Lasst uns die Phänomene retten So geht Kinderförderung im Alltag

25.07.2021, 11:01 Uhr 5 min Lesezeit 1 Kommentar
Ein Ausflug in den Wald ist für Kinder wertvoller als ein vollgepacktes Tagesprogramm.
  • Blog
  • Eltern-Blog
Ein Ausflug in den Wald ist für Kinder wertvoller als ein vollgepacktes Tagesprogramm. (Bild: pexels)

Heutzutage ist in kurzer Zeit sehr vieles möglich. Sämtliches Wissen steht uns binnen Sekunden zur Verfügung. Wir können uns Orte ansehen, an denen wir zuvor niemals waren, Routen berechnen und Reisen planen. Wir können mit Menschen in Kontakt treten, die sich 10 Flugstunden weit weg befinden. Per Mausklick um die Welt. Ein Segen, wirklich! Aber Kinder brauchen auch Erfahrungen in der echten Welt.

Ich würde schlicht behaupten, die Digitalisierung könne auch zum Fluch werden. Besonders für unsere Kinder. Natürlich, Medienerziehung gehört dieser Tage zum Alltag dazu. Denn selbstredend interessieren sich Kinder für elektronische Geräte und für die Möglichkeiten des Internets und wir wollen ihnen die nötigen Skills mitgeben, sich online orientieren zu können. Aber ein Bildschirm kann nicht ihre Primärerfahrungen ersetzen.

Konsumation statt Aktivität

An diesem Punkt stossen wir vielleicht auf das Credo «kein Bildschirm unter vier Jahren», zu welchem Medienexperten raten. Bildschirme machen träge und verleiten uns dazu, selbst untätig zu sein. Am Bildschirm konsumiert man in aller Regel. Für Kinder im Grunde fatal und hier möchte ich an das Referat eines Gehirnforschers anknüpfen, welches ich vor einer Weile im Rahmen eines Bildungstages besuchen durfte.

Im weitesten Sinne ging es um die frühkindliche Entwicklung und der elterlichen Förderung ebendieser. Die allerbeste Förderung für Kleinkinder seien die Alltagsszenarien. Wer für deren Bewältigung in kindlicher Manier den Raum und vor allem die Zeit schafft, ist fördertechnisch gut bedient. Wer hingegen von Schwimmkurs über Frühyoga bis hin zu Kindergartenchinesisch rennt und dabei versucht, dem Kind die Welt via Tablet näherzubringen, betreibt eher Stress denn Förderung. Aber all das ist vermutlich nicht neu. Wirklich durchdrungen hat mich aber nachfolgender Ausspruch des Gehirnforschers:

Rettet die Phänomene!

Am Beispiel des Waldes hat der Referent aufgezeigt, wie wichtig das Erlebnis des Phänomens der Naturszenerie im Grunde ist. Man könnte dem Kind natürlich per Mausklick einige Bilder einer Fichte zeigen und dann weiss es, wie eine Fichte aussieht. Besucht man mit ihm hingegen den Wald und zeigt ihm eine richtige Fichte, dann sieht es diese in natura. Es kann sie anfassen, spürt ihre raue Rinde, die Nadeln. Es atmet ihren Duft ein, bestenfalls nimmt es ihre beruhigende Wirkung wahr.

Vielleicht gibt es abgebrochene Äste auf dem Boden, mit denen es eine Hütte bauen kann. Vielleicht weiss das Kind sogar schon mit einem Sackmesser umzugehen und kann das Gehölz schnitzen. Es kann künstlerisch tätig sein, bauen, kämpfen, erforschen. Die Walderfahrung ist sehr sinnentsprechend und individuell erlebbar. Jedes Kind nimmt sich das heraus, was es für seine nächsten Lernschritte braucht. Und vor allen Dingen: das Kind ist tätig. Mit den Händen aktiv zu sein, trägt wesentlich zum Lernerfolg bei. Montessoris Ausspruch «Hilf mir, es selbst zu tun» geniesst nicht umsonst grosse Gültigkeit in der Reformpädagogik.

Ausserdem – und dieser Umstand ist unter anderem von Neurobiologe Gerald Hüther erforscht – geht Lernen dann am besten vonstatten, wenn es unter die Haut geht. Und das Waldszenario, sind wir ehrlich, geht unter die Haut. Wer erinnert sich nicht an einen Waldtag aus der eigenen Kindheit, an den Duft des Feuers, an den Geschmack des gegrillten Stockbrots, an die unzähligen Stolperwurzeln, die einem beim Verstecken spielen mit den alten Tanten zum Verhängnis wurden. Ein unheimlicher Schatz, den uns kein Bildschirm je hätte bieten können.

Spielen und schlafen

Die Bedeutsamkeit von genügend Schlaf in Bezug auf nachhaltiges Lernen war mir in seiner Dringlichkeit bis anhin nicht bewusst. Aber offenbar werden die neu angelegten Lernstrukturen, auch als Synapsen bekannt, erst im Schlaf vollkommen. Schlafentzug hingegen hemmt das Lernen. Eine ausreichende Nachtruhe ist also ein Muss. Für mich als Mutter eines 16-jährigen, der abends kaum noch ins Bett will, eine wichtige Erkenntnis.

Hier müssen klare Regeln her, geregelte Schlafenszeiten und Handyabgabe sind Pflicht. Obwohl ich eigentlich das Kind nicht ins Bett zwingen möchte und viel eher für eine Schulreform wäre, die unter anderem besagen würde, dass Teenies erst um 9 Uhr morgens Unterricht hätten. Es entspräche so wohl viel eher ihrem natürlichen Rhythmus. Dies aber wieder als Thema für sich.

Die Zusammenschau der bedeutsamsten Inhalte

Es ist nicht viel wahnsinnig Neues, nichts Bahnbrechendes. Aber man tut, glaub ich, gut daran, sich als Eltern immer mal wieder ins Bewusstsein zu rufen, wie man mit seinen Kindern unterwegs sein möchte. Gerade dann, wenn ich mich selbst mal wieder stresse und dabei bin, unseren Kalender mit allerhand wahnsinnig tollen Aktivitäten vollzupflastern, mit dem Gedanken, meinen Kindern «etwas bieten» zu wollen. Gerade dann tut es mir sehr gut, daran zu denken, dass uns ein schlichter Waldtag so viel mehr schenkt als das gröbste Kinderprogramm.

Daher abschliessend noch einmal für mich und für euch eine kurze Zusammenschau, worauf es beim Fördern der Kinder wirklich ankommt.

  • Rettet die Phänomene: Dinge für Kinder ganzheitlich erfahrbar machen.
  • Der Alltag bietet eine Vielzahl an natürlichen Fördermöglichkeiten: Bilderbücher, Verse, Lieder, Hausarbeit, Garten, spielen, selber tun eben. Wir können also ganz entspannt mit unseren Kindern den Alltag machen und betreiben dabei Förderung vom allerfeinsten.
  • Ein Bildschirm ohne alternierendes Szenario ist für das kindliche Lernen sinnfrei.
  • Die Tätigkeit ist das A und O. Ein Kind konstruiert per se viel lieber als dass es konsumiert.
  • Nachhaltiges Lernen hängt auch von ausreichend Schlaf ab. «Schlaf ist wahrscheinlich die beste Form von Neurodoping überhaupt.» (Ein Zitat von Hans Rudolf Olpe)

Du bist noch kein Möglichmacher? Als Möglichmacherin kannst Du zentralplus unterstützen. Mehr erfahren.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

1 Kommentare
  1. John, 27.07.2021, 00:29 Uhr

    Schön dass Gerald Hüther als Experte die Thesen des Artikels stützen darf. Noch schöner wäre, wenn sich die News-Redaktion mal erkundigen würde, was er über die Corona-Berichterstattung, auch von Zentralplus, zu sagen hat und darüber, was man damit einer ganzen Kindergeneration antut.

    0 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter

Mach jetzt zentralplus möglich

Unterstütze mit einem freiwilligen Abo

Schon über 380 Personen stehen ein für Medienvielfalt in der Zentralschweiz. Denn guter Lokaljournalismus kostet Geld. Mit deinem freiwilligen Abo machst du zentralplus möglich. Wir sagen danke. Hier mehr erfahren

×
×
jährlich monatlich
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
CHF60.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
CHF180.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
CHF360.00 / Jahr
zentralplus unterstützen