Die Zeit mit den Kindern kehrt nie wieder zurück
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Mit den Kindern lachen und die gemeinsamen Momente geniessen. (Bild: Pixabay)

Kaum geboren, ist mein Kind bereits 15 Jahre alt Die Zeit mit den Kindern kehrt nie wieder zurück

5 min Lesezeit 1 Kommentar 04.10.2020, 11:02 Uhr

Die Momente mit euren Kindern – haltet sie fest! Atmet sie ein. Sie verdampfen so schnell. Saugt sie regelrecht auf. Niemand kann sie euch je wieder nehmen. Ein unheimlicher Schatz. Wer es heute nicht tut, kriegt morgen wieder Gelegenheit dazu. Aber das Heute kommt nicht zurück.

Dieser Text soll eine kleine Laudatio auf all die lustigen, lauten, klebrigen, wundervollen und manchmal auch zähen Kindermomente sein. Denn sie kehren nie mehr zurück.

Letztens textete ich mit einer Freundin im Rahmen einer – nennen wir es «WhatsApp-Philosophiestunde» – und wir unterhielten uns eben genau über jenes Thema, welches mich dieser Tage sehr umtreibt und wovon auch dieser Beitrag handeln soll. Nämlich, dass wir immer mal zwischendurch auf die «Hold-Taste» drücken sollen und wollen, weil vergangene Tage eben auf ewig vergangen bleiben.

Nichts kommt zurück

Sie formulierte dann sehr treffend, dass nichts je zurückkäme. Weder das hungrige Löwenbaby, das energisch an deiner schmerzenden Brust saugt, noch die Haarbüschel, die man aus seinen winzigen und so unerwartet starken Händchen klauben muss. Vielleicht kehre das zahnlose Grinsen einmal zurück, dann aber viele Jahre später von deinem Mann (oder deiner Frau), wobei sie sich davon nicht ein vergleichbar grosses Glücksgefühl verspreche. Ich lachte herzhaft und dachte nach.

Mein ältestes Kind ist nun 15 Jahre alt und damit befindet es sich bereits mitten in der Adoleszenz.

In vergangenen Zeiten schwelgen

Ich erinnere mich noch so genau an die babyweiche Tüllwolke, in der ich mich befand, als mein Sohn geboren war. Für mich war es das schönste Kind der westlichen Hemisphäre – und der restlichen Welt. Wir gingen viele Wege gemeinsam: sonnige, neblige, dunkelbunte und steinige.

Er erst im Tuch, dann im Kinderwagen, dann an meiner Hand. Es gab so unheimlich viele Momente in diesen frühen Kindertagen, da schien die Welt stehenzubleiben. Aus zweierlei Gründen.

Weitaus öfter jedoch, so zwischen Stühlen und Bänken gefangen von Langeweile und tausend Sachen, die hätten erledigt werden sollen oder müssen (bei so viel Konjunktiv wird die Dringlich- beziehungsweise Wichtigkeit eben dieser Sachen aber doch per se infrage gestellt) und die sich aber mit einem heulenden, schnuddrigen Zwerg auf dem Arm einfach schlecht bis gar nicht haben erledigen lassen, beherrschte die Hektik unser Leben.

Manchmal so voller Glück

Das Unvermögen meines jungen Selbst, dieses Kind in jenen Momenten schlicht als das zu begreifen, was es war: ein wundervolles kleines Wesen, das getragen, bespielt und geschunkelt werden will bis zum Mond und zurück. Der gesamte Haushalt und die erwähnten tausend Dinge hätten auch einfach warten können. Ohne Probleme. Sie waren innert weniger Tage eh in vollkommene Vergessenheit geraten, ob sie erledigt wurden oder nicht, spielte dabei eine sekundäre Rolle.

Und es gab Momente, da klebte die Müdigkeit mir so bleiern in allen Gliedern, dass ich am liebsten in einen achtzehnjährigen Dornröschenschlaf gefallen wäre, um nach dem Aufwachen meinen ausgewachsenen Sohn zu herzen und ihn um Verzeihung zu bitten.

Vermutlich geht es den meisten Kleinkindeltern ähnlich. Aber auch hier: Haltet am Frühstückstisch einfach mal inne und lacht mit euren Kindern bis über alle Honig-verschmierten Backen um die Wette. Erst wenn Alltagssituationen von echten Gefühlen durchflutet sind, speichern wir sie für immer ab. Im täglichen Trott geht so ein Frühstücksmoment einfach unter und der Honig-verschmierte Mund wird achtlos abgewischt.

Wie die Zeit rauscht

Nun ist er 15. Die anstrengenden Kleinkinderjahre sind weit weg und in der Retrospektive überwiegen die guten, glücklichen Tage mit grosser Eindeutigkeit. Kaum war das Kind eingeschult, rauschte die Zeit in Windeseile. Es hatte plötzlich viele Stunden am Tag Unterricht. Und obwohl ich nie ein ausgeklügeltes Nachmittagsprogramm mit ihm fuhr, entwickelten sich seine Freizeitbeschäftigungen und wuchsen mit seinen Interessen.

Plötzlich war da zweimal die Woche Fussballtraining und immer freitags Schachclub. Am Dienstag wollte er gar vor der Schule schon zum Geigenunterricht. Es war eine sehr schöne und entspannte Zeit. Das Kind war so glücklich und ich war es mit ihm.

Die Primarschulzeit – ach, was sind das dankbare Jahre. Das Kind schläft in der Regel nachts durch. Es bildet seine Interessen aus und geht ihnen immer selbständiger nach. Und es ist (meist) in der Lage, einigermassen vernunftbasierte Gespräche zu führen und faire Entscheidungen zu akzeptieren. Im besten Fall hinterfragt es gewisse Dinge und bittet, mit der kindlichen Motivation, Dinge wirklich verstehen zu wollen, um genaue Erklärungen.

Diese Jahre sausen geradezu vorbei

Jetzt besucht mein Kind bereits das Gymnasium. Er isst in der Mensa zu Mittag und hat oft bis 17 Uhr Schule. Ich kenne sein Leben jetzt vor allem aus seinen Erzählungen. Natürlich verbringen wir noch «quality time» zusammen, nur ist die eben echt rar inzwischen. Dieser Umstand bewegt mich hin und wieder ungemein.

Einerseits weil ich so froh bin für ihn! Es geht ihm echt gut und wir teilen wunderschöne Erinnerungen zusammen. Ausserdem glaube ich zu wissen, dass er ziemlich genau das Leben lebt, was ihm entspricht. Andererseits weil er eben schon 15 ist und kein Jährchen je wiederkehrt. Manchmal passiert es sogar, dass ich meinen fünfjährigen Sohn, der er nun einmal nicht mehr ist, regelrecht vermisse.

Traurigschön finde ich das

Aber eines verspreche ich mir hierbei selbst, ich halte jeden Tag inne und schaue ihn mir an, lache mit ihm und frage ihn wahrhaftig und nicht bloss im Vorbeigang, wie es ihm geht.

Geniesst die Zeit mit euren kleinen und grossen Kindern, denn sie verfliegt in Windeseile, versprochen!

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1 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 04.10.2020, 17:14 Uhr

    Wie wahr! Herzlichen Dank für diese tiefsinnige Reflexion über das Leben.

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