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Mit Gebärdensprache versteht mich mein Sohn besser

Diese Handzeichen bewirken Wunder in der Erziehung

Kinder setzen ganz natürlich Gebärdensprache ein, zum Beispiel, wenn sie Hunger haben. (Bild: Adobe Stock) (Bild: Adobe Stock)

Mein Kind und ich haben eine völlig neue Welt entdeckt. Kinder wollen mit uns kommunizieren und tun das auf ihre ganz eigene Art. Es ist gerade im Kleinkindesalter nicht einfach zu verstehen, was sie uns mitteilen möchten. Elternbloggerin Samira Schuler übt sich in der Gebärdensprache, um besser mit ihrem Sohn zu kommunizieren.

Einigen ist bestimmt schon aufgefallen, dass die Kleinen, wenn sie etwas möchten, drauf zeigen. Oder sie strecken die Arme nach euch aus, weil sie hochgehoben werden möchten. Wir haben es ihnen nicht beigebracht und überall auf der Welt tun es die Kleinen. Woran liegt das? Ein Kind lernt schnell. Es hat Bedürfnisse und möchte diese auch erfüllt bekommen. Da es in seinen Möglichkeiten begrenzt ist, braucht es Hilfe von uns Erwachsenen.

Wenn sie etwas brauchen oder möchten, versuchen die Kleinen uns so genau wie möglich mitzuteilen, was. Da werden sie kreativ und setzen ihre Hände ein. So weit nichts Neues? Aber wir Erwachsenen übersehen genau diese Kreativität und übergehen so einen wichtigen Entwicklungsschritt.

Ich entwickle eine neue Sprache

Auch wir nutzen unbewusst unsere Körpersprache und versuchen auch, mit den Händen zu unterstreichen, was wir sagen. Das Gesprochene wird greifbarer. Wir können zeigen, dass etwas gross ist oder weit weg. Wir erheben den Zeigefinger, um zu drohen oder zu schimpfen. Manchmal versuchen wir, mit den Händen eine Form zu beschreiben, wie etwas aussieht oder wie eine Strasse verläuft.

Durch Social Media stiess ich auf die sogenannten «Babysigns», vereinfachte Gebärden, um die Bedürfnisse der Kinder genauer zum Ausdruck zu bringen. Hunger, Milch, schlafen oder auch Windel wechseln gehören dazu. Es hat für mich Sinn ergeben, in der Kommunikation mit meinem Kleinkind diese Gebärden zu nutzen. Nach kurzer Zeit verstand er viel besser, was ich ihm sage. Einige Zeit später fing er selber an, die Gebärden zu nutzen. Klar, einige besser, andere gar nicht. Zu seinen Favoriten gehörten, «Pipi» und «Noch einmal».

Die Pantomimewelt liegt mir zu Füssen

Ich bekam selber viel Freude an den Gebärden, am Sprechen mit Händen. Das motivierte mich dazu, mehr zu lernen. Meine Enttäuschung war dementsprechend gross, als ich erfuhr, dass diese «Babysigns» sehr begrenzt sind. So fing ich an, die richtige Gebärdensprache zu lernen und merkte schnell, dass die meisten Zeichen gar nicht vereinfacht werden müssen. Es ist ähnlich wie bei der Lautsprache. Am Anfang benennt man einfach alle Blumen mit «Blume». Irgendwann gibt es die Rose, den Löwenzahn und die Tulpe.

Genau in dieser Zeit habe ich jemanden aus der Gehörlosenkultur kennengelernt, was mich noch mehr motivierte, die Gebärdensprache richtig zu lernen. Und wieder war ich wie vor den Kopf gestossen; es gibt nicht nur eine Gebärdensprache, sondern für jede Lautsprache eine eigene. Sogar in der Deutschschweiz unterscheiden sich die Gebärden je nach Dialekt. Eine ganz neue Welt öffnete sich mir und meinem Sohn.

Gebärdensprache mit Lautsprache kombinieren

Heute, mit 2 Jahren, kann mein Sohn viele Gebärden, die er auch immer wieder mal nutzt, obwohl er schon längst sprechen kann. Was ich aber noch viel wichtiger finde: Er versteht mich viel besser, wenn ich zur Lautsprache auch die passenden Gebärden verwende. Das habe ich auch bei anderen Kindern beobachtet, die noch keinen Kontakt mit Gebärden hatten.

Ein kleines Beispiel: «Hol mir bitte ein Buch» ist für uns ein ganz verständlicher Satz. Auch ein Kind versteht, was du meinst, braucht aber lange, um zu entschlüsseln, was von ihm verlangt wird. Hingegen die Kombination aus «Hol mir bitte ein Buch» und dabei zeige ich gleichzeitig mit den Händen auf ein Buch und mache die Gebärde für «bringen» –das Kind versteht sofort, was gemeint ist und reagiert auch viel besser darauf.

Für Kinder ist es so viel einfacher, wenn sie auch sehen anstatt nur zu hören. Genau das ermöglicht die Gebärdensprache. Durch das Visualisieren der Sprache wird eine Geschichte oder Erzählung wahrlich zum Leben erweckt. Dadurch können Kinder auch viel konzentrierter zuhören. Die ganze Aufmerksamkeit ist auf den Erzählenden gerichtet, denn die Augen folgen den Handbewegungen, während die Ohren das Gesprochene aufnehmen.

Sitzt der Käfer auf dem Brot, ist rot oder tot?

Es gibt spezielle, vereinfachte Gebärden für beeinträchtigte Menschen, die nicht richtig oder gut sprechen können. Das erleichtert die Kommunikation um ein Vielfaches. Auch für nonverbale Kinder (dies ist oft bei Autismus der Fall) kann die Gebärdensprache Barrieren in der Kommunikation durchbrechen.

Wenn wir auf dem Spielplatz oder in der Badi sind, kann ich durch Gebärden auf Distanz mit meinem Kind kommunizieren, ohne schreien zu müssen. Oder wenn mein Kind mir etwas erzählt, ich aber seine Worte nicht unterscheiden kann, hilft uns die Gebärdensprache. Ob der Käfer, den er gesehen hatte, nun rot oder tot ist oder ob er den Käfer auf dem Brot gesehen hat, ist verbal kaum zu unterscheiden. So kann er ganz einfach zeigen, was er mir sagen möchte.

Im Grunde ist es egal, welche Zeichen beziehungsweise Gebärden man nutzt. Auch ganz eigens kreierte Varianten können in den Alltag integriert werden. Wichtig ist nur, dass man bei einem Zeichen bleibt und nicht ständig wechselt. Mein 2-jähriger Sohn erfindet oft neue Zeichen und genau da sehe ich, dass es auch für ihn eine Vereinfachung der Kommunikation darstellt.

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Kinder: Neun Monate sehnt man sie herbei und dann machen sie einen Haufen Arbeit. Und bestimmen ab sofort Mamis und Papis Leben. Fünf Mütter und ein Vater schreiben über ihren Alltag mit dem Familienzuwachs. Von Herausforderungen, Veränderungen, Ängsten und Freuden.
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