Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist keine Selbstverständlichkeit
  • Blog
  • Eltern-Blog
Muttersein und Arbeiten sollen organisiert sein. (Bild: zvg)

Harziger Wiedereinstieg Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist keine Selbstverständlichkeit

5 min Lesezeit 1 Kommentar 07.03.2021, 10:00 Uhr

Ich habe mich bereits während meiner viermonatigen Mutterschaftszeit auf den Wiedereinstieg in die Berufswelt gefreut. Unter anderem arbeite ich als Lehrperson in einem Teilzeitpensum. Da das Stillen wunderbar geklappt hatte, wollte ich dies weiterführen. Ich habe meinen Arbeitgeber darüber informiert, dass ich Milch abpumpen werde. Was dann kam, hat mich sehr überrascht und macht mich jetzt noch wütend, fassungslos und traurig.

Zwei Monate bevor ich wieder mit dem Unterrichten begonnen hatte, habe ich meinen direkten Vorgesetzen, den Schulleiter, über meine Absicht, bei der Arbeit Milch abzupumpen, informiert. Vorgängig hatte mich eine Arbeitskollegin darauf aufmerksam gemacht, dass ich mir die Zeit vom Milchabpumpen anrechnen lassen kann zusätzlich zu meinem fixen Pensum. Weiter habe ich mich informiert, welche Rechte ich hatte.

Ich habe also beim Schulleiter um ein Formular zum Erfassen der Zeit vom Milchabpumpen und um einen Raum, in dem ich ungestört sein kann, angefragt. Ich sah darin keine komplizierte Angelegenheit.

Wieso einfach, wenn es auch kompliziert geht

Die Rahmenbedingungen für das Milchabpumpen waren dann leider nicht schnell und einfach organisiert. Nach mehreren E-Mails, in denen ich meine Rechte dargelegt hatte, bekam ich zumindest mal ein Formular für die Zeiterfassung. Als Raum wurde mir ein Zimmer angeboten, das als Pausenraum, Bibliothek, Sitzungszimmer und Materialraum genutzt wird – definitiv keine Räumlichkeit, in der ich ungestört sein konnte, da sie rege genutzt wird. Ich habe den Schulleiter darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Zimmer nicht geeignet ist. Und bekam keine besser geeignete Alternative angeboten.

Keine befriedigende Lösung da und der Arbeitsbeginn rückt näher

Ich wurde nervös, da ich bald wieder mit der Arbeit an der Schule starten sollte und noch nicht wusste, wo ich nun ungestört Milch abpumpen konnte. Ich habe mich dann eigenständig organisiert, indem ich mich im Raumreservationssystem umgeschaut und mir verfügbare Klassenzimmer reserviert habe für die Zeiten, in denen ich Milch abpumpen wollte. Ich war bereit und freute mich auf die Arbeit an der Schule!

Auf die Vorfreude folgte die Ernüchterung

Leider funktionierte meine Raumreservation nicht wie erhofft, da sich die wenigsten Mitarbeiterinnen und Schüler an das Buchungssystem halten, sodass dann der Raum immer mal wieder besetzt war. Entweder, ich hatte keine Zeit zu warten, bis die Leute aus dem Zimmer waren, weil die Pausen zum Teil zu kurz waren fürs Abpumpen oder ich wollte nicht immer allen erklären, dass ich Milch abpumpen musste. Oder ich musste mir Dinge anhören wie: «Kannst du nicht einfach hinten im Raum abpumpen, während wir noch drinnen bleiben.»

Ich bin eigentlich offen und unkompliziert, aber ich bevorzuge doch etwas Privatsphäre beim Milchabpumpen. Die Folge davon war, dass ich zum Teil auf dem Parkplatz im Auto Milch abgepumpt hatte, was unangenehm war! Und dann hatte ich zum Teil einfach keine Milch abgepumpt, sodass es zu einem Milchstau kam, was sehr schmerzhaft sein kann.

Es muss eine bessere Lösung geben

Ich habe erneut das Gespräch mit meinem direkten Vorgesetzten gesucht. Er hat sich für die Umstände entschuldigt mit der Aussage: «Er wusste halt nicht, was zu tun ist, wenn eine Lehrerin Milch abpumpen möchte.»

Dies ist für mich keine Entschuldigung, denn ich sehe es als seine Aufgabe an, sich zu informieren, wenn das Wissen zu diesem Thema bei ihm nicht vorhanden ist. Und eine Lösung für das immer noch fehlende Zimmer zum Milch abpumpen, das vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt werden muss, hatte mein Vorgesetzter immer noch nicht. Und er hatte auch nicht die Absicht, sich um geeignete Räumlichkeiten für mich zu kümmern.

Ich bin dann also weiter zur Personalabteilung, zur Rechtsabteilung und zur Direktion. Überall wurde ich wieder weitergereicht und diese Angelegenheit wurde im Kreis herumgeschoben. Meine Anfrage betreffend dem Milchabpumpen wurde also nicht nur vom Schulleiter, sondern von verschiedenen Abteilungen der Schule nicht zeitnah bearbeitet.

Dann 5 Monate nach meiner ersten Anfrage und 3 Monate nach Wiedereinstieg bei der Arbeit hatte ich eine eindeutige Antwort erhalten von der Personalabteilung. Zum einen kam raus, dass ich während der Unterrichtszeit Milch abpumpen konnte, während eine Stellvertretung, welche von meinem direkten Vorgesetzten organisiert werden musste, meine Klasse übernahm.

Und zum anderen bekam ich endlich einen geeigneten Raum in dem ich genug Privatsphäre hatte für das Abpumpen der Milch. Es war sehr angenehm, als endlich Zeit und Raum da waren und ich mich entspannen konnte beim Milchabpumpen.

Für zukünftige Mamis

Mir kam es vor, als wäre ich das erste Mami an dieser Schule, welche am Arbeitsplatz Milch abpumpen wollte. Ich musste dranbleiben, damit ich eine gute Lösung für mich erhalten habe. Das war unglaublich anstrengend und zeitraubend. Obwohl eigentlich per Gesetz bereits alles geregelt ist.

Und ich musste mir Dinge anhören wie: «Seien Sie doch einfach froh, dass Sie Mutter sind.». Oder: «Dass mein Ton etwas moderater sein könnte», als ich bestimmt darauf hingewiesen hatte, welche Rechte mir zustehen. Es ist eine intensive Zeit, wenn man auf einmal Familie und Beruf miteinander vereinbaren muss. In dieser Zeit wäre es eigentlich schön, wenn man auf Strukturen beim Arbeitgeber zurückgreifen könnte (wie z. B. Regeln für das Milch abpumpen) und man sich dann voll und ganz auf die eigentliche Arbeit und die Familie fokussieren könnte.

Den Spass an der Arbeit habe ich etwas verloren. Ich bin nicht mehr so motiviert, um Arbeiten zu gehen. Ich bin nicht mehr bereit, mehr Leistung als notwendig zu erbringen bei der Arbeit.

Diese negative Erfahrung möchte ich zukünftigen Mamis ersparen und deshalb setze ich mich nun zusammen mit dem Personalausschuss dafür ein, dass mehr Sensibilität für das Thema Milch abpumpen vorhanden ist bei meinem Arbeitgeber und das die Regeln und die Gesetze zu diesem Thema mehr in den Fokus rücken.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

1 Kommentare
  1. verena voser, 08.03.2021, 18:06 Uhr

    mir scheint, da hat jemand den begriff vereinbarkeit gründlich missverstanden. einerseits gibt es die erwerbsarbeit im schulbereich, anderseits die arbeit mit und für die familie. beides vermischen zu wollen, erzeugt über kurz oder lang ärger und enttäuschung bei allen beteiligten.
    seine rechte zu kennen, ist bestimmt von vorteil. daneben sollten aber die pflichten nicht ganz vergessen gehen.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.