Macht unseren geliebten Fussball nicht kaputt
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Fussball Super League Spiel FC St. Gallen gegen FC Luzern vom 20.07.2019. Schiedsrichter Lionel Tschudi beim Video Assistant Referee (VAR). (Bild: Martin Meienberger)

Wie der Videobeweis den Spielfluss ruiniert Macht unseren geliebten Fussball nicht kaputt

5 min Lesezeit 1 Kommentar 26.07.2019, 14:15 Uhr

Der VAR wurde bereits in der 1. Super League Runde heiss diskutiert. Der Start war perfekt, im Spiel Sion gegen Basel wurde ein kapitaler Fehlpfiff korrigiert. Aber dann, ausgerechnet beim Spiel meines FC Luzern, gingen die Wogen hoch.

WM-Viertelfinal 1986, Diego Armando Maradona köpfelt sein Land Argentinien gegen England in der 51. Minute in Führung. Sofort reklamieren die Spieler Englands heftig, ein Handspiel soll es gewesen sein. Pustekuchen, sagte der Schiedsrichter und entschied auf Tor. Wahrscheinlich war dies eine der grössten Fehlentscheidungen in der Geschichte des Fussballs. Denn bereits in der ersten Zeitlupe sah die ganze Welt, dass Maradona das Tor mit seiner Hand Gottes erzielt hatte. Dies gab er nach dem Spiel ohne Reue offen zu. Die Fussballwelt war in Aufruhr, dieser Sport kann so schön, aber auch so gemein sein.

Die Zeit verging, doch an den Tatsachenentscheiden der Schiedsrichter im Fussball änderte sich nichts. Die FIFA mit ihrem langjährigen Schweizer Präsidenten Sepp Blatter wehrte sich konsequent gegen die Hilfe für den Schiedsrichter. Bis im Jahr 2010, als Blatter plötzlich seine Meinung änderte.

Rund 15 Jahre später keinen Schritt weiter

Vor allem die Torlinien-Technik stand im Fokus. Ob Blatter und die FIFA eine dunkle Vorahnung hatten? Wenige Monate später an der WM 2010 kam es prompt zu einem haarsträubenden Fehlentscheid, erneut wurde England benachteiligt. Frank Lampert erzielte im Achtelfinale gegen Deutschland in der 38. Minute den 2:2 Ausgleich, der Schiedsrichter gab den Treffer nicht.

Hier darf man dem Unparteiischen aber keinen Vorwurf machen, da man von menschlichem Auge nicht sah, dass der Ball klar hinter der Linie war. Wieder hätte jedoch eine einzige Wiederholung gereicht, um den Entscheid des Schiedsrichters zu korrigieren und ihn so zu schützen.

Von Holland über Deutschland an die WM nach Russland

Weitere zwei Jahre später war es dann endlich soweit. Nach einer vierjährigen Testphase führte der Niederländische Fussballverband den Videobeweis in Pokalspielen ein. Ein Jahr später setzten dann auch die Deutschen in ihrer Bundesliga auf den sogenannten Video Assistant Referee (VAR).

Was nun geschah, war jedoch alles andere als eine Erlösung für die Unparteiischen. Innert kürzester Zeit schafften es die Deutschen nämlich, den Fussball in seinen Grundmauern zu erschüttern. Gewisse VAR-Entscheide, welche seit der Einführung des Videoschiedsrichters in einem Keller in Köln gefällt werden, waren komplett falsch. Ich sass vor dem Fernseher und fragte mich ernsthaft, sind diese Leute blind oder betrunken?

Plötzlich wurden Tore aberkannt, weil nachträglich ein leichtes Stossen geahndet wurde, welches zwei Minuten vor dem Treffer im Mittelfeld passierte. Oder es gab Minuten später einen Penalty, als beide Mannschaften bereits in der Kabine waren. Plötzlich wurden Sachen geahndet, welche der VAR gar nicht korrigieren darf. Laut Regelwerk dürfen die Schiris nämlich nur krasse Fehlentscheide ändern. Tor oder kein Tor, Penalty oder nicht, eine mögliche rote Karte oder eine Spielerverwechslung.

Oh mein Gott dachte ich mir, wie wird das nur an der WM in Russland. Zum Glück wurde ich positiv überrascht, denn die FIFA setzte den VAR an der WM nämlich sehr dezent ein. Genauso habe ich mir das vorgestellt, als ich den Videobeweis jeweils im Gespräch mit Kollegen verteidigte.

Das grosse Desaster in Deutschland geht weiter

Nun freute ich mich auf die neue Bundesliga-Saison, wurde jedoch wieder bitter enttäuscht. Plötzlich wurden auch millimeterknappe Offside-Entscheide korrigiert, dies nach minutenlangen Analysen am Bildschirm. Die Spieler und Zuschauer im Stadion hatten keine Ahnung, was genau abgeht. Es wurden noch mehr Entscheide korrigiert, welche laut Regelwerk gar nicht hätten korrigiert werden dürfen. Mehrmals habe ich am Samstagabend die Sportschau auf ARD nicht fertiggeschaut, da mich dieser VAR in Deutschland mittlerweile total ankotzt.

Vom Befürworter bin ich zu einem Hardcore-Gegner verkommen. So macht es keinen Spass mehr! Hört sofort damit auf und bitte, macht unseren geliebten Fussball nicht kaputt. Ich bleibe dabei, was ich schon vor Jahren gesagt habe. Klare Fehlentscheide sollen korrigiert werden, aber sonst gar nichts. Knappe Abseitsentscheide gehörten zum Fussball, im Zweifel für den Angreifer.

Wir wollen Tore sehen und nicht einen VAR-Entscheid, welcher minutenspäter auf irgendeiner sogenannten kalibrierten Linie basiert.

Jetzt wollen es auch die Schweizer wissen

Am vergangenen Wochenende ging in der Schweiz die neue Super League Saison los – neu mit Videoschiedsrichter. Es handelt sich dabei um einen VAR-light, da in den Schweizer Stadien nur sechs Kameras zur Verfügung stehen. Zum Vergleich: In Deutschland sind pro Spiel rund 20 Kameras im Einsatz. Zu viele? Gut möglich, dass die Deutschen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Aber auch mit sechs Kameras wurde der VAR in der 1. Super League Runde bereits heiss diskutiert. Der Start war perfekt, Schiedsrichter Sandro Schärer konnte im Spiel Sion gegen Basel einen kapitalen Fehlpfiff korrigieren und hob die Penaltyentscheidung für Sion wieder auf. Sehr gut, dachte ich mir. Aber dann, ausgerechnet beim Spiel meines FC Luzern, gingen die Wogen hoch.

Der oft überforderte Schiri Lionel Tschudi pfiff Penalty für St. Gallen, Cirkovic hatte Bakyoko im Strafraum gefoult. Oder doch nicht? Tschudi sah sich die Szene nochmals an und entschied plötzlich auf Schwalbe und gelb für den St. Galler Stürmer. Mein blau-weisses Herz hüpfte und blutete zugleich.

Ungerechtfertigter Penaltypfiff

Klar war ich froh, dass es keinen Elfmeter gegen Luzern gab. Aber genau solche VAR-Entscheide will ich nicht, dieser Penaltypfiff war kein krasser Fehlentscheid. Klar berührt der FCL-Verteidiger den St. Galler Stürmer wohl nicht, genau sieht man dies jedoch in keiner Zeitlupe. Und wer so im eigenen Strafraum die Sense ausfährt, muss sich nicht wundern, wenn der Schiri pfeift. Die zweite Entscheidung von Tschudi, nachträglich Penalty für Luzern zu pfeifen, war aus meiner Sicht korrekt.

Trotzdem bleibt nach diesem Spiel ein fader Beigeschmack, denn der junge Schiedsrichter hat sich selbst ins Abseits gestellt. Sinn und Zweck vom VAR ist, die Schiedsrichter zu schützen und nicht zu verunsichern. Eingreifen soll der Videoschiedsrichter nur bei krassen Fehlentscheiden – aber bitte, bitte liebe Schiris nur dann, danke.

Hopp Lozärn

* Zur Person: Sämi Deubelbeiss kommentierte für Radio Pilatus in 16 Jahren rund 500 Spiele des FC Luzern. Seit April 2019 ist der 36-jährige Stadtluzerner als Mediensprecher bei vbl angestellt. Diesen Blog schreibt Sämi Deubelbeiss als Privatperson und Fan des FC Luzern.

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1 Kommentare
  1. Baumann René, 29.07.2019, 08:08 Uhr

    Toller Artikel. Ich kann alles zu 100 Prozent unterstützen. Die Deutschen haben den Sinn des VAR mit ihrer unsäglichen Gründlichkeit ad absurdum geführt. In der Schweiz bleibt eine Saison abzuwarten, bis eine erste Analyse Sinn macht.

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