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Toni im Edelweisshemd
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  • Jolanda Spiess: Jetzt reicht's
Bild: Loredana Bevilacqua

Als ich mich schämte, jemanden angezeigt zu haben Toni im Edelweisshemd

4 Min 10 Kommentare 06.11.2017, 11:20 Uhr

Neulich, an einem sonnigen Morgen in einem ländlichen Kanton, auf einer Staatsanwaltschaft. Wegen «Ä dümmeri Scheeesäää as die muesch sueche» und «Uf die sölled mal es dutzend Chüe abäschiiisse» hatte ich Anzeige erstattet. Ich rechnete mit fast allem. 

Der Staatsanwalt, ein grosser Mann mit kinnlangen, schnurgeraden braunen Haaren, bat mich ins Verhörzimmer. Auf dem Weg dorthin war auf der linken Seite ein Vorraum mit einem einzelnen Stuhl, auf welchem der Beschuldigte sass. Toni. Er erhob sich und streckte mir die Hand entgegen.

Ich stand wie versteinert da. Der junge Mann, keine zwanzig, war ein Stück kleiner als ich, trug kurze, rötliche Haare, volles Gesicht, eine Flaschenbodenbrille, hinter welcher ich seine Augen nicht sah, weil die Gläser von innen angelaufen waren, er schwitzte. Er trug ein Edelweisshemd, Hosenträger, darunter einen dicken Bauch. Und eine dunkelgrüne Bundfaltenhose, welche weit über dem Bauchnabel zugeknöpft war.

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Er streckte mir noch immer die Hand entgegen, ich grüsste ihn freundlich, sein Händedruck war so kraftlos wie der eines Greises.

Was während dieser Sekunden, welche mir wie Stunden vorkamen, geschah, werde ich nie vergessen und schiesst mir jedes Mal, wenn ich einen Wutbürger anzeige, in den Kopf:

Ich schämte mich, den jungen Toni angezeigt zu haben. Ich schämte mich in den Boden. Es tat mir so leid, wie er dastand, vom Staat bestellt, und nun vom Staatsanwalt im Vorraum abgeholt und vorgeführt. Schuld daran war, in diesem Moment und aus meiner Perspektive, allein ich.

Tonis Gefühl von Gemeinschaft

Nach dem Personalienabgleich und einem fünfminütigen Vortrag des Staatsanwaltes, warum er zur Vergleichsverhandlung eingeladen hat und was hier erlaubt, nicht erlaubt oder erwünscht ist, gab er Toni das Wort.

Toni erzählte, dass er es schwer im Leben hatte und noch immer hat (dies erzählen übrigens 90 Prozent der Beschuldigten, welche ich an den Verhandlungen treffe). Er sei in der Schule stets gemobbt und verdroschen worden, das glaubte ich ihm sofort, die Situation war so authentisch, gleichzeitig aber doch so surreal. Und unerträglich. Darum mein Mitleid. Sein Vater sei Präsident der SVP im Dorf, er kenne halt nichts anderes, als über die Linken zu schimpfen. Und da ja alle seine Facebookfreunde (er nannte sie bloss «Fründe») über mich geschimpft hätten, habe er das auch gemacht. Er fühlte sich dazu gedrängt, auf Facebook mitzumachen, es den anderen gleichzutun. Dies habe ihm ein Gefühl der Gemeinschaft gegeben. Ihm war nicht bewusst, dass er virtuell dasselbe Verhalten an den Tag legte wie seine Schulkameraden früher auf dem Schulweg. Als sie den kleinen Toni gemobbt und verdroschen haben.

Ich konnte ihm unmöglich böse sein.

Er wolle demnächst den Hof und die Schnapsbrennerei des Vaters übernehmen. Mit einem Strafregistereintrag könne er das nicht.

Toni weinte.

Er nickte, immer wieder. Am Schluss sogar ganz energisch

Der Staatsanwalt und ich schauten uns mit grossen Augen an, ich schnappte nach Luft. Nun hatte ich das Wort. Ich nutzte meine 5 Minuten, um Toni zu erklären, was eine Filterbubble auf Facebook ist und wie er sich aus dieser virtuellen Gefangenschaft befreien kann. Andere Seiten abonnieren, die rechtsextremen Hetzerseiten disliken, alle Eidgenossen-Gruppen verlassen. Noch nicht gerade den Counterspeech wagen, doch aber immerhin andere Meinungen akzeptieren und vor allem: nicht gleich ausrasten. Es war ein Kurzvortrag in Demokratieverständnis, Staatskunde und Toleranz. Er nickte, immer wieder. Am Schluss sogar ganz energisch.

Der Staatsanwalt meinte nun, dass wir zum Schluss der Verhandlung kommen müssten und ich nun zu entscheiden hätte, was weiter geschieht. Strafbefehl (keinen Hof und keine Schnapsbrennerei für Toni) oder eine andere Lösung. Normalerweise frage ich in diesem Moment zurück, mit welchen Kosten der Beschuldigte im Fall einer Verurteilung zu rechnen hätte. Diesen Betrag, im Durchschnitt sind es tausend Franken, soll der Beschuldigte jeweils wohltätig spenden, worauf ich den Strafantrag dann zurückziehe, er also keinen Strafregistereintrag bekommt.

Bei Toni war alles anders, das war von Anfang an klar.

Unsere Vergleichsvereinbarung könne aus dem Versprechen von Anstand und der Schenkung einer Flasche Selbstgebranntem bestehen, schlug ich vor. Toni strahlte und unterschrieb den Vertrag, ich den Rückzug.

Der Sünneliaufkleber auf dem Subaru

Wir verliessen die Staatsanwaltschaft, er war sichtlich erleichtert, hat aufgehört zu schwitzen. Wir gingen zum nahe gelegenen Parkplatz, wo Toni seinen alten Subaru parkiert hatte. Er öffnete den Kofferraum und griff nach einer Literflasche selbst gebranntem Williams. Er hätte immer ein paar Flaschen dabei, sagte er. In dem Moment, als er mir die Flasche in die Hand drückte, schaute er beschämt an die Fahrertür, sein Strahlen im Gesicht war weg. An der Tür haftete ein überdimensionierter SVP-Aufkleber. Er sagte nichts dazu, aber Toni wirkte in diesem Moment noch viel jünger, als er ohnehin schon war. Er war verlegen, schaute nun auf den Boden. Er verabschiedete sich.

Als ich heute auf Tonis Facebookprofil war, bemerkte ich, dass er nicht mehr in den rechten Hetzergruppen drin ist. In keiner einzigen. Dafür zeigt er nun seinen Subaru auf dem Titelbild. Der Sünneliaufkleber ist weg.

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10 Kommentare
  1. Milena Glatz, 28.12.2017, 14:40 Uhr

    Nennt man narzißtische Persönlichkeitsstörung

    Das Problem bei diesen pathologisch, besserwisserischen Personen ist leider nicht nur, daß sie gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, sondern daß völlig Einsichtslos und mithin Therapieresistent sind. Das Umfeld (und in diesem Fall hier die Öffentlichkeit) leidet immer mit.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Narzisstische_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

  2. Q W, 17.11.2017, 11:10 Uhr

    Huch, wieso verschwinden eigentlich Kommentare? IHam__deleted__033548 hiess der User, dessen Kommentar nun schon zum zweiten Mal gelöscht wurde.
    Ich bitte um ein Statement.

    1. Christian Hug, 04.01.2018, 15:30 Uhr

      Gemäss Netiquette werden Kommentare gelöscht, wenn sie beleidigeng, ehrverletzend etc sind. Hier nachzulesen: https://www.zentralplus.ch/de/news/info/12188/Netiquette.htm
      Wir versuchen die Diskussion soweit möglich laufen zu lassen, erwarten von unseren Nutzern aber auch Sachlichkeit und dass Sie mit Namen zu ihrem Gesagten stehen.

  3. Karin Müller, 12.11.2017, 12:40 Uhr

    Wenn Frau Spiess-Hegglin weiss, was „90% der Beschuldigten, die sie an den Verhandlungen trifft“ „erzählen“, so bedeutet das, dass sie schon an mindestens 10 solchen Verhandlungen war, möglicherweise auch an mehreren Dutzend, wasa die Statistik besser fundieren würde. Auch eine Möglichkeit, das Nach-Parlamentarier-Dasein zu gestalten. Schön übrigens, dass sie ihre 5 Minuten nutzt, um den Beschuldigten zu erklären, was sie tun müssen, um zur gleichen Ein- und Ansicht wie Frau Spiess-Hegglin selber zu gelangen. „Ich richtig, Du falsch.“ Das nennt sie dann „immerhin andere Meinungen akzeptieren“. Ist ja gut, Frau Spiess-Hegglin: Die ganze Schweiz glaubt in allen Dingen bekanntlich Ihre Version. Und jetzt nicht gleich ausrasten.

  4. Pit Winkler, 10.11.2017, 10:17 Uhr

    Ich freue mich für „Toni“, dass es für ihn nicht die befürchteten Konsequenzen hatte und dass er vielleicht etwas dazugelernt hat, was die Verahltensregeln im virtuellen Raum angeht. Es ist nur gut und recht, wenn sich Leute gegen den „Sittenverfall“ im Internet wehren. Ihr Bestreben in Ehren, Frau Spiess-Hegglin. Aber was genau wollen sie mit diesem Beitrag jetzt bezwecken? Sie machen sich unter dem Deckmantel von Bedauern und Mitleid über einen Menschen lustig, der es in seinem Leben ganz offensichtlich nie leicht hatte und dem es ebenso offensichtlich an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit mangelt. Sie lassen sich spürbar genüsslich über Äusserlichkeiten des Betroffenen aus, um ihn der Leserschaft als „kleines, armes Würstchen“ vorzuführen. Diese Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit nimmt in diesem respektlosen und herablassenden Beitrag geradezu ekelhafte Züge an. Das steht Ihnen wirklich nicht. Warum führen Sie Ihren berechtigten Kampf gegen Internethetze nicht mit etwas weniger Arroganz aus? Das wäre sicher zielführender.

  5. Viktor Rossi, 07.11.2017, 21:42 Uhr

    Frau Spiess-Hegglin, ich verstehe, dass Sie gegen verunglimpfende Kommentare vorgehen. Es ist richtig und wichtig, wie ich finde, dass gewisse Menschen verstehen lernen, dass das Internet keine rechtsfreie Zone ist.
    Warum schreiben Sie dann aber so respektlos über einen jungen Menschen in einem öffentlichen Blog, der scheinbar schon genug mit seinem Selbstvertrauen zu kämpfen hat. Er hat eine Dummheit begangen und hat die Konsequenzen gespürt. Da ist die Häme nicht mehr nötig, wie ich finde. Und eines noch nebenbei: Wen man mitleidig beschreibt, den repektiert man nicht als Menschen. Ich bin sicher, hinter dem kleinen, schwitzenden, rothaarigen Jungen mit Bauch steck mehr als nur ein Klischee.

  6. Christian Schmid, 07.11.2017, 18:51 Uhr

    @LCM Sehe ich auch so.
    Dieses penetrante erzieherische (Ich bin besser) Syndrom gibt Sie in allen Plattformen wieder und merkt nicht das immer mehr in die Lächerlichkeit abdriftet.

  7. Jolanda Spiess-Hegglin, 07.11.2017, 18:05 Uhr

    Ach Ruedi, hast du wieder Zuschriften zum Veröffentlichen bekommen? Schau, es ist so: dein Text enthält mehrfach Behauptungen, welche nicht stimmen. Du kannst mir folgen? Gut. Ich werde deine Texte (3 hab ich bis jetzt gesehen) Frau Benz, der Staatsanwältin weiterleiten. Sie wird die Texte in die Anklageschrift einbeziehen und dann schauen wir beide, wie das beim nahenden Gerichtstermin rauskommt 🙂 Und Ruedi. Versuche doch einfach, zwischendurch mal an die frische Luft zu gehen. Und noch was, Ruedi. Der, der dir diese Texte schreibt, der macht sich ebenfalls strafbar, denn der hat ein richterliches Kontaktverbot und darf sich nicht über mich äussern. Vielleicht versteht ihr beide irgendwann mal, dass diese Trollerei keinen Sinn ergibt.

  8. Hans Betschart, 07.11.2017, 17:09 Uhr

    Die „liebe und gute“ Frau Spiess, die Denunziantentum als neue Einkommensquelle entdeckt hat. Sie ist die gute Seele in unserer Gesellschaft, die uns vor Hetze und Beleidigungen schützt da sie selbst sich ja immer soo zurückhaltend gemässigt und politisch korrekt äussert.
    Oder? Was lesen wir gerade in diesem Blog…. Der Toni ist 20, knöpft seine Hose weit über dem Bauchnabel zu, er ist dick, hat rote Haare, schwitzt so stark, dass seine Flaschenbodenbrille beschlägt bis man seine Augen nicht mehr sieht, trägt Edelweisshemd mit Hosenträger, hat einen kraftlosen Händedruck wie ein Greis und fährt einen Subaru mit überdimensioniertem
    SVP-Aufkleber. Das alles ist aber natürlich nicht beleidigend, denn es kommt ja von der „guten“ Frau Spiess – der Rächerin der beleidigten linksgrünen Facebooker. Wäre ich der Toni, würde ich mir für diesen Hetzartikel eine Gegenanzeige überlegen!

  9. L L, 07.11.2017, 16:54 Uhr

    Ich distanziere mich aber von jeglichen Aussagen und Vorwürfe über die erwähnten Facebook-Gruppen, die Sie verkündet haben.