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Kotze im Haar und Exkremente in der Hand
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Irgendwie hatte sie sich das anders vorgestellt. (Bild: Fotolia)

Eine blutige Anfänger-Mutter und ihre Krisen Kotze im Haar und Exkremente in der Hand

4 min Lesezeit 15.10.2017, 11:02 Uhr

Dann ist es da, das Menschlein aus eigener Produktion. Und mit ihm ganz viele Gefühle, die man vorher so nicht kannte. Oft sind da aber auch einfach nur Stress und Hilflosigkeit und man weiss nicht mehr, wohin mit sich und den tiefschwarzen Augenringen.

Ich stehe wenige hundert Meter von zuhause entfernt auf der Strasse, mit einem schreienden Kind im Arm, Kotze im Haar und anderen Ausscheidungen an der Hand. Vor zwanzig Minuten war ich zum Kaffee verabredet. Krampfhaft versuche ich, die Nerven zu bewahren, die aufsteigende Träne runterzuschlucken und die Passanten mit sowas ähnlichem wie einem Lächeln zu grüssen. Oder ich sitze, wie auf Stand-by, alleine im Bad auf dem Boden. Der Blick ins Leere, die Extremitäten sind schwer wie Blei, nichts lässt sich mehr bewegen. Weder ein Feueralarm noch die Reinkarnation von Heath Ledger brächten mich jetzt dazu, diese Position aufzugeben. So war das nicht gedacht.

Wo ist die Ironie geblieben?

Ich wundere mich ja auch, weshalb sich Menschen grundsätzlich noch mit mir unterhalten. Denn bin ich nicht gerade mit aufgerissenen Augen und Mund und mit seltsamen Gebrabbel in Richtung Nachwuchs beschäftigt, fallen mir Worte nicht mehr ein: Namen sind vergessen und die Zunge interpretiert zahlreiche Begriffe kreativ neu. Gespräche drehen sich um Schlaf, Zähne, Windelinhalte oder Fusseln in Halsfalten und Zehenzwischenräumen. Doch die wahre Tragik meiner Gespräche kommt erst durch den Schlafentzug richtig zum Tragen: Ich verstehe Ironie nicht mehr. Auf die dümmsten Sprüche und die blödesten Kommentare antworte ich stets ganz ernsthaft. Es ist zum Heulen. 

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Da war Schwangersein echt die reinste Ruhezeit. Übelkeit, komische Gelüste, verordnete Bettruhe – das alles war bei mir zum Glück kein Thema. Was mir zu schaffen machte, das waren die regelmässigen Krisen. Manchmal dauerten sie ein paar Stunden, manchmal ein paar Tage.  Eine pränatale Depression war es kaum – hab ich selbst mit Hilfe von Google diagnostiziert. Doch auch so reichten mir die regelmässigen Zusammenbrüche völlig aus. Heulkrämpfe aufgrund einer leeren Shampoo-Flasche, Verlust- und zahlreiche andere Ängste, sobald jemand sich in ein Auto setzte oder ein Treffen absagte. Es war kein Zuckerschlecken.

Freu dich gefälligst

Freust du dich? Immer wieder kam dieselbe Frage. Und ehrlich gesagt, hab ich mich machmal sehr gefreut – wenn der Bauch plötzlich Ausbuchtungen zeigte wie bei Sigourney Weaver in «Alien». Oft aber hab ich mich nicht gefreut. Das zu sagen hab ich mich aber nur selten getraut. 

Eigentlich hätte ich in solchen Momenten gerne geantwortet, ob sie sich denn darauf freuen würden, unförmig, mit fettigem Haar zuhause zu sitzen, an einer Melkmaschine zu hängen und dabei komplett für ein kleines, dauerschreiendes, dauerkackendes Menschlein verantwortlich zu sein.

Und ehrlich? Es ist fast so gekommen wie befürchtet. Bloss, dass die Haare nicht fettig sind, sondern in Büscheln ausfallen. Dass meine Haut einen Rückfall in die Pubertät geniesst und die Brüste die monströsen Dimensionen aus der Schwangerschaft sogar noch ausgebaut haben. Man kommt zu gar nichts mehr und das Menschlein kotzt, kackt und schreit tatsächlich relativ oft.

Doch seit der Geburt sind die Krisen seltener geworden. Sie kommen nicht mehr nach dem gefühlt tausendsten Sanbitter, während alle schicken Weisswein degustieren, und dem nächsten einschläfernden Dokfilm am Samstagabend, während alle spontan in der Stammkneipe feiern, sondern erst nach zwei Wochen Schlafentzug und dem Geschrei beim Durchstossen der ersten Zähne. Ein Dank gilt hier den Hormonen. Die machen das echt ganz gut.

Es geht allen gleich

Wirklich, das mit den Hormonen ist toll eingerichtet, im Gegensatz zum Rest der menschlichen Fortpflanzung. Denn – einen Menschen aus sich herauszupressen, ist das Brutalste und absolut Behämmertste, was die Natur sich hat überlegen können. Kurz danach, während sie dich zusammennähen und dir dein Kind gerade erstmals in Schwarzgrün – aber wenigstens noch duftnotenfrei – auf die Brust kackt, fragt man sich, weshalb die Menschheit nicht aus lauter Einzelkindern besteht. Welche Frau tut sich denn sowas freiwillig mehrfach an? Und dann hast du da den Nachwuchs, und der kann noch gar nichts. Er riecht gut und sieht trotz verknautschtem Gesicht und Saugglocken-Kippa bezaubernd aus, aber – äxgüsi  – ein Fohlen kann wenige Stunden nach der Geburt selber gehen. 

Doch wenn ich mein Leid klage, dann wird schnell klar: Alle waren schon an dem Punkt, sind plötzlich unter dem Sofatisch aufgewacht oder haben mitten in der Nacht der Brustpumpe den Krieg erklärt. Und alle sagen sie: Das geht vorbei. Und alle sagen sie: Geniess die Zeit.

Und langsam fange ich an, ihnen zu glauben.

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