Wie ich meinen Sohn zu heftig anfasste
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Kindern empathisches Denken vermitteln, damit sie harmonischer miteinander spielen. (Bild: pexels)

Drei Tipps für einen besseren Umgang mit Konflikten Wie ich meinen Sohn zu heftig anfasste

5 min Lesezeit 1 Kommentar 20.09.2020, 01:01 Uhr

Unser Elternblogger Maël Leuenberger ist unzufrieden über seinen Umgang mit Konflikten. Seinem Empfinden nach wird er oft unnötig laut oder gar handgreiflich. Als er in einem Ratgeberbuch schmökert, stösst er auf drei hilfreiche Tipps, die ihn begeistern.

Der Viereinhalbjährige hat Hunger.
Auf dem Tisch liegt eine frische Tomate aus dem Garten.
Ich bin am Kochen.
Er will in die Tomate beissen.
«Nein», sage ich, «ich brauche die zum Kochen, lass mir die.»
Er macht Anstalten, sie doch zu essen.
Ich werde lauter: «Nein!»

Er zögert.

«Du darfst mir helfen beim Kochen.»
Er will eine eigene Suppe machen, was leider für einmal nicht möglich ist, die Platten sind belegt. Zudem würde ich die Tomate wollen. Er wohl auch.
Spielen, sich hinlegen, Zuschauen oder Helfen – für ihn alles keine Optionen.

Da ist diese Tomate.

Er nimmt sie in die Hand.
«Du darfst sie schon halten, aber gib sie mir bitte, ich brauche sie gleich.»
Er schaut mich an, führt die Tomate zum Mund.
«Nein, bitte. Mach mich nicht noch wütender, ich will jetzt kochen.»
Er beisst in die Tomate.
Ich packe ihn, die Tomate fliegt, ich stelle ihn aus der Küche. «Raus! Gehts noch? Fertig jetzt!»

Ich habe ihn ziemlich heftig gepackt und auch relativ unsanft aus der Küche befördert.
Er weint, rennt in sein Zimmer und versteckt sich unter der Decke. Die Mama spricht mit ihm.

Er solle sich entschuldigen.

Mann, und ich habe ein schlechtes Gewissen in der Küche. So heftig zupacken hab ich doch nicht wollen. Der Kleine hat einfach Hunger und ich bin spät dran und müde und überhaupt.

«Nein, ich entschuldige mich sicher nicht bei Papa, sicher nicht», schluchzt er unter seiner Decke. Nur zum Rausschreien und Luftholen deckt er sich kurz ab.

Irgendwann gibt er nach und rennt zu mir in die Küche, ruft ein «Entschuldigung!» und verschwindet wieder im Zimmer.

Immer wieder: er Hunger, ich müde, Eskalation

Ich gehe ihm nach. Entschuldige mich für meine Reaktion, für mein heftiges Zupacken, das habe ich nicht gewollt und verstünde, dass er sich dann ungern entschuldigen komme. Er nickt und sagt, er habe es nicht gerne, wenn ich ihn packe. Er fordert eine Umarmung.

Okay, das Debriefing ist ganz in Ordnung. Aber gopf, in letzter Zeit geraten wir immer öfters aneinander. Und er verträgt so gar nichts. Frustrationstoleranz gleich null, seine zweijährige Schwester ärgert ihn oft, er gibt heftig zurück.

Was tun? Wir wollen doch achtsam mit den Kindern kommunizieren. Klare Grenzen aufzeigen, Haltung vorleben und teilhaben lassen, gehört da dazu. Direktive Anweisungen aber kaum und Gewalt schon gar nicht. Und ich war gewaltsam.

Drei Tipps und alles ist leichter

Abends lese ich mich darum wieder mal in unsere Erziehungsbücher ein. Meine Frau und ich diskutieren.

Drei Tipps streiche ich mir an (aus dem Buch «Achtsame Kommunikation mit Kindern».

  • Durch kreative Fragen das empathische Denken anregen, das Kind zum Nachdenken anregen, einladen, zu planen und sich zu entscheiden, statt einfach reagieren zu lassen: «Wofür denkst du will deine Schwester nun genau dieses Spielzeug?» (und nicht: «Gib das Spielzeug zurück» oder «Deine Schwester ist jetzt dran» oder «Schau, jetzt ist sie traurig»).

    Gleich am nächsten Tag: Er nimmt der Schwester das Spielzeug weg und provoziert sie, will es ihr partout nicht zurückgeben. Ich denke, das ist ja nun die Chance und komme mir eigentlich doof vor, diese «Was-denkst-du-Frage» zu stellen. Ich stelle sie. Er wechselt die Emotionalität auf der Stelle, schaut mich an und meint: «Ich weiss es nicht», gibt ihr aber den Spielhund sofort zurück und sagt: «Kannst ihn ja füttern.»

    Was sie dann auch tut. Hoppla, dieses Lehrstück imponiert mir. Und die Frage funktioniert wiederholt. Ich bin beeindruckt.
  • Der nächste Tipp ist das Spiel «was würdest du tun, wenn …». Er liebt «ich sehe was, was du nicht siehst». Dieses Spiel ist ähnlich. Es soll in einem ruhigen Moment gespielt werden und das Kind lernt zu entscheiden bei hypothetischen Dilemmas.

    Starten kann man einfach, beispielsweise «Was würdest du tun, wenn Mama morgen Geburtstag hätte?» oder dann «Was würdest du tun, wenn du und deine Schwester dasselbe Spielzeug wollen?», «Was würdest du tun, wenn du ein fremdes Spielzeug findest?». Er mag das Spiel und schlägt es nun sogar von sich aus vor, wenn er in Laune ist. Super Sache.
  • Der dritte Tipp, den ich mir anstreiche: Mach mit den Kindern eine
    Gedankenreise (Auf den Rücken liegen, fiktiv an Orte reisen und Dinge erleben, über fiktive Unterlagen gehen, Begegnungen erleben et cetera). Es ist eine meditative Übung, das Kind soll sich selber spüren, seinen Körper wahrnehmen und lernen, wie es seine Gedanken fokussieren kann und wie es lernen kann, seinen emotionalen Zustand zu verändern.

    Wir machen die Übung zu dritt. Entweder Mutter oder Vater erzählen, der andere Elternteil legt sich mit ihm auf den Boden und schliesst die Augen. Er macht mit und schliesst gespannt seine Augen.

Er liebt die Gedankenreise. Lacht, beruhigt sich sichtlich und öffnet am Schluss voller Begeisterung die Augen.

Okay, fast alles

Die Spiele und Übungen wirken. Hätte ich doch öfter die Zeit und Musse, die einzelnen Situationen zu reflektieren, den Umgang zu justieren. Es lohnt sich unglaublich. Ich bleibe dran. Aber natürlich auch wahr: Während ich den Blog schreibe, piesacken sich die beiden Geschwister bereits wieder gegenseitig, sie weint schon wieder.

Heute war sowieso ein äusserst anstrengender Tag. Mühsam. Vielleicht halt einfach passieren lassen und aushalten. Ist ja wohl trotz allem einfach das Alter. Das Trotzen und Wüten gehört hier eben dazu. Jäno. Ich liebe ihn äinewäg. Aber es ist so viel weniger energieraubend, wenn ich mir Zeit nehmen kann, er dann zu sich findet. Sich das Ganze ruhig besprechen lässt. Das ist mir eigentlich so wichtig und kommt im Alltag leider oft zu kurz.

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1 Kommentare
  1. Edith Meier, 20.09.2020, 18:08 Uhr

    Schöner Artikel. Und schön, haben sich die Kinder wieder gestritten.
    Sehr normal. Normal im Sinne von alltäglich und wünschenswert. Ab und zu mal unsanft (je nach dem wie der Begriff definiert wird) sein ist auch sehr normal. Ebenfalls wünschenswert. Sie sind ja der Vater und nicht der Sozialpädagoge des Kleinen. Und auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen haben. Das ist weder gut für Sie noch für das Kind. Er hat Ihre Grenze überschritten und dann passierte was. Genau. So ist das. Keine Ahnung was Sie mit der Tomate dann machten. Ich hoffe eine feine Pastasauce. Doch auf jeden Fall wieder gemittet. Im Wissen darum: Alles gut. Wir können weitermachen und geniessen und fallen nicht gleich alle drei ins Drama.

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