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Eine Grenze, die allzu gern übertreten wird

Ich brauche keine Kommentare, wenn mein Kind «täubelet»

(Bild: Mr Nixter (via Flickr))

Das «Täubele» gehört zur Kindheit. Es ist aber eine Herausforderung zwischen dem Kind und seinen Eltern und kein öffentliches Theater, das von allen kommentiert werden muss.

Der zweieinhalbjährige Emil hat seit ein paar Wochen eine Angewohnheit, die nicht bei allen gleich gut ankommt. Wenn er etwas müde ist oder zu wenig geschlafen hat, setzt er sich auf den Boden und will das Gegenteil von dem, was ich gerade will. Zum Beispiel kann es im Aldi oder in der Migros passieren, dass er etwas haben möchte, das er nicht bekommt. In diesem Moment setzt er sich auf den Boden, und es beginnt. Das Ganze nennt sich «Täubele», dauert meistens nicht lange, ist aber immer erstaunlich laut.

Mit viel Geschrei den Willen kundtun

Bei bestimmten Gelegenheiten kann es aber auch mal eine Stunde oder länger dauern – und dann ändern sich sogar seine Wünsche. Zum Beispiel vergangenen Freitag auf der Rückfahrt vom Verkehrshaus: Am Bahnhof wollte er sich nicht auf die Bank setzen. Im Zug will er dann plötzlich wieder auf die Bank am Bahnhof. Im Bus will er aussteigen, kaum sind wir ausgestiegen, will er weiterfahren. Vor dem Laden will er nicht rein, drinnen will er nicht mehr raus.

Begleitet wurde die ganze Prozedur von unglaublich lautem Geschrei und Weinen. Rufend machte er klar, dass er wahlweise zur Mama, zur Nani, zur Omama oder zu mir will. Da half es auch nicht, ihm zu sagen, dass er schon bei mir sei. Das Geschrei ging einfach weiter.

Die Dreistigkeit älterer Frauen

Mir ist durchaus bewusst, dass dies zur Entwicklung eines Kindes dazugehört. Umso weniger verstehe ich Kommentare von kinderlosen Bekannten wie «Das Schönste an Kindern ist, dass man sie zurückgeben kann». Für mich ist das Schöne am Elternsein, dass ich gerade in solchen Situationen Haltung zeigen und Emil das Gefühl geben kann, dass ich in schwierigen Situationen – für ihn wie für mich – für ihn da bin und ihn genauso liebe.

Noch schlimmer als die Sprüche der Bekannten finde ich es aber, wenn in der Migros plötzlich fremde, ältere Frauen auf Emil zukommen und mit ihm reden. Mich, der daneben sitzt und gerade mit ihm spricht, ignorieren sie dabei völlig. Das kommt tatsächlich öfter vor. Für mich ist das so, als würden mich diese Frauen als Vater degradieren. So nach dem Motto: «Was du machst, bringt nichts, lass mich das machen.»

Zum Glück ist mein Sohn so loyal, dass er die Frauen meistens böse anschaut und noch lauter schreit. Manchmal kann ich es mir dann nicht verkneifen, nehme Emil in den Arm und sage ihm in verständlich lautem Ton, dass er keine Angst haben müsse und der alte Drache bestimmt kein Feuer mehr spucke.

Manchmal bin ich fast sprachlos

Das schlimmste Erlebnis war aber, als Emil am Pilatusplatz schrie, dass er nicht nach Hause wolle. Ich hatte Elisa – neun Monate alt – um den Bauch geschnallt und konnte Emil deshalb nicht so einfach wegtragen. Jedenfalls fing nach einer Weile ein Passant auf der Bank an, Emil zu imitieren.

Am Anfang habe ich die Welt nicht verstanden, und so richtig geglaubt habe ich es erst, als er das noch zweimal gemacht hat. Wirklich aufgehört hat er erst, als ich mich vor ihn gestellt und ihm ziemlich laut gesagt habe, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt sei, den Mund zu halten.

Liebe Leute: So geht das nicht

Lange Rede, kurzer Sinn: Alle Eltern wissen, dass das «Täubele» zur Kindheit dazugehört. Ich weiss, dass das für Unbeteiligte nervig sein kann. Aber ich kann allen versichern, dass diese Situationen für uns Eltern viel herausfordernder und anstrengender sind.

Unter dem Gesichtspunkt, dass wir alle einmal Kinder waren, wären ich und alle Eltern, mit denen ich darüber gesprochen habe, daher froh, wenn man sich in solchen Situationen mit Bemerkungen zurückhalten würde. Dem Kind zu helfen, ohne die Eltern zu fragen, ist eine absolute Frechheit, und das Kind zu imitieren, echt jetzt?! Das geht gar nicht! All das ist wesentlich unangenehmer als das Verhalten von Emil.

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Kinder: Neun Monate sehnt man sie herbei und dann machen sie einen Haufen Arbeit. Und bestimmen ab sofort Mamis und Papis Leben. Fünf Mütter und ein Vater schreiben über ihren Alltag mit dem Familienzuwachs. Von Herausforderungen, Veränderungen, Ängsten und Freuden.
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