Märchen entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist
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Bilderbuch-Empfehlungen von Elternbloggerin Nadja Stadelmann Limacher. (Bild: nst)

6 Bilderbücher ohne Rollenklischees und Stereotypen Märchen entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist

6 min Lesezeit 18.10.2020, 11:02 Uhr

Hundert Jahre zu schlafen und dennoch keinen Tag älter auszusehen – das passiert auch nur im Märchen oder in Träumen von übernächtigten Müttern. Was wir aus Bilderbüchern lernen – oder eher nicht, schreibt Nadja Stadelmann Limacher in ihrem Blogpost. Sie zeigt ausserdem Empfehlungen für Alternativen auf.

Welche Bilderbücher liegen bei euch so rum? Bei uns ist ein Querschnitt von ganz alten aus Mamas Kindertagen und aktuellen Büchern. Gerade die alten sind zum Teil verstörend und auch nicht mehr angebracht, vor allem was die Wortwahl betrifft. Warum ist die Stiefmutter immer so eine böse Frau? Der Wolf frisst wahllos Geissen, Kinder und zur Not auch eine zähe Grossmutter auf. Und diese kommen nicht mal zerstückelt wieder raus.

Wenn Eltern gerade in Geldnot geraten, setzen sie ihre Kinder doch nicht einfach im Wald aus und den Prinz in Strumpfhose gibt es wohl auch nicht mehr. Das Mädchen ist mit wenigen Ausnahmen von Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter zart, schwach und ängstlich. Der Junge ist stark und weint ganz sicher nie. Auch von einem achtsamen Umgang im Thema Rassismus und Interkulturalität ist man weit entfernt. Ja, die Märchen von früher entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist.

Warum nicht verschiedene Familienmodelle anstatt Musterfamilien?

Bilderbücher begleiten mich seit vielen Jahren. Ich mag es, gemeinsam mit den Kindern in Geschichten hineinzutauchen. Ihren Fragen dazu zu lauschen, zu sehen, was sie in den Illustrationen alles entdecken, wofür ich möglicherweise überhaupt keinen Blick habe und wenn ihre Köpfe an meinen Schultern lehnen und sie gebannt zuhören.

Ich mag keine Reime in Kinderbüchern. Oftmals lese ich in Dialekt vor und dann geht der Reim hinten und vorne nicht mehr auf. An ein ruhiges Einschlafen ist nicht zu denken. Bilderbücher liegen bei uns immer auf dem Salontischli, neben dem Bett, auf der Toilette, sie begleiten uns auf den Zug und in die Ferien. Sie sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Auch in der Buchhandlung verweilen wir schampar gerne ausgiebig in der Kinderbuchecke und entdecken Neuheiten.

In Kinderbüchern wird oft eine Musterfamilie dargestellt. Mutter, Vater und zwei Kinder (meist ein Mädchen und ein Bub). In der Realität gibt es jedoch viele verschiedene Familienmodelle. Diese vermisse ich oftmals in Büchern. Auch stellen wir uns oftmals eine Protagonistin oder einen Protagonisten mit weisser Hautfarbe vor. Warum nicht eine People of color?

Zeitgenössische Bilderbücher

Auf der Suche nach Alternativen, stosse ich immer wieder auf richtige Highlights, welche ich dann auch mit gutem Gewissen verschenke oder empfehle.

Meine Freunde, das Glück und ich

von Elisenda Roca (Autorin), Rocio Bonilla (Illustrator)

Darin verpackt scheinen all meine Werte und Wunschvorstellungen, ohne dabei belehrend oder anstrengend zu wirken. Und das ist meiner Meinung nach ein ganz schmaler Grat. Diesem Buch gelingt dies. Die Diversität schleicht sich auf leisen Sohlen durch das Buch und hinterlässt ein gutes Gefühl von «Es ist normal, dass alle verschieden sind».

Dunkelhäutige Kinder und deren Eltern aus allen Ländern, gleichgeschlechtliche Eltern und Kinder mit einer Behinderung. Alles da. Bunt wie das Leben selbst und die Illustration ist sehr ansprechend und macht Lust, wieder mal eine Party mit Wimpelketten zu organisieren.

Kalle und Elsa

von Jenny Westin Verona (Autorin), Jesús Verona (Illustrator)

Von dieser Reihe gibt es mittlerweile drei Bücher. Die Geschlechterrollen werden darin nicht zementiert, das Mädchen ist wild, mutig und stark und zieht den scheuen Jungen mit sich. J.W. Verona hat wunderbare und unaufgeregte Geschichten geschrieben. Ihr Mann Jesus Verona hat diese grossartig illustriert: In einem Stil, der auf den Stoff und die Bilderbuchgrafik der 70er Jahre verweist und damit all die grossen schwedischen Kinderbuchklassiker heraufbeschwört.

Die Geschichten sind aber dennoch ganz modern, weil etwa Kalle dunkelhäutig ist und bei einer hellhäutigen Mutter lebt. Moderne Astrid-Lindgren-Romantik sozusagen. Mama sitzt zu Hause am Laptop (bestimmt macht sie auch Homeoffice wegen Corona) und Papa packt die Sachen für den Strand. Ich bin Fan.

Überall Popos

von Annika Leone (Autorin), Bettina Johansson (Illustratorin)

Dieses Buch ist der füdliblutte Wahnsinn, im Wahrsten Sinne des Wortes. Die Geschichte spielt von einem Hallenbadbesuch eines Mädchens mit seinen Eltern. Die Geschichte ist eine ganz gewöhnliche und könnte sich auch sonntagmorgens bei uns auf dem Weg ins Hallenbad Willisau abspielen. Dahinter geht es jedoch um Body-Positivity und Geschlechterrollen.

Darum, dass jeder Körper anders ist und schön. Und dass überall Haare wachsen, ja, auch bei Frauen. Es ist wie früher beim Altpapiersammeln verstohlen ins Bravo zu gucken, die Seite mit dem nackten Jungen und Mädchen aufzuschlagen, diesmal aber total normal mit den Eltern oder auch alleine.

Geht Sterben wieder vorbei

von Mechthild Schroeter-Rupieper (Autorin), Imke Sönnichsen (Illustratorin)

Die Autorin hat jahrelange Erfahrung als Familien-Trauerbegleiterin. Unzählige Kinder hat sie in der Phase des Todes ihrer Mutter, ihres Vaters oder eines Geschwisterchen begleitet. In ihrem ersten Kinderbuch flechtet sie echte Kinderfragen ein und beantwortet diese auf eine offene Art und in einer kindgerechten Sprache. Ohne zu beschönigen oder zu verheimlichen.

Nein, Sterben geht nicht wieder vorbei und es tut wahnsinnig weh, jemanden dem Tod zu übergeben. Aber die Kinder lernen im Buch, was nach dem Tod passiert und wie sie die Erinnerungen an diese Person ganz fest bewahren können. Uns hat das Buch beim Verlust meiner Freundin sehr geholfen, auch um auf die unzähligen Fragen der Kinder einzugehen. Selbst auf solche, auf die ich nur schwer Antworten fand.

Die titelgebende Fragestellung «Geht Sterben wieder vorbei?» wird z.B. folgendermassen beantwortet: «Jedes Lebewesen, das gestorben ist, egal ob eine Pflanze, ein Tier oder Mensch, wird für immer tot sein und nicht wiederkommen. Mit dem Tod verändert sich der Körper. So wie ein Apfel schrumpelig und irgendwann wieder zu Erde wird, geschieht es auch mit dem Körper des Menschen. Deshalb kann ein verstorbener Mensch in Erinnerungen, Träumen und Geschichten, aber nicht in echt wiederkommen.»

Roberts weltbester Kuchen

von Anne-Kathrin Behl (Autorin und Illustratorin)

Dieses Buch lebt vor allem von den Details, welche es zu entdecken gibt und uns mit einem Schmunzeln zurücklassen. Ja, der Papa trägt pink, lismet und auf seinem Oberarm blinzeln abwechslungsweise ein wahrhaftiges Einhorn- oder ein Meerjungfrauen-Tattoo hervor.

Es ist eine wunderbare Vater-Sohn-Geschichte fernab von toxischer Männlichkeit. Eine Geschichte von kleinen und grossen Wundern im Alltag, welche uns mit einem zufriedenen Gefühl zurücklässt und mit einem grossen Gluscht nach einem riesengrossen Kuchen für alle. Ein Hoch auf die Vielfarbigkeit des Lebens!

Theo liebt es bunt

Von Samuel Langley-Swain (Autor), Ryan Sonderegger (Illusator)

Theo lebt als einziges Wiesel mit bunten, schrillen Kleidern im Weidenwald. Alle anderen laufen fade und unauffällig durch die Gegend. Anstatt sich über den bunten Gesellen zu freuen, machen sie Stimmung gegen ihn und wollen ihn gar aus ihrer Gegend vertreiben. In ihrem Wald sei kein Platz für ein Wiesel, das auffalle, so der Tenor.

Rückenwind erhält Theo einzig von seinem Vater, der ihn ermuntert, zu sich und seinem Stil zu stehen. Und dann auch noch ein Haufen schriller Hermeline, die in dem langweiligen Wald auftauchen und dessen Bewohner als Hinterwäldler bezeichnet. Grosse Kinderlacher garantiert!

Hauptaussage der Geschichte: «Es ist weder falsch noch furchterregend, wenn jemand anders ist. Im Gegenteil: Es macht das Leben schöner, lustiger und spannender. Jeder darf sein, wie er ist!» Dem ist nichts, aber auch gar nichts anzufügen. Ausser, dass ich genau das allen Kindern, vor allem auch in der Teeniezeit, wo zunehmend alles wenig-bunt bis einheitlich sein muss, wünsche. Steh zu dir und deinem Stil und wehre dich gegen den Einheitsbrei!

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