Sorglos war gestern… Vorgestern
Nach der Pandemie: Fasnacht und Krieg

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Als Familie an einer Friedenskundgebung in Luzern. (Bild: nst)

Unsere Elternbloggerin Nadja Stadelmann Limacher hat beides nicht kommen sehen: die Luzerner Fasnacht 2022 wie auch den Krieg in der Ukraine. Beides traf sie mit voller Wucht und überforderte sie zunehmend.

Es ist Schmutziger Donnerstag, 6 Uhr. Ich erwache mit einem Knall. Obwohl scheinbar niemand im Ernst geprobt und noch mit einer Strassenfasnacht gerechnet hat, kesselt die Guggenmusik vom Dorf ums Quartier. Schlaftrunken tapse ich nach unten und schalte das Smartphone ein. Scrolle mich durch Nachrichten. Putin hat letzte Nacht angegriffen. Zeitgleich mit dem Urknall, der bei uns Schönes und Buntes bringen wird, knallt es in der Ukraine und Menschen müssen um ihr Leben fürchten. Welch Ironie. Welch traurig-strube Wahrheit. Ein bedrückendes Unbehagen macht sich in meiner Brust breit.

Die Fröleins und ich verkleiden uns. Tragen Schminke in unserem Gesicht auf, meinetwegen auch an den Ohrläppchen. Ist ja schliesslich Fasnacht. Und auf diese haben wir zwei Jahre gewartet. Beim grossen Umzug in Luzern muss ich beim Anblick eines Wagens schlucken, der doch einem Panzer sehr ähnlich ist. Auch die Wagenmenschen tragen kriegsähnliche Helme und Tarnanzüge. «Ich muss meinen Kindern vom Krieg erzählen. Einem Krieg, der nicht mal zwei Flugstunden entfernt grade stattfindet. In Europa, unserer scheinbar heilen Welt!» schiesst es mir durch den Kopf.

Mit Kindern über den Krieg reden

Zurück zu Hause, noch mit Konfetti im Haar und Berliner an der Mundecke, reden wir vom Krieg. Von Putin. Die Fröleins reagieren betroffen. «Warum gibt es Krieg?» «Kann es sein, dass Menschen sterben, die gar nichts damit zu tun haben?» «Warum werden Familien auseinandergerissen?» All diese Fragen stellen sie sich und wir Eltern finden kaum Worte dafür. Worte für so was Schlimmes. Scheinbar Undenkbares. Und dennoch ist es uns wichtig, altersgerecht zu erklären. Auch unser Unverständnis und unsere Betroffenheit zuzulassen.

Da wir nicht wirklich mit dieser Fasnacht gerechnet haben, habe ich ein paar Tage Tessin gebucht. Der Zug fährt morgen früh. Aus diesem Grund packen die Fröleins und ich unsere Koffer. Wohl bedacht bei jedem Stück und mit viel Zeit. Die Menschen in der Ukraine haben kaum Zeit und können nur das Allerwichtigste mitnehmen. Unendlich vieles lassen sie zurück. Nicht ahnend, ob sie die Dinge jemals wieder haben werden. Väter sagen ihren Kindern tschüss, nicht wissend, ob sie sich jemals wiedersehen werden.

Trotzdem Schönes zulassen

Sorglos war gestern, vorgestern … Ach ja, da war ja noch Corona vorherrschendes Thema. Wir kommen aus einer zweijährigen Pandemie hin zu Krieg in Europa. Alles fühlt sich für mich gerade an, wie in Watte oder einer riesigen grauen Wolke. Und irgendwie muss er weitergehen, der Alltag. Die Schulferien so gut es geht genossen werden, sich über kleine Dinge freuen. Wie die erste Glace draussen. Ich versuche, den Kindern so gut es geht, eine präsente Mama zu sein. Auf ihre Fragen zum Krieg einzugehen. Ihrem Alter angepasst und ehrlich. Nicht abschliessend, nicht vollständig und auch mal sagen, dass ich es nicht weiss, dass ich selbst kaum eine Erklärung habe für so viel Unmenschliches. Dass ich dem Frieden mehr Aufmerksamkeit schenken will als dem Krieg.

Bewusst informiere ich mich im Stillen, am frühen Morgen, wenn die Kinder noch schlafen und am Abend. Und versuche dann das Smartphone wegzulegen und meine Aufmerksamkeit bewusst auf Schönes zu lenken. Die warme und milde Luft im Tessin tut uns gerade so gut. Sie legt sich wie eine kuschelweiche Decke auf unsere Herzen.

Die Kinder malen Friedenssymbole auf die Strasse.
Die Kinder malen Friedenssymbole auf die Strasse.

Fast nichts tun können

Machtlos, planlos und hilflos. Die Nachrichten liegen tonnenschwer in meinem Kopf, in meiner Seele. Wir können kaum was tun, ausser spenden. Um uns etwas weniger ohnmächtig zu fühlen, malen wir Friedenssymbole vor unser Haus auf die Strasse. Die Fröleins können gar nicht mehr aufhören, malen weiter bis weit vors Gartentörli hinaus. Auch nehmen wir bewusst als Familie an einer Friedenskundgebung in Luzern teil. Bringen Kerzen mit, um etwas Licht in diese dunkle und schwere Welt zu bringen.

Das Zusammensein tut uns gut. Zu sehen, dass wir nicht alleine sind mit unseren Gedanken, unseren Fragen und unseren Unsicherheiten. Ich habe Tränen in den Augen, wenn ich Menschen aus der Ukraine und auch aus Russland zuhöre. Aber auch Tränen der Dankbarkeit für Frieden und so unglaublich viel Solidarität von allen Seiten.

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1 Kommentare
  1. Alain, 14.03.2022, 07:46 Uhr

    “Kommen aus einer Pandemie” -, Fallzahlen und Spitalisierungen schellen aber derzeit in die Höhe?

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