 Besucher hast. Aber mit der Grösse des Publikums nimmt auch das Risiko überpropotional zu, nicht mehr nur angenehme Leute vor der Bühne zu haben. Und das Blöde daran ist, dass man, egal, wie gross die Masse ist, immer nur den grössten Deppen über den Weg läuft.

Im Sommer empfehle ich, die Programme vom Bad Bonn in Düdingen und Conrad Sohm in Dornbirn (AUT) auszuprobieren. Ansonsten kann man sich auch ein bisschen Geld zur Seite legen, das man durch Nichtbesuchen von grossen Open-Airs und Konzerten im Sommer spart und welches man dafür im Herbst für eine weitere Anreise zu einem Clubkonzert investieren kann.

In diesem Sinne: Viel Spass.

 

PS: Auch ich wäre ans Foo-Fighters-Konzert nach St. Gallen gegangen. Wenn es nicht abgesagt worden wäre. Und gerne auch ans Hosen in den Letzigrund. Dort hab ich aber schon was anderes vor. Ich weiss aber, dass diese Konzerte nicht an Frank Turner in Dornbin und The Pride rangekommen wären … Aber genossen hätt ich es trotzdem. Aber eben: Nur halb halt …

 

Zum Schluss noch die zwei Luzerner Fest-Awards:

  1. Der Award für die dämlichste Bühnenansage geht an: Mr. Da-Nos auf der Radio-Sunshine-Bühne  (und ich zitiere wörtlich): «Und jetzt alli Mittelfinger id Luuuuuuft!!!!»).

  2. Der Award für das dämlichste Publikum geht an: All die, die das tatsächlich gemacht haben. Und das waren tatsächlich fast alle …!

 

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1 Kommentare
  1. Andreas, 01.07.2015, 13:00 Uhr

    Überhaupt nichts gegen Clubkonzerte, besuche ich im Schnitt doch ungefähr jede zweite Woche irgendwo eines.

    Die verteufelung von Festivals finde ich aber nicht sehr fundiert. Das schöne an Festivals ist doch, dass man für sehr wenig Geld, sehr viele aussergewöhnliche und häufig noch nicht so bekannte Bands entdecken kann. Man darf sich halt nicht nur vor der Hauptbühne herumtreiben, sondern sollte unbedingt an die Konzerte von Bands gehen, die nur kleingedruckt auf dem Linup stehen und sich auch am Nachmittag mal vor die Bühne wagen.

    Festivals kriegen es zudem auch häufig hin, sogar bei den unbekannten Bands einen anständige Soundabmischung zu kreieren. Bei Club und vor allem Stadionkonzerten ist dieser bei den Vorbands leider oft eine Katastrophe. Zudem kommt das Publikum häufig wegen dem Hauptact, bei Vorbands ist daher kaum Stimmung oder der Saal noch leer…

    Da ist das Publikum an Festivals bedeutend offener und lässt sich auf verschiedenste Acts ein. Und wenn mal ein Konzert nicht gefällt, geht man ans nächste, trifft Freunde und Kollegen, die man einmal im Jahr am Festival sieht oder nimmt ein Bier an einer Bar.

    Und klar, es gibt immer und überall auch Idioten, viele Jahre Festivalerfahrungen zeigen aber, dass das Publikum überwiegend offen, freundlich, ausgelassen… und ok, häufig angetrunken ist.

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