Mein Vater ist gestorben
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Ein langes Leben geht zu Ende. (Bild: unsplash)

Corona verunmöglicht angemessene Trauerfeier Mein Vater ist gestorben

5 min Lesezeit 9 Kommentare 12.04.2020, 10:50 Uhr

Es ist Coronazeit und wir alle lesen, hören, schreiben und unterhalten uns dieser Tage vor allem über dieses kleine Virus. Auch ich hätte viel aus dem Corona-Nähkästchen zu plaudern und wüsste Familiengeschichten für zwei oder drei Blogbeiträge. Aber: Mein Vater ist gestorben. Und meine Welt steht gerade zweimal still. Auch, weil wir seinem Wunsch für die Trauerfeier nicht nachkommen konnten.

Wir alle haben Eltern oder hatten zumindest mal welche. Ich hatte bis vor kurzem auch noch welche. Und nun habe ich keinen Vater mehr. Ich war mir nicht bewusst, dass er tatsächlich plötzlich einfach sterben würde. Er war gesund.

Es mag vielleicht blöd klingen, aber ich habe nicht erwartet, dass sein Herz einfach so seinen Dienst einstellen würde. Es war ein Herzinfarkt. Er ist zugefahren, hat den Motor abgestellt und wollte aussteigen. Ist dann aber gestürzt. Wie lange er dalag, wissen wir nicht so genau.

Den Kampf verloren

Einige Minuten. Als der Nachbar ihn so vorfand, atmete er bereits nicht mehr. Auch sein Herz schlug nicht mehr. Der werte ältere Mann alarmierte die Ambulanz und begann mit der Wiederbelebung.

Als die Rettungsleute eintrafen, übernahmen sie und reanimierten ihn weitere 20 Minuten. Sein Herz begann wieder zu schlagen.

«All we need ist love»

Im Kantonsspital wurde er am Herzen operiert und kam auf die Intensivstation. Selbstredend war sein Zustand äusserst kritisch, dennoch durften wir zu ihm. Zumal das alles noch knapp vor den Corona-Massnahmen war.

Seine Frau und seine drei Töchter. Es hat uns sehr erschüttert. Ich habe mit ihm gesprochen, seine Hand gehalten, ihm vorgesungen und ihm sein Lieblingslied «All we need is love» von den Beatles abgespielt. Zu Lebzeiten habe ich ihn deswegen ausgelacht, habe gewitzelt, dieses Lied würde doch gar nicht zu ihm passen.

Weil er ein Typ der harten Sorte war. Und auf seinem Sterbebett habe ich gemerkt, dass dieses Lied einfach perfekt zu ihm passt.

Wie wichtig jemand ist, merkt man erst wenn er fehlt

Selbstverständlich weiss ich um die Endlichkeit allen Lebens und dennoch habe ich mich irgendwie in einer selbstgefälligen, verqueren Form der Selbstverständlichkeit eingerichtet. Das Leben meiner Angehörigen als gewiss erachtet. Ein kapitaler Fehler.

Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich sie mehr ihm widmen. Und ihn viele Sachen fragen. Ihm mehr erzählen. Und: Ich würde mich mehr kümmern. Vor allem in den letzten Jahren.

Habe ich leider nicht getan, weil ich selbst immer irgendwas vermeintlich Wichtiges zu tun hatte. Oder weil ich schlicht nicht an ihn gedacht habe. Oder weil ich ihm etwas nachgetragen habe.

Letzten Endes gilt: Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe. Ich wollte offenbar nicht mehr Zeit mit ihm verbringen. Das tut mir jetzt sehr leid und damit muss ich nun leider leben.

Trauerarbeit durch Corona massiv erschwert

Wenn jemand stirbt, dann ist es normalerweise so, dass der Hinterbliebenenalltag ansonsten seinen gewohnten Lauf nimmt. Der Familien- und Freundeskreis des Verstorbenen kann sich also seiner täglichen Arbeit widmen und sich ablenken.

Dennoch ist der Tod des geliebten Menschen in der Trauerzeit ein grosses Thema. Man tauscht sich viel aus, spricht über den Verlust, ist sich nahe. Coronaseidank geht das jetzt nicht.

Durch Virus-Hürden emotionalisiert

Als mein Vater starb, hielt Europa den Atem an. Klar, das muss man erst einmal schaffen. Und mein Papa hatte schon immer ein Faible für Timing. Unsere Welt blieb also stehen: Zuerst mit seinem Hinschied und drei Tage später mit dem Lockdown. Von der geliebten Gewohnheit blieb mir wenig.

Ich musste all meine Ressourcen für die Neuorganisation unseres Alltages einsetzen: Homeschooling unserer drei Zwerge, Homeoffice meines Mannes und der Fernunterricht meiner Schüler. Die sozialen Kontakte und die menschliche Nähe bleiben bisweilen weitestgehend aus, zumindest diejenige zu Menschen, die nicht denselben Nachnamen tragen wie ich.

Wünsche des Verstorbenen bleiben unerfüllt

Überdies blieb uns vieles bisher untersagt: Beispielsweise eine ehrwürdige Trauerfeier auszurichten. Und dies, obwohl er mir vor zwei Jahren genau erklärt hat, wie wir seine Beerdigung zu gestalten haben. Denn auch das war typisch Papa:

Er hat alles bis aufs kleinste Detail geplant, selbst sein Begräbnis. Diesem seinem letzten Wunsch nun nicht entsprechen zu können, brach mir das Herz in Millionen Stücke und ich bin wacker damit beschäftigt, keines davon auf den Strassen von Luzern zu verlieren.

Wir würden natürlich auch gern seine Sachen irgendwie aufräumen, ordnen, verteilen, was auch immer. Auch das geht momentan schlicht nicht. Ausserdem nimmt Corona so viel Raum eines jeden Gespräches ein, dass der Tod meines Vaters irgendwie nicht die Aufmerksamkeit geniesst, die ihm gebühren würde.

Es fühlt sich an, als würde dieses verfluchte Virus selbst meinen Trauerprozess lahmlegen. Dieses kleine Drecksvirus. Ich bin langsam sowas von coronasatt.

Unterwegs…

Dennoch bleibt mir über all dem Irrsinn vor allem ein Gefühl: Dankbarkeit. Dafür, dass meine Kinder jeden Morgen ihre Augen öffnen und gesund erwachen. Dafür, dass sie sich so spielend in dieser grotesken Situation einrichten und mir damit peu a peu ein wenig Normalität zurückbringen.

Dafür, dass wir ein Dach über dem Kopf und alles haben, was wir brauchen. Dafür, dass wir einander haben und glücklich sind zusammen.
Und letzten Endes dafür, dass ich meinem Vater immerhin Adieu sagen konnte.

Dass sein starkes Herz nochmals zurückgekommen ist, um seine Töchter zu verabschieden. Und hoffentlich all unsere Liebe mitnehmen konnte, auf seine letzte lange Reise. Adieu Papa.

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9 Kommentare
  1. Sabrina Bolliger, 06.06.2020, 21:10 Uhr

    Liebe Frau Forrer

    Als ich ihre Geschichte gelesen habe,blieb ein moment lang mein Atem stehen,da sich in Ihren Worte meine eigene Sterbegeschichte mit meinem geliebten Vater wiederholte.
    Mein Vater ist so vor einem Monat verschieden.Zurück blieben Tränen und eine unfüllbare Lücke.
    Ich kann Ihnen so gut nachfühlen.
    Uns und meines Vaters Wünschen hingegen,kamen die Coronamassnahmen allerdings entgegen.
    Ich wünsche Ihnen Erinnerungen,die sie durch diese schwere Zeit tragen.
    Sabrina B.

  2. Vesna, 14.04.2020, 11:48 Uhr

    Liebe Frau Forrer
    Mein herzliches Beileid. Als ich ihre Geschichte las fand ich mich in ihr…mein Papa ist vor 2 Monaten verstorben und ich verstehe voll und ganz wie es ihnen zur Zeit geht. Auch sage ich mir das diese Corona Zeit für uns eine Chance sein könnte…bin überzeugt dass die meisten den „normalen“ Alltag wieder sehr schätzen werden. Ich wünsche Ihnen viel Kraft in dieser intensiven Zeit. Danke für ihre berührende Geschichte die mir in meiner Trauerzeit auch sehr hilft. Alles Gute und in Liebe Vesna

    1. Sabrina Forrer, 14.04.2020, 21:32 Uhr

      Liebe Vesna

      Vielen Dank für Ihr berührendes feedback. Auch ich spreche Ihnen hiermit mein herzliches Beileid zum Verlust Ihres Vaters aus.
      Wir haben nun vielleicht einen Schutzengel.
      Herzlich Sabrina

  3. Gander Maya, 13.04.2020, 10:28 Uhr

    Hallo Frau Forrer

    Ja einen geliebten Menschen zu verlieren ist sehr schmerzschaft.
    Mit dem Tod eines Elternteils, stirbt auch ein Teil von uns. ( meine Erfahrung )
    Jedoch im Herzen leben sie mit uns weiter.
    Ich habe nach dem Tod meines Vaters 3 Jahre später auch noch meinen Ehemann ( an den Folgen eines Medizinischen Unfalls verloren )
    Zum Glück hatte ich damals, vor 17 Jahren gute Einfälle, z. B. Wusste ich dass wir in der Schweiz keine Bestattungspflicht hatten, also ich jede Zeit der Welt hatte mir zu überlegen wo und wie ich es, er es haben wollte. Dies hat mir sehr geholfen. Habe meinen Mann erst ca. 1 Jahr später beigesetzt. Für mich war es wichtig die Urne noch bei mir zu haben.
    Also bitte nicht sich von all den Normen und Geboten einschüchtern lassen, es ist mehr möglich als man denkt.
    Was für mich auch sehr wichtig war, sind Ritualle, es gibt so viele und helfen sehr zu verarbeiten. Es braucht Zeit, darum das sogenannte Trauerjahr. Bitte nehmen Sie sich die Zeit und sprechen Sie über Ihre Gefühle, den Verlust überall, egal ob es jemand hören will. Es geht jetzt um Sie, um Ihre Trauerarbeit.
    Und noch etwas; jeder trauert anders, eine Ehefrau um ihren Mann, die Kinder um ihren Vater, die Enkel um ihren Grossvater. Ganz wichtig.
    Ich wünsche Ihnen Menschen in Ihrem Umfeld die Sie unterstützen und Ihnen die Zeit geben zum trauern.
    Alles Gute.

    1. Sabrina Forrer, 14.04.2020, 21:34 Uhr

      liebe frau gander

      sie haben wirklich eine schlimme geschichte erlebt, das tut mir sehr leid. aber zum glück haben sie so gute wege gefunden, mit der trauer umzugehen. auch wir werden noch eine ehrwürdige gedenkfeier für meinen vater und uns alle ausrichten.
      liebe grüsse

  4. Daniela Bucher, 12.04.2020, 22:35 Uhr

    Eine sehr persönliche Geschichte, die mir nahe geht, ohne die Tochter oder den Vater gekannt zu haben. Eindrücklich und danke dafür!

    1. Sabrina Forrer, 14.04.2020, 21:36 Uhr

      ich danke ihnen herzlich! es ist schön zu lesen, dass diese geschichte einige herzen berühren konnte. ein schönes geburtstagsgeschenk für meinen vater, der am ostersonntag sein 74.wiegenfest gefeiert hätte.

  5. weissblau1910, 12.04.2020, 15:56 Uhr

    Mein herzliches Beileid Frau Forrer. Ihre ehrlichen Zeilen berühren und bringen hoffentlich alle Leser/innen dazu einen Moment inne zu halten und zu überlegen, was wirklich wichtig im Leben ist. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie viel Kraft. Der wichtigste Schritt der Trauerbewältigung war in meinem Fall, Dankbarkeit und den haben Sie mit diesem sehr persönlichen Blog bereits zum Ausdruck gebracht bzw. gemacht.

    1. Sabrina Forrer, 12.04.2020, 21:42 Uhr

      Vielen Dank für Ihre lieben Worte und Ihre Anteilnahme. Das bedeutet mir viel.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.