Thomas Gisler
Bundesgerichtsurteil gibt Kulturschaffenden völlig neue Horizonte

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Gisi mit «Hitler-Schnauz»

Für einmal versuchen wir uns in Satire: Thomas Gisler schreibt über die künstlerischen Perspektiven, welche sich für Kulturschaffende aus dem Hitlergruss-Urteil ergeben (kann Spuren von Zynismus und Sarkasmus enthalten).

SATIRE: Thomas Gisler schreibt über die künstlerischen Perspektiven, welche sich für Kulturschaffende aus dem Hitlergruss-Urteil ergeben (kann Spuren von Zynismus und Sarkasmus enthalten): 

Das Bundesgericht hat entschieden: «Wer öffentlich unter Gesinnungsgenossen die Hand zum Hitlergruss erhebt, ist vor dem Gesetz kein Rassist, weil er keine Werbung macht. Wird der Gruss an unbeteiligte Dritte gerichtet, muss ebenfalls noch keine Rassendiskriminierung vorliegen, weil der Grüssende möglicherweise nur seine eigene ideologische Haltung darlegen und keine Propaganda betreiben will.» (Zitat NZZ).

Geil. Das eröffnet den Schweizer Kulturschaffenden völlig neue Perspektiven im Zeichen der künstlerischen Freiheit! Ich warte auf die erste Theateraufführung, die Hitlergrüsse zum Inhalt hat. Und eben nicht nur nebenbei in die Handlung integriert, sondern als zentrales Element. Will heissen, die Schauspieler schreien «SIEG», das Publikum steht auf und sagt «HEIL», selbstredend mit ausgestrecktem Arm. Was für ein verdammt geiler Effekt! Ich meine, was in den 40er-Jahren funktioniert hat, sollte doch auch heute noch klappen. Und nein: Man macht so natürlich keineswegs Werbung für irgendwelche bescheuerte Nazipolitik. Es geht nur um den Effekt! Und Propaganda ist es  erst recht nicht. Es ist das Mittel zum Zweck, im Zeichen der Show.

Auch die Arbeit der Regisseure wird einfacher gemacht: Die Handlung wird zur Nebensache: Mal eben vier bis fünf «Sieg Heil» Szenen einbauen, vielleicht noch ein paar Anspielungen auf Anne Frank und der Erfolg ist garantiert! In einer Nebenrolle könnte man noch einen Polizisten auftreten lassen, welcher einen Ausländer als «» beschimpft.

Nach den Theaterschaffenden könnten sich dann auch die Musiker der Thematik annehmen. Konzerte können durch ausufernde Reden aufgepeppt werden. Aber immer schön mit den Armen gestikulieren! Auf Youtube findet sich genügend Anschauungsmaterial. Es können auch ohne Probleme alte und kaputte Mikrophone verwendet werden. Das wirkt sofort viel authentischer. Die Tontechniker vieler Häuser jubeln ob dieser neuen Ausgangslage. Natürlich können sich die Ansagen zwischen den Songs gerne über mehrere Minuten hinziehen. Schwächere Songs im Katalog sind ebenfalls kein Weltuntergang mehr, da die Songs eh in den Hintergrund rücken.

Am schönsten wird das Ganze aber bei Tanzvorstellungen. Ich stelle mir die riesige Bühne vom Südpol oder dem KKL vor. 40 Tänzer marschieren im Stechschritt darüber. Dem Publikum sind vor dem Einlass Glatzen geschoren worden. 

Auch die Gestaltung des Bühnenbilds wird einfacher: So ein Hakenkreuz ist doch was schampar schönes. Es kann an die Wand projiziert werden, in den verschiedensten Farben. Vielleicht in pink mit dem Gesicht von Conchita Wurst in der Mitte? Nein, das ist keine Rassen- oder sonstige Diskriminierung, sondern nur die Darlegung von eigener, ideologischer Haltung unter Ausübung der künstlerischen Freiheit! Einfach nur damit es wieder mal gesagt ist.

Am schönsten wird das Ganze aber bei Tanzvorstellungen. Ich stelle mir die riesige Bühne vom Südpol oder dem KKL vor. 40 Tänzer marschieren im Stechschritt darüber. Dem Publikum sind vor dem Einlass Glatzen geschoren worden. Zumindest denen, die noch keine hatten. Natürlich schreien sie ununterbrochen «Sieg Heil» und werfen sich bedingungslos dem Regisseur vor die Füsse. Der Lichttechniker gibt sich alle Mühe Bombenabwürfe zu simulieren. Inhalt: Egal. Es geht um den Effekt!

Publikumstechnisch ist das Ganze natürlich auch sehr reizvoll. Die Vergangenheit zeigte, dass Vorführungen mit den genannten Inhalten vor allem in grossen Sportarenen am besten zur Geltung kommen. Was Fussballvereine nicht mehr hinbringen, gelingt Kulturschaffenden sozusagen mit links, beziehungsweise rechts…

Nur die armen Satiriker sind dann völlig am Ende. Will man die Nazis als Dummköpfe hinstellen, die sie halt nun einfach mal sind, geht das nicht mehr. Alle Welt meint dann: «Ok, der will nen Effekt. Auf den Inhalt muss ich mich gar nicht achten.» Und selbstredend schreit auch hier das Publikum andauernd «Sieg Heil». Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob der Adolf Hitler seinerzeit nicht ein Satiriker war und die Geschichte so angefangen hat. Vielleicht müsste das Bundesgericht noch mal über die Bücher….

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