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Hätte ich Lehrerin werden wollen, dann wäre ich es
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Statt Schuhe und Schminke wird momentan mehr in Malbücher investiert. (Bild: zvg)

Was den Eltern bleibt – neben grauem Haar und Augenringen Hätte ich Lehrerin werden wollen, dann wäre ich es

5 min Lesezeit 26.04.2020, 11:01 Uhr

Sechs Wochen Quarantäne liegen hinter uns. Sechs Wochen Schule und Kindergarten zu Hause. Sechs Wochen. Wir haben gelacht, gestaunt, geweint, gezweifelt, getobt und vermisst. Wir haben mehr eingekauft und gekocht, mehr selbst gebacken, mehr Streit geschlichtet, mehr Lautstärke ausgehalten, mehr gelernt und die Familie, so gut es ging, zusammengehalten.

Es sind die kleinen Dinge, die die Kinder so fest vermissen. Das Znünikreisli im Kindergarten ist einfach nicht das Gleiche zu dritt auf unterschiedlich hohen Stühlen; und überhaupt mit drei Stühlen gibt’s nicht mal einen rechten Kreis.

Die Pausen auf dem Pausenplatz mit all den anderen Kindern. Das Jassgrüppli und die Spiele im Kindergarten. Das Schulzimmer mit dem geduldigen Mathilehrer. Die Schulglocke statt der nervigen Eieruhr. Aber auch aufstehen und sich richtig anziehen und auf den Schulweg gehen.

Die Gspändli zum Abmachen am Mittwochnachmittag. Das Unter-Kindern-Sein, statt immer nur mit einem Elternteil. Ihnen beiden fehlen die Grosseltern so sehr und der Bauernhof, auf dem sie leben.

Langeweile haben

All diese Lücken probieren wir Eltern, so gut es geht, irgendwie zu füllen. Auszuhalten und zu kompensieren. Die Betonung liegt auf irgendwie. Denn wir sind keine Lehrer.

Wir jonglieren und fallen oft auch auf die Schnauze. Wir geben nicht immer ein Programm vor. Denn Langeweile ist eine ganz wertvolle Erfahrung in der heutigen Zeit.

Die Kinder lernen, dies auszuhalten, und es entstehen ganz wundervolle Spiele, Hütten aus Tüchern, Skulpturen aus Karton.

Nebst dem grossen Vermissen sind da neue Fragen

Wir mussten Antworten auf Fragen finden, die uns üblicherweise nicht gestellt wurden. So zum Beispiel:

  • Kann die Zahnfee sich auch mit dem Coronavirus anstecken?
  • Wann darf ich endlich wieder in die Schule?`
  • Warum muss ich mich anziehen, wenn wir eh nur zu Hause bleiben werden?
  • Welcher Wochentag ist heute? Was hätte ich heute im normalen Leben los?
  • Warum darf unsere Katze herumstreuen und ich nicht mit anderen Kindern auf dem Spielplatz sein?
  • Warum kannst du keine Musiknoten lesen? Mamas müssen das doch können!
  • Wann gibt’s wieder etwas zu essen (auch wenn die letzte Mahlzeit erst eine Stunde her ist)?

Sätzlirechnungen am besten mit dem Handy ausrechnen

Oftmals macht mich dieses Coronavirus fuchsteufelswild. Deswegen bin ich in eine Situation geraten, in der ich nicht sein wollte. Hätte ich Lehrerin werden wollen, dann wäre ich es.

Und da sitze ich wieder über dem Dreisatz und widerstehe der Versuchung, das Handy zur Hilfe zu nehmen. Predigten uns doch die Lehrer damals, wir hätten niemals immer einen Taschenrechner zur Hand. Oh doch!

Es interessiert mich nicht, wie schwer der Max ist und wie viel weniger seine Schwester und noch weniger, wie viel die beiden dann zusammen wiegen.

Ich kenne nicht mal ein aktuelles Gewicht eines unserer Familienmitglieder und ich werde mich hüten, in dieser elenden Coronazeit selbst auf die Waage zu gehen.

Meine Gefühle fahren Achterbahn …

Ich habe Aufs und Abs, bin insgesamt sehr dünnhäutig und in Sorge um Menschen, die ich so gernhabe, aber auch um unsere Energie. Tagsüber probiere ich, all meine Energie, meine Liebe und Geduld für meine Kinder aufzubringen.

Abends bin ich einfach nur fix und fertig, und es wartet noch immer eine Beige Arbeit auf mich. Die Welt steht still und gleichzeitig überschlagen sich die Ereignisse. Da gefühlsmässig noch mitzukommen, empfinde ich als herausfordernd.

Auch telefoniere ich mehr mit meinen Eltern. Sie fehlen mir und ich sorge mich um sie. Ich bin froh, dass sie sich an die Forderungen des Bundesrates halten und dieser Herr Koch scheint ihnen ein kompetenter Mann zu sein. Ich sorge mich um meine Schwestern, die Patienten zu Hause pflegen.

Von einem Haus ins andere treten, von einer Geschichte zur anderen, wenig Zeit haben und am Ende einer Schicht einen Berg von Ängsten, Nöte und eine bedrohende Einsamkeit zusammen mit dem Schutzanzug abstreifen, bevor sie zu ihren Kindern zurückkehren.

Auch achte ich vermehrt auf meine Nachbarn. In dieser Zeit haben wir uns besser kennengelernt, als in den zehn Jahren zuvor. Ihre Zettelchen mit bescheidenen Einkaufswünschen im Körbchen gehen mir sehr ans Herz.

… und draussen läuft praktisch nichts

Wir haben als Familie so viel mehr Zeit zusammen als üblich. Fast täglich wird irgendwas gebacken. Wir spielen längst vergessene Spiele, stundenlang. Geniessen unseren Garten bis in die kleinste Ecke. Die Haustiere werden gestreichelt, bis sie fast in Trance fallen.

Sämtlicher Karton wird verbastelt, unser Leimbedarf steigt identisch zum Schutzmaskenbedarf in der Schweiz. Wir machen das Beste aus der Situation und nehmen Tag für Tag. So verbringen wir die Ferien statt am Bodensee im Wohnmobil mitten in unserem Garten.

Freundinnen-Gap

Der Unterschied zwischen mir und meinen kinderlosen Freundinnen könnte nicht grösser sein. Während sie vor lauter Langeweile die Fusseln in ihrem Bauchnabel studieren, Frühlingsputz machen, neue Online-Fitnesskurse besuchen und sowas von in Shape aus dieser Krise kommen werden im Gegensatz zu mir, komme ich gefühlt zu nichts.

Sie fehlen mir unendlich und sind mir schampar wichtig, aber ich finde kaum Zeit mich bei ihnen zu melden. Meine Yogalehrerin schickt mir bereits die siebte Videosequenz. Ich kam genau zur ersten Folge und sank dann ab wie ein Nilpferd im Wasser.

Genug Unterhosen auf Skype gesehen

Mir fehlt das Unter-Leuten-Sein, mal einen Kafi trinken gehen, Konzerte, im Zug sitzen, Umarmungen, Gespräche ohne Bildschirm oder zwei Meter Abstand dazwischen, spontan sein, Berührungen, kulturelle Veranstaltungen.

Leuten begegnen ohne Bildschirmkonferenz mit der ständigen Angst, dass jemand nur in Unterhose bekleidet gerade in dem Moment in den Raum tritt. Ich bin seit sechs Wochen in unserem Dorf, kenne inzwischen jeden Weg. Was mir aber vor allem fehlt ist Zeit für mich.

Und nicht nur der kurze Moment auf dem WC eingeschlossen. Sondern Momente ohne Kinder, ohne Verantwortung, ohne links und rechts schauen oder hören zu müssen. Die Leichtigkeit des Seins ist mir ein Stück weit abhandengekommen.

Bewusst verfolge ich nur einmal im Tag die Entwicklung des Covid-19. Mehr tut mir nicht gut.

Wenn das feine Schöggeli bewusster genossen werden kann

Es ist ein Jammern auf hohem Niveau. Dessen bin ich mir bewusst. Wir sind gesund. Es geht uns gut und wir werden gestärkt aus dieser Krise gehen.

Mit Augenringen zwar, ein paar Kilo mehr auf der Hüfte, aber auch mit einer grossen Demut und mit einem Bewusstsein für Dinge, die wir immer als so selbstverständlich angesehen haben.

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