Kindliche Ehrlichkeit und ihre Folgen
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Extrovertierte Kinder bringen dich ab und an in unangenehme Situationen. (Bild: Pixabay)

Peinliche Situationen, in die mein Sohn mich bringt Kindliche Ehrlichkeit und ihre Folgen

4 min Lesezeit 2 Kommentare 11.10.2020, 10:57 Uhr

Kinder sind bekanntlich ehrlicher als Erwachsene und äussern ungeniert ihre Meinung. Dass dies für ihre Eltern teils unangenehm werden kann, weiss auch unsere Bloggerin Lara Juen – und erzählt von peinlichen und lustigen Erlebnissen mit ihrem Sohn.

Meinen Sohn, fast vier Jahre alt, würde ich als extrovertiert bezeichnen. Durch diese Charaktereigenschaft bringt er mich regelmässig in lustige und teils auch peinliche Situationen.

Im Zug wählt mein Sohn oft einen Sitzplatz gegenüber Personen, die ihn zu interessieren scheinen und beginnt ungeniert ein Gespräch mit den jeweiligen Sitznachbarn.

Das Gefühl von Stolz und Verlegenheit

Kürzlich waren wir kurz vor dem Hauptbahnhof, als ein Fahrgast mit seinem Kickboard nach vorne ging und auf der Höhe unserer Sitzreihe einen kurzen Moment das Gleichgewicht verlor. Mein Sohn beobachtete dies und ich sah, wie er den Mann anschliessend begutachtete.

Er schaute ihn direkt an und sagte: «Mit dem Trottinett sollte man nicht ohne Helm fahren! Das ist gefährlich!» Der Mann grinste ihn an und nickte. Mein Sohn erklärte ihm noch, dass er immer einen Helm anziehe. Ich hatte den Eindruck, als wollte er eine Rechtfertigung dafür hören, weshalb sein Gegenüber denn nun keinen Helm trage.

Der Mann sagte ihm, dass er recht hätte und dass er sich vornehme, einen Helm zu kaufen. Alle anderen Fahrgäste lächelten und die ältere Dame vor uns nickte meinem Sohn anerkennend zu. Das Gefühl von Stolz machte sich in mir breit, aber auch etwas Verlegenheit.

Manche Dinge sind für Kinder unbegreiflich

Vor einigen Wochen besuchten wir meine Grossmutter, also die Urgrossmutter meines Sohnes. Wir schauten nostalgisch alte Fotos an, auf denen auch der Urgrossvater zu sehen war. Der jüngste im Bunde fragte, wer das sei. Wir erklärten es ihm. Daraufhin wollte er wissen, wo der Urgrossvater denn sei und wir mussten ihm mitteilen, dass er verstorben sei.

Den Tod hatten wir bisher noch nicht thematisiert und es schien ihm unbegreiflich. Er sagte, er würde sicher bald wieder gesund werden. Der Tod seines Urgrossvaters beschäftigt ihn seither und er erzählt es auch jedem. Die Tatsache, dass Verstorbene nicht mehr «da» sind, ist sehr schwer verständlich zu machen.

Als wir einige Wochen darauf einkaufen waren, zeigte er auf einen älteren Mann und sagte: «Mami, der ist gestorben!» Ich war so schockiert, dass ich keine Antwort wusste. Da der Mann es nicht gehört zu haben schien, fing ich an zu lachen, weil die Situation auf mich so absurd wirkte. Leider deutete mein Kleiner dies als Zustimmung.

Er wiederholte die Aussage, als wir auf weitere ältere Menschen trafen. Ich erklärte ihm daraufhin, dass dies lediglich ältere Menschen seien und nicht etwa Verstorbene. Nun sagt er ihnen jeweils, dass sie alt seien. Was ja stimmt, mir aber dennoch unangenehm ist. Zum Glück lächeln die meisten und nehmen es locker.

«Jetzt chasch d Maske alege!»

Kürzlich an der Bushaltestelle sah mein Sohn, wie eine Frau ihre Gesichtsmaske anziehen wollte. Er ging zu ihr hin und sagte, es sei noch nicht Zeit dafür, erst wenn der Bus komme. Die Frau schmunzelte und fragte ihn, ob er schauen würde und ihr den Startschuss zum Maskenanziehen geben könne.

Mit stolz geschwellter Brust nickte er und beobachtete daraufhin die Strasse. Als er den Bus erblickte, rief er aufgeregt: «Jetzt chasch d Maske alege!» Die Frau bedankte sich lächelnd bei ihm.

Warum ist mir dies peinlich?

Ich würde mich nicht als introvertiert bezeichnen, jedoch habe ich teilweise Mühe, wenn mein Kind so offenherzig auf Menschen zugeht. Viele reagieren positiv auf seine offene Art und er bringt viele Leute zum Lachen, was eine grossartige Eigenschaft ist.

Das Gefühl der Beklommenheit in mir ist aus der Angst entstanden, er könne andere Personen belästigen oder verletzen. Jedoch habe ich diese Erfahrung bis anhin nicht gemacht. Im Gegenteil. Dadurch bin ich entspannter geworden und kann besser mit solchen Situationen umgehen.

Sobald er in dem Alter ist, in dem er auch mal alleine unterwegs ist, werde ich mit ihm das Gespräch über nicht so nette Menschen führen müssen. Doch bis dahin ist noch etwas Zeit.

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2 Kommentare
  1. Silvan Studer, 11.10.2020, 11:45 Uhr

    Bevor bei Ihnen das Gefühl der Beklommenheit und er Angst überhand nimmt, könnten Sie es ja mal mit Erziehung versuchen?
    Oder sind Sie dafür zu „tolerant“?

    1. Norman, 12.10.2020, 08:59 Uhr

      Ich weiss nicht wo in diesem Text die Erziehung fehlt? Darf man nicht mehr mit Menschen reden? Müssen Kinder schon kleine, kleinliche Erwachsene sein?

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