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Die Kinder spielen – die Eltern sorgen sich
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Wenn das eigene Kind plötzlich verschwunden ist Die Kinder spielen – die Eltern sorgen sich

4 min Lesezeit 14.07.2019, 17:28 Uhr

Das Kind ist plötzlich weg, wie vom Erdboden verschluckt: Unsere Elternbloggerin nimmt sich einer der schlimmsten Befürchtungen an, die eine Mutter haben kann.

Bevor ich überhaupt daran gedacht habe, Kinder zu kriegen, habe ich mal einen spannenden Satz gelesen. Da hiess es: «Das Muttersein beginnt mit dem ersten Tag der Schwangerschaft und endet nie!» Stimmt das wirklich? Momentan, auf jeden Fall. Die Gedanken um meine Kinder sind mein ständiger Begleiter. Früher, als die beiden noch kleiner waren, war die Sorge, dass es ihnen nicht gut gehen könnte, wenn ich nicht da bin, grösser. Oder besser gesagt, anders. Heute ist die Sorge, wie es meinem Kind geht, komplexer. 

Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder, ganz andere Sorgen

Ich frage mich nicht mehr: «Hat er genug getrunken, hat er Krämpfe oder liegt es an den Zähnen.» Nein, heute bringen mich andere Gedanken um den Schlaf. Zum Beispiel: Wie reagiert er bei einem Schulwechsel auf seine neuen Kameraden, wird er aufgenommen? Kann er sich gegen fiese Kommentare wehren und warum ist er manchmal so zurückhaltend?

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Muttersein ist nicht einfach. Zwar lese ich mein Kind wie ein Buch. Ja, genau so, wie es auch meine Mutter tat. Ich sehe, wenn mein Sohn traurig ist, weiss, wann er mir etwas verschweigt. Aber auch jetzt stosse ich beim Muttersein an meine Grenzen. Dann nämlich, wenn eine der schlimmsten Befürchtungen einer jeder Mutter wahr wird. Der Moment, wo ich mein Kind suche.

Wo ist mein Kind?

Das Kind ist plötzlich weg, wie vom Erdboden verschluckt. Die Mutter läuft verzweifelt umher, sucht das Kind, aber dieses taucht nicht auf, nie mehr! Dies, eine Szene aus einem Samstagabendfilm. Ich schalte den Fernseher aus und es schaudert mich. Seit ich selber Mutter bin, berühren mich solche Szenen enorm. Die Ungewissheit, das beklemmende Gefühl, ja die Machtlosigkeit, all das spüre ich genauso, wie es die Mutter im Film erlebt. Puh, zum Glück nur ein Film, denke ich mir und gehe ins Bett.

Der nächste Tag beginnt wie immer, völlig unspektakulär. Ich wecke die Kids, mache Frühstück und schicke sie in die Schule und den «Kindsgi». Und auch der Rest des Tages verläuft wie immer. Dann kommt dieser Moment. Da ich noch schnell etwas am Computer machen muss, lasse ich die Kinder draussen spielen. Irgendwann ist der Grössere wieder zurück, vom Kleinen keine Spur. «Er ist sicher noch am Spielen und kommt noch nach», denke ich mir und bereite schon mal das Abendessen vor.

Bloss nicht aufregen

Nach einer gefühlten Stunde immer noch nichts. «Ok, er ist sicher bei einem anderen Gspändli», will mich mein Inneres beruhigen. Glauben ist gut, Kontrolle besser. Daher mache ich mich auf die Suche.

Ich durchforste die Umgebung, die Garage, den Keller und klingle bei allen Nachbarn. Alle schütteln sie den Kopf, nirgends ist mein Kind. «Wo ist er bloss, was macht er?», hämmert es in meinem Kopf. «Er wird wohl nicht einfach weggelaufen sein, oder gar entführt?» In Gedanken schüttle ich den Kopf. «Nein, sicher nicht. Er ist sicher in der Nähe und spielt. Warte nur, wenn ich dich finde, dann gibt es eine grosse Standpauke!»

Die Gedanken drehen sich immer schneller. «Geht es ihm gut?» Der Puls beginnt zu steigen. Auch die Nachbarn machen sich inzwischen Sorgen: «Er geht doch sonst nicht einfach weg, oder?» «Nein, sicher nicht», schiesse ich zurück und erschrecke über meinen forschen Ton, um mich sogleich dafür zu entschuldigen. Ich kenne mich selber nicht mehr. Ich suche und suche, genau wie die Frau im Film. «Lass es nicht das gleiche Ende haben», pocht mein Inneres in mir.

Der verlorene Sohn kehrt zurück

Unterdessen ist bereits die ganze Nachbarschaft unterwegs: Alle suchen, rufen seinen Namen und beraten über mögliche Aufenthaltsorte. Dann, plötzlich taucht hinter einem Gebüsch mein Sohn auf. Von Kopf bis Fuss voller Matsch, grossen Augen und einem verschüchterten Blick. «Mami, was ist denn los?» «Na was wohl», herrsche ich ihn an, «ich habe DICH gesucht!» Leise entgegnet er mir: «Ich habe doch nur gespielt, beim kleinen Brunnen. Es war so toll.»

In diesem Moment ist mein ganzer Ärger verflogen. Ich packe meinen Sohn und umarme ihn ganz fest. «Das nächste Mal sagst du mir, wenn du woanders spielen gehst, versprochen?» «Versprochen», flüstert er mir ins Ohr. Puh, für heute habe ich genug. Am Abend im Bett kommt mir wieder der Satz des Textes in den Sinn. Jetzt weiss ich, was es heisst: Muttersein beginnt mit dem ersten Tag der Schwangerschaft und endet nie, wirklich nie!