Achtung: Mein Kind könnte sich wie ein Kind verhalten
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Mit Kind auf einem Langstreckenflug. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Kindergeschrei im Flugzeug Achtung: Mein Kind könnte sich wie ein Kind verhalten

3 min Lesezeit 26.03.2017, 08:30 Uhr

Langstreckenflüge mit Kindern – eine Horrorvorstellung für viele Eltern und nicht immer ein leichtes Ertragen für die Sitznachbarn. Bloggerin Sabine Simmen über Bestechung und K.o.-Spritzen.

Flugreisen mit Kleinkindern: «Stell dir vor, du sitzt im Flugzeug und dann macht die Familie neben dir DAS!»

Dieser tolle Titel wurde mir kürzlich auf Facebook als heftig lesenswert angezeigt. Und da ich vor ein paar Monaten selbst mit meiner Familie eine längere Flugreise unternommen hatte und natürlich auch, weil das Ganze so unsagbar spannend klang, musste ich das lesen. Geschickt umkurvte ich eine Autowerbung, wich zwei «So wirst du schlank in nur 10 Sekunden»-Bannern aus und gelangte so 17 Klicks später zum eigentlichen Text. Der war dann – wie immer – nicht einen Hundertstel so spannend:

Mann und Frau flogen erstmals mit der 8 Monate alten Chantelle und verteilten der ganzen Sitzreihe ein Goodie-Bag. Drin: Ein paar Süssigkeiten und Knabbereien, Ohropax und ein Briefli, in dem erklärt wird, dass klein Chanti zum ersten Mal fliegt, dass sie eventuell nicht gut schlafen, laut oder nervös oder zappelig werden könne und man das doch bitte entschuldigen möge.

Bestechung im Flugzeug

Im Brief wird also erklärt, dass Chantelle ein Kind auf Flugreise sei und sich an Bord auch – Achtung! – tatsächlich wie ein Kind verhalten könnte.

Ob diese doch sehr offensichtliche Bestechung wohl was brachte? Haben die armen Mitmenschen links und rechts wohl versöhnlich gelächelt und in ihre Brezeli gebissen, während Chanti acht Stunden durchgeschrien hat?

Man weiss es nicht. Genauso wenig weiss ich, ob mich damals im Dezember so ein Goodie-Bag vor vielen bösen Blicken, Verwünschungen und heftigem Kopfgeschüttel bewahrt hätte. Damals flogen wir mit den drei Jungs nach Thailand an eine Hochzeit. Der Flug war lang und die Kinder hielten sich wirklich grossartig. Bis wir dann nach zehn Stunden Tagesflug und zwei Stunden Aufenthalt in Singapur wieder den Flieger besteigen mussten. Und der einfach nicht abheben wollte. Es wurde heiss im Flugzeug und alle mussten gemäss Ansage angeschnallt bleiben.

Tickende Zeitbombe von einem Zweijährigen

Da spürte ich, dass die Lunte meiner tickenden Zeitbombe von einem Zweijährigen zu brennen begann. Die Explosion erfolgte sofort und heftig, indem sich der Kleine während zirka 15 Minuten seine ganze Müdigkeit, die Anspannung und die Nervosität vom Leibe schrie.

Die Reaktionen der anderen Passagiere? Den Umständen entsprechend: Demonstratives Kopfgewende  und -geschüttel, gezischte Laute, Fluchworte in allen möglichen Sprachen. Und was tat ich? Ich sass ruhig da, hielt meinen strampelnden und schreienden Jüngsten so gut es ging im Arm, ohne mir die Nase zu brechen, murmelte beruhigende Konsonanten und probierte die aufbrandende Missachtung so gut wie möglich zu ignorieren.

Durchhalten, aussteigen oder doch K.o.-Spritzen?

Was hätte ich denn auch sonst tun sollen? Eine kleine Spritze aus dem Handtäschli zaubern und den Sohn ins zeitweilige Nirvana schicken? Oder einfach das Flugzeug verlassen und zurück in die Schweiz reisen? Nach dem Motto: Sorry, Bruder, ich komme dann gerne an deine nächste Hochzeit?

«Es sollte wohl möglich sein, für 15 Minuten einen schreienden kleinen Menschen zu ertragen.»

Nach gefühlten 34’577 Stunden erschlaffte der kleine Körper in meinen Armen und dem schrillen Geschrei folgte gleichmässiges Atmen, das nur noch zwischendurch von einigen fast tonlosen Schluchzern unterbrochen wurde. Das Flugzeug hob ab und die Passagiere vergassen Höhenmeter für Höhenmeter ihre Empörung über dieses schrecklich unerzogene, nervige, doofe Kind mit den noch dümmeren, unfähigen Eltern. Und schon längst vergessen haben sie alle die Tatsache, dass viele von ihnen selbst einmal kleine Kinder hatten oder – und da bin ich ganz sicher – selbst mal kleine Kinder waren und sich in so einer Situation wohl nicht viel anders verhalten hätten.

In Zeiten, in denen sich all die grossen Menschen Schlagwörter wie Toleranz, Verständnis und Akzeptanz gross auf die Fahnen schreiben, sollte es wohl auch möglich sein, für 15 Minuten einen schreienden kleinen Menschen zu ertragen. Auch ganz ohne Bestechung. Oder?

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