Bewaffnet – für oder gegen das Volk
Aktueller denn je: Frischs Analysen helvetischer Probleme

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Art Basel 2022: Folkert de Jong: «The Shooting … 1st of July 2006». (Bild: zvg)

Blogger Adrian Hürlimann hat sich – ratlos eine Haltung zwischen Pazifismus und Aufrüstung suchend – an einen unverdächtigen Zeitzeugen der Kriegs- und Nachkriegszeit gewendet: .

Würde ein kriegsbesessener Despot eines Tages auch vor der Schweiz nicht Halt machen? Dies ist die Frage, die angesichts des unerwarteten Krieges aktuell erscheint. Und die in ganz Europa geeignet zu sein scheint, Kriegstreiberei im Sinne von Aufrüstung politisch abzusegnen und ideologisch wie gewinnbringend zu instrumentalisieren. Ein als Notfall definiertes Verteidigungsszenario soll die juristischen Fragen rund um die Lieferung von Waffen und das Vorgehen gegen russische Firmen in schweizerischen Steueroasen vom Radar nehmen.

Wie aber ist dieser Wunsch nach altbewährter Wehrhaftigkeit zu begründen in einem Land, das im vergangenen Jahrhundert keinen einzigen Feind erledigt, dafür Bomber der Befreier im und vom Dritten Reich abgeschossen hat? Das die selbstdeklarierte Neutralität von Fall zu Fall in Richtung wirtschaftlichen Profit auslegt? Das die Feigheit vor dem Freund wie vor dem Feind mittels eines folkloristisch inszenierten Armeemythos als bekömmlich und mit dem Gewissen vereinbar übertünchte?

Schweizer Armee: Max Frisch sucht Antworten

Das sind die Fragen, die unseren Nationaldichter umtrieben. Und auf die er mittels Totalrevision seiner früher notierten Erfahrungen als überzeugter Soldat im Zweiten Weltkrieg im «Dienstbüchlein» von 1974 zu antworten versuchte. Getrieben vom Wunsch nach Klärung und Einsicht in seine Verantwortung als einstiger und heutiger Zeitgenosse. Mit ihm waren damals 430’000 Mann aufgeboten worden.

Der Bundesrat hatte ein Ausfuhrverbot für Waffen erlassen. Welches jedoch Ausnahmebewilligungen für private Firmen (Bührle) vorsah – das wurde ihm nun bewusst. 1100 amerikanische Piloten befanden sich 1944 in der Schweiz und 158 Flugzeuge. 17 deutsche Piloten waren freigegeben worden, bilanziert er – Neutralität von Fall zu Fall eben. Unsere hat selten geschossen, stellt er fest. Und wenn sie geschossen hat, dann auf streikende Arbeiter (Generalstreik 1918). Oder auf Demonstrierende (Genf 1932), letzterer Einsatz mit 13 Toten.

Die Exekutionen von 17 «Landesverrätern» wegen unerheblichen Bagatellen sollten darüber hinwegtäuschen, dass Handel, Industrie und Kapital den Verrat im grossen Stil begingen und dafür nie zur Verantwortung gezogen worden sind. Genauso wenig wie die anpässlerische Diplomatie gegenüber den Achsenmächten. Statt Sanktionen genossen die Güterzüge mit Kohle von Hitler zu Mussolini freie Fahrt. Während Frisch und Kameraden die Brücken am Gotthard zu bewachen hatten. Das wird ihm, dem Kanonier, jetzt klar.

Kohle bringt Kohle

Nun, die Kohle, die damals durch die Schweiz rollte, sie spielt auch gegenwärtig eine zentrale Rolle. Der Schweizer Handelsplatz ist für Russland enorm wichtig. Laut PublicEye-Recherchen werden jährlich rund 212 Millionen Tonnen russische Kohle exportiert. Der grösste Teil davon, nämlich fast 75 Prozent, wird dabei vom Schweizer Boden aus gehandelt.

Die an der Baarerstrasse in Zug ansässige Firma Suek, im Besitz von Andrej Melnitschenko (inzwischen von seiner Gattin), fördert 100 Millionen Tonnen in 19 Gruben (zentralplus berichtete). Ihre Ansiedelung war ein schöner Erfolg der Zuger Standortpolitik, wie sie Nationalrat Gerhard Pfister vertritt. Würde Putin den Hort der Oligarchen, die seinen Krieg finanzieren, angreifen wollen? Was sagen die Erfahrungen aus dem letzten Krieg dazu, als die «neutrale» Schweiz das Dritte Reich wie die Alliierten gleichermassen mit Waffen belieferte?

Max Frisch zur Abschaffung der Armee

Die Hoffnungen auf eine friedlichere Welt nach dem Krieg waren spätestens mit der deutschen Wiederaufrüstung unter dem Segen Amerikas und mit der sowjetischen Parallelpolitik gestorben. Im Kalten Krieg – «und da brauchte man keine grosse Hoffnung, Komfort und Antikommunismus genügen». Noch kritischer als zuvor springt Frisch mit dem Mythos Armee in seinem Dialogstück «Schweiz ohne Armee?» von 1989 um.

Wieso sollen wir keine deutschen Leopard-Panzer kaufen oder amerikanische Abfangjäger, fragt da der Grossvater seinen Enkel – geradezu prophetisch. Und damit nicht genug der Prophetie: Ein Verblassen der erprobten Feindbilder, warnt er, könnte die Bewilligung der Rüstungsmilliarden plötzlich gefährden. Denn niemand soll merken im Land, wozu diese Armee tatsächlich da ist. An Stelle einer Bundespolizei gehts nur mit deren Hochrüstung, damit man sie nicht als Polizei erkennt.

Und damit sind wir, den Bogen schliessend, wieder bei der eigentlichen Aufgabe der Armee, der Disziplinierung von Streikenden, die damals für utopische Neuerungen wie AHV, Frauenstimmrecht oder den Achtstundentag demonstrierten – Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung eben. Fortsetzung folgt.

Wir sehen: Der grosse unbequeme Weltliterat aus Zürich hat die helvetischen Probleme aus der Langzeitperspektive analysiert und dabei bereits jene Fragen gestellt, die uns heute mehr denn je umtreiben.

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